Erst mal die Hand aufhalten, statt Hände zu waschen?

Nierenschale © Liz Collet

Nierenschale © Liz Collet

Dies kommt einem in den Sinn, liest man als eine der ersten Reaktionen auf das auf den Weg gebrachte Infektionsschutzgesetz zB diejenige der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) gestern. Zugegeben – der Post-Titel ist etwas überspitzt  formuliert, allerdings eher aus diesem Grund: Denn beim Thema Infektionsschutzgesetz geht es – zumindest nicht allein und nur – um’s Händewaschen im Krankenhaus. Sondern um einen ganz grundsätzlichen Standard und geschuldete Voraussetzung jener Einrichtungen, die ob in öffentlicher Hand oder in privatisierten Trägerschaften, die Aufgabe zu erfüllen haben, Patienten zu behandeln und vor weiteren Krankheiten dabei selbstverständlich zu schützen.   Patienten gehen in Kliniken, wenn es unumgänglich notwendig zur Behandlung ist, um Heilung oder mindestens eine Besserung eines diagnostizierten Gesundheitszustandes respektive Krankheitsbildes ist und sind dabei darauf angewiesen, was Krankenhäuser strukturell, medizinisch, personell und organisatorisch zu gewährleisten haben. Dieser Zweck ist – wenn auch nicht als Erfolg und damit nicht als Werkvertrag, so doch als Dienstleistung – geschuldet und wird üblicherweise mit den Leistungen der gesetzlichen und Privaten Krankenversicherungen vergütet, sowie durch einige weitere Budgets. Was der Kunde Patient dafür erwarten darf? Lege artes behandelt zu werden und – nihil nocere !? – während dieser Zeit nicht geschädigt zu werden. Man sollte – so Otto Normalverbraucher und Lizchen Müller – meinen, dazu gehöre auch vor Infektionen und Erregern geschützt zu bleiben und werden, die ihn nicht einmal durch seine eigene „mitgebrachte“ Erkrankung, sondern ausschliesslich durch ihr Vorhandensein im Krankenhaus dort erreichen. Gegen diese ausreichend Vorsorge zu treffen ist eine der hauseigenen Aufgaben eines Krankenhauses. Was würde man wohl dem Betreiber eines Restaurants seitens der Konzessionsbehörden oder seiner Gäste antworten, würde dieser sich nach einer oder bereits wiederholt bei ihm aufgetretenen Salmonellen – oder anderen Infektion (und wir bemühen nun nicht einmal aktuelle EHEC-Themen) hinstellen und folgendes sagen:

„Infektionen ? Erkrankung ? Prävention? Klar – finde ich auch gut. Aber ….hmmm …isch hab da zwei Probleme, wenn ich meine Gäste davor schützen soll, die zu mir als Gäste zum Essen kommen: Also eeeeerstens kann ich das, was dazu nötig ist, um dagegen Schutzmassnahmen zu treffen, bitte nicht in einer so kurzen Zeit von 5 Jahren  schaffen, nä!? Und dann geht das auch kei-nes-falls mit dem Einkommen, das ich von den Gästen erwirtschafte. Also wenn ich hier selbst und mein Personal und die Küche und Sanitärräume usw so bewirtschaften soll, dass da auch keine Salmonellen Gästen schaden können, dann geht das keinesfalls ohne dass ich dafür noch Geld vom Staat kriege, nä!?“

Lassen Sie uns raten ? Er könnte sich kaum so schnell umdrehen und seine Türe zum Gastraum schliessen, wie die Behörden dieselbe Türe schliessen und den Schlüssel dazu – aus gutem Grund und weil die Gäste vor derlei Schaden zu bewahren sind – umdrehen.

Nun wissen wir längst: Patienten sind budget- und marketingtechnisch schon lange nicht mehr (nur) Patienten, sondern  Kunden und die Kliniklandschaft und das Gesundheitswesen ist zum Gesundheitsmarkt avanciert. Was aber darf ich als Kunde Patient erwarten für mein gutes Geld und das der Versicherung und das des Staates, der sich an der Aufrechterhaltung des Gesundheitswesens in vielfältiger Weise ebenfalls an der finanziellen Grundlage der Kliniken beteiligt? Behandlung als Hauptpflicht des Behandlungsvertrages wie der Jurist das vertragsrechtlich sortiert. Den Schutz vor Infektionen könnte man uU auch als eine solche mit-erfassen im Vertragsverhältnis zwischen Patient und Arzt / Klinikträger. Selbst wenn man einen so wesentlichen Aspekt der beiderseitigen Vertragspflichten, der immerhin keine unerhebliche Anzahl jährlicher Todesfälle nach Krankenhausinfektionen neben Amputationen und Schädigung von Organen betrifft(1),nicht als vertragliche Hauptpflicht dogmatisch definieren würde: Es gibt da – man höre und staune –  sogar im medizinschen Behandlungsvertrag ohne erfolgsgeschuldete Zielsetzung sog. vertragliche Nebenpflichten. Und mindestens zu diesen, die vom Honorar für Arzt- und Klinikleistungen ebenso wie von dem, was Kliniken unerlässlich als Leistungsfähigkeit bieten müssen, wenn sie das Etikett Klinik (oder gar Universitätsklinik und Hochleistungsmedizin) verdienen wollen, sollte selbstverständlich auch der Standard struktureller, personeller, organisatorischer Basics gehören, der Patienten vor Infektionen in der Klinik schützt. Ohne zusätzlich dafür die Hand aufhalten zu dürfen.

Es mag sein, dass Patienten für eine bessere Behandlung auch bereit sind, mehr zu bezahlen. Bei einer solchen nicht stattdessen durch Infektionen geschädigt zu werden und zwar nicht nur bei zusätzlicher barer Münze gehört eigentlich nicht erst seit Semmelweis zum Grundverständnis dessen, was man als Patient neben der Entbindung und ganz generell bei der Behandlung erwarten darf. Erfüllung von Hygieneschutz ist keine zusätzliche oder freiwillige oder fakultative Zusatzaufgabe mit Zusatzbudgetcharakter. Sondern essentielles Kriterium, ob eine Klinik den Begriff und damit ihre „Zulassung“ überhaupt verdient. Vielleicht noch einmal über das Grundverständnis der Aufgaben und Pflichten nachdenken, werte Ärzteschaft und Interessenvertreter der Kliniken? Bevor man sich im „Marktgeschehen Gesundheitswesen“ der Konkurrenzfähigkeit, der Zulassungsqualität als Klinik (hin)stellt und erst mal für Basics die Hand aufzuhalten versucht. Basics, die prima facie als Grundpflichten für Kliniken vom Kommunalen Krankenhaus bis zu den Universitäts-kliniken, also  der höchsten Versorgungsstufe, nicht weniger Gültigkeit haben sollten, als für jedes Haus von der Eckkneipe bis zum Gourmetrestaurant. Soviel Anspruch an SICH und das Selbstverständnis als Hochleistungsmedizin nicht nur der höchsten Versorgungsstufen in der Kliniklandschaft und nicht an die öffentliche Hand wie auch an die Hand derjenigen, welche die Rechnungen für die Behandlung bereits bezahlen, sollte man sich leisten. Wenn man sich als leistungsfähig darstellt, an der Gesundheitsversorgung in Deutschland teilnehmen und nicht nur  zusätzliche  Finanzierungs-Töpfe erschliessen und  teilhaben zu wollen.

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Anmerkung :

(1) Laut Gesetzentwurf erkranken in Deutschland jährlich zirka 400.000 bis 600.000 Patienten an Krankenhausinfektionen, laut Schätzungen mit Todesfolge für zwischen 7.500 und 15.000 Patienten.

Bildquelle: Nierenschale © Liz Collet

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Über Liz Collet

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