Alles Schweine, arme Schweine….

….findet der Tierschutzbund offenbar.

Beinahe könnte man scherzend fragen: Schon jemand mal den Tierschutzbund sich zum Thema Organspende oder Zell- und Gewebespende von Menschen nach deren Hirntod  äussern hören? Nein? Nur wenn es um die armen Schweine geht? Nichts gegen Tierschutz, schon erst recht nicht unter dem Aspekt der nachfolgend noch zu nennenden Gründe. Aber dennoch: Das macht einen nach dem Schweigen des Tierschutzbunds zur postmortalen Spende zu und nach Hirntod des Menschen doch eigentlich schon Grübeln, gell? ;-) Stichwort: Menschenleben. Mensch. Werte.

Ich würde mir dann – wenn schon, denn schon – auch bitte von einem Tierschutzbund  ein Eintreten für das wünschen, wo es um Zellen und Gewebe von Menschen geht und wohin diese gehen. Dafür ist er nicht zuständig? Warum nicht? Ein Verband, der sich eines gesamtgesellschaftlichen Themas wie des Schutzes von Tieren annimmt und selbst von Menschen und ihrem Eintreten für Tiere lebt und sich an Menschen richtet, sollte den Menschen neben dem Tier nun auch nicht ignorieren.

Und in einem Punkt hat er nun keineswegs so Unrecht. Mit der Kritik der Ver(sch)wendung von Tieren, die für Forschung und per Xenotransplantation für die Versorgung von Wartelistenpatienten eben nicht in den Schmortopf, sondern in das Labor wandern. Wandern sollen. Noch mehr wandern sollen. Denn dass sie das tun, ist mitnichten neu. Und leider ebensowenig neu ist:

Die Perspektive einer Versorgung mit sogenannten transgenen Schweinen ist nicht erkennbar besser oder vielversprechender als vor rund 13 Jahren, als ich im Rahmen einer Veranstaltung zum Thema Xenotransplantation (Xenotransplantation – Königsweg aus der Organknappheit? Eine Behandlungsperspektive im Lichte rechtlicher Zukunftsbetrachtung, Universität Giessen/ Schloss Rauischholzhausen, 1999, siehe auch die Liste der weiteren Veranstaltungen zum Thema) mit den Teilnehmern aus der Forschung auch diese Fragen und den Stand und die Zukunftsperspektive diskutieren konnte, auch mit den Vorträgen und den Gesprächen der weiteren Teilnehmer.
Nun sollte man wissen, dass Schloss Rauischholzhausen (ein übrigens ausnehmend hübscher  Tagungsort) einer Reihe von Veranstaltungen der Uni Giessen ist. Und eben dort wurde erst vor wenigen Wochen von Ministerpräsident Volker Bouffier  das Biomedizinische Forschungszentrum Seltersberg (BFS) der Universität Gießen eröffnet  . Hier mehr dazu und zu den Details und Erwartungen (siehe auch Projektsteckbrief als PDF) ;

In eben diesem Zentrum hatte im Mai 2012 auch mit der Headline “Zukunft der Transplantationsmedizin beginnt erst” der Münchner Herzchirurg Reichart erneut bekräftigt, die Organübertragung Tier-Mensch könnte Spendermangel beheben:

« Das Wissen darüber ist noch nicht weit genug verbreitet, aber die Zukunft hat bereits begonnen«. Mit diesem optimistischen Ausblick beschloss der im Vorjahr emeritierte, inzwischen mit einer Senior-Forschungsprofessur geehrte Münchner Herzchirurg Prof. Bruno Reichart beim zweitägigen »Türkisch–Deutschen Transplantations-Symposium« am Wochenende seine Ausführungen über die Xenotransplantation als letzte Therapiemöglichkeit bei Herzversagen.

Im neuen Biomedizinischen Forschungszentrum am Seltersberg betonte er, die Organübertragung vom Tier auf den Menschen könnte zu einer Lösung des weltweit bestehenden Mangels an Spenderorganen führen.

Ich habe das auch von ihm schon vor rund 13 Jahren und mehr als einmal gehört, ebenso wie von ebenso führenden Forschern und Transplantationsmedizinern, dass dies damals wie heute keine realistische Perspektive sei.

Der Engpass bei Organen gibt aber immer eine willkommene Rechtfertigung, an eben auch dieser Forschung festzuhalten. Und so wird der Organmangel und wurde er auch im Verlauf des Symposiums dem Vernehmen nach von einer ganzen Reihe von Referenten immer wieder beklagt: Während die positiven Ergebnisse der Transplantationsmedizin immer offenkundiger würden, ginge aufgrund des Spendermangels die Zahl der Transplantationen dramatisch immer weiter zurück.

Für Reichart, fünf Jahre lang ärztlicher Direktor des »Groote Schuur« Krankenhauses in Kapstadt bestehe der Vorteil der Xenotransplantation in der praktisch unbegrenzten Verfügbarkeit von tierischen Spenderorganen und der zeitlich planbaren Durchführung ohne Wartezeiten.

Das aber macht nur und erst Sinn, wenn je eine solche Durchführung möglich wäre. Und das ist eben noch und auch in absehbarer Zukunft nicht ersichtlich. Das Schüren der Perspektive als Zukunftsmusik fördert aber noch anders. Dazu gleich.

Über ideale »größenkompatible« und leistungsfähige Organe verfüge namentlich das Schwein. Bedenken, es könne bei einer Transplantation von Schweineorganen zu einer »Infektion« mit tierischen Viren kommen, betrachtete  Reichart durch die mittlerweile erfolgten züchterischen Ergebnisse der Münchner Veterinärmediziner als ausgeräumt. Der Gast verwies darauf, dass beispielsweise schon lange Herzklappen vom Schwein mit guten Ergebnissen als Herzklappenersatz beim Menschen eingesetzt werden.

Am Rande des Symposiums wurde bekannt, dass nach dem Auslaufen einer von Reichart geleiteten Transregio-Forschergruppe an der Ludwig-Maximilians-Universität die Entscheidung über die Einrichtung eines Sonderforschungsbereiches »Xenotransplantation« der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG zu erwarten ist.

Und das ist sie inzwischen auch. Die DFG hat ihr diesen zugebilligt. Und für die Einrichtung solcher Sonderforschungsbereiche der DFG und der damit verbundenen Mittel und Etat ist die unvermindert geschürte Zukunftshoffnung unerlässlich. Ob sie eine Illusion, eine nicht realistische Perspektive ist, ….. oder nicht.

Die Bearbeitung von Teilprojekten sollen Arbeitsgruppen in Hannover und in Dresden übernehmen. Über die dort auf dem Gebiet der Inselzell-Transplantation laufenden Arbeiten berichtete bei der Veranstaltung in Giessen Prof. Mathias Brendel. Der frühere Oberarzt in der ehemaligen Medizinischen und Poliklinik der Justus-Liebig-Universität war in der Arbeitsgruppe um die Professoren Konrad Federlin und Reinhard G. Bretzel im November 1992 dabei, als die erste Einschwemmung insulinproduzierender Betazellen aus der Bauchspeicheldrüse von Spendern zur Behandlung des Typ I weltweites Aufsehen erregte. In Dresden wird demnächst ein neues Programm gestartet. Über die Einbettung präparierter Zellen in ein Algen-Gel, die, in einem kleinen Kästchen vor Abstoßungsreaktionen geschützt, implantiert werden, erwartet man eine Verlängerung der Funktionszeit der Spenderzellen. Nachdem Prof. Konstantin Mayer den türkischen Gästen eine Übersicht über die in Gießen erfolgten Lungentransplantationen vermittelt hatte, griffen aus dem gastgebenden Team um Prof. Winfried Padberg auch die Chirurgen Dr. Markus Hirschburger und Dr. V. Mann dieses Thema auf. Der Nephrologe und Sprecher des Transplantationszentrums, Prof. Rolf Weimer, informierte die türkischen Gäste über die Nierentransplantation über Blutgruppenschranken hinweg, Professor Klaus Valeske ging auf die Herztransplantationen im Kinderherzzentrum ein und Prof. Veronika Grau, Leiterin der Sektion Experimentelle Chirurgie, schilderte die Gießener Forschungsarbeiten zur Entschlüsselung der Rolle von Entzündungsmediatoren beim Abstoßungsprozess, ehe Prof. Weigand die Probleme aus der Sicht der Anästhesiologie beleuchtete.

 Quelle: Bericht Uni Giessen 15.5.2012

Über Liz

Photographer, Author, Foodstylist, Jurist
Dieser Beitrag wurde unter 1 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s