Rambazamba im Pflegeheim

Mitten im Leben © Liz Collet

Mitten im Leben © Liz Collet

Die Zahl der demenzkranken  Menschen nimmt zu. Das liegt an der Altersstruktur und ihrer auch künftigen Entwicklung. Mit dem Krankheitsverlauf und  ihrem Grad an Betreuungs- und Pflegebedürftigkeit nimmt auch die Zahl der Patienten in Pflegeheimen zu. Dort – möchten man denken  und erwarten – seien sie in der Obhut und Betreuung und an einem Ort, an dem sie den Bedürfnissen und Erfordernissen ihrer Erkrankung entsprechend leben können. Teil des Krankheitsbildes der Demenz , eines seiner Symptome ist aber auch, dass sie phasenweise  aggressiv sein und werden (können). Dafür können sie nichts.

Was dann, wenn das dazu führt, dass es so richtig zu Rambazamba kommt, bei dem andere – Personal oder Mitbewohner beispielsweise – „Opfer“ dieser Aggression werden? Ist das ein Grund, ein Anlass, eine andere (zwangsweise?) Unterbringung solcher Patienten zu veranlassen oder anzuordnen, gerichtlich anzuordnen?

Oder gehört es nicht gerade auch in erster Linie in Aufgabe, Kompetenz und Verantwortung eines Pflegeheims, durch geeignete organisatorische, personelle und andere Massnahmen auch diesen krankheitsbedingten Symptomen Rechnung zu tragen und gerecht zu werden? Das ist eine der Fragen, die sich stellt, wenn man von dem Fall  eines Patienten und Pflegeheim-Bewohner in Garmisch-Partenkirchen liest. Am 2. Januar vergangenen Jahres, gegen Mittag, ging der 80-Jährige offenbar zu einer bettlägerigen Mitbewohnerin, packte die Fernbedienung des elektrischen Bettes und schlug ihr damit mehrfach ins Gesicht. So berichtet hier. Vier Tage musste sie dem Bericht zufolge  im Krankenhaus behandelt werden. Die Tochter der verletzten Frau erstattete Anzeige, nun wurde vor dem Landgericht München II verhandelt. Die Staatsanwaltschaft hatte ein so genanntes Sicherungsverfahren eingeleitet. Dabei geht es darum, ob der – zweifelsfrei – schuldunfähige Mann so gefährlich ist, dass er in einer geschlossenen Psychiatrie untergebracht werden muss. Darüber hatte das Gericht zu entscheiden.

Die Frage könnte aufgrund der demographischen Entwicklung und zu den Zahlen der Entwicklung von Demenzerkrankungen wegen der keineswegs seltenen oder untypischen Aggressionssymptome öfter auftauchen.

Es lohnt und ist nötig, darüber und die möglichen Folgen nachzudenken. Auch……….. bei der Frage, ob und wem Sie für den Fall eigener krankheitsbedingter Entscheidungsunfähigkeiten und Eintritt von Betreuungs- und Pflegebedürftigkeit Vollmachten erteilen. Oder vielleicht………….doch nicht? Wer beispielsweise als Bevollmächtiger in der Lage , willens und in der Lage wäre, Sie als Demenzkranken zu vertreten und zu „verteidigen“ gegen eine „Verbringung“ vom Pflegeheim in eine geschlossene Abteilung. Auf Antrag des Heims, auf Anzeigen hin, auf gerichtliche Entscheidung hin,…………?

Auch wegen der Frage, ob und wie weit sich künftig vielleicht eine Tendenz daraus ergibt, eine Demenzerkrankung zunehmend in psychiatrische Zwangs- und Sicherungsunterbringung münden und führen zu lassen. So dass aus einer altersbedingten und Pflegebedürftigkeit bewirkenden Erkrankung eine psychiatrische Zwangsunterbringung und -behandlung in geschlossenen psychiatrischen Abteilungen wird.  Anstelle des Lebens in einem Pflegeheim.

Sie könnten Fragen, ob es für Betroffene praktisch einen Unterschied mache, in welcher Art Heim oder Einrichtung sie untergebracht würden, wenn sie eh nicht mehr ein eigenbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung führen oder wenn sie – wie oft irrig dahingeredet wird – eh nicht mehr sooo viel um sich rum mitbekommen oder erkennen, wo sie sind. Solche Sätze hört man nicht nur von Laien. Ich könnte Ihnen da das eine oder andere seltsam anmutende Gespräch mit Fachpersonal schildern.

Die Frage betrifft auch Rechte von Patienten und den Schutz von Patienten und welcher Art und welcher Rahmen dafür geschuldet ist. Die Frage, die sich stellt, ist auch:

Leben in einem Pflegeheim wegen einer Erkrankung, die eigentlich enttabuisiert, entstigmatisiert werden soll  versus Zwangsunterbringung in geschlossener psychiatrischer Abteilung mit dem in der Luft hängenden Hauch von Kriminalisierung, mit dem „Stigma“ , das Zwangsunterbringung, Psychiatrie, die mit solchen Unterbringungen unvermindert in den Köpfen der Öffentlichkeit und Gesellschaft vermittelt.

Es hat Auswirkungen auf die Rechte der Patienten. Auf Art, Inhalt und Behandlung in Pflegeheim einerseits. Und in geschlossener psychiatrischer Abteilung andererseits. Was darf man im einen Fall, im anderen mit ihm an Behandlung machen? Wer ist jeweils zuständig für Entscheidungen darüber? Es ist ein erheblicher Unterschied für den Betroffenen, wo er leben muss. Oder bleiben darf, wenn und weil er demenzkrank ist.

Die Frage wird vermutlich öfter praktisch auftauchen. Sie ist wert, darüber nachzudenken. Ob. Wann. Wie. In welchen Fällen. Auf welcher (rechtlichen) Grundlage. Unter welchen Voraussetzungen. Und weil Fragen der oft berichteten und beklagten Überlastung von Personal in Pflegeheimen generell in solchen und solchen etwa zunehmenden Fällen und Fragen vielleicht dazu führen kann, sich der (subjektiv oder objektiv vorhandenen oder empfundenen) Organisationsverantwortung für besondere Anforderungen bei Demenzpatieten verführerischerweise durch Anträge auf Zwangsunterbringung zu entledigen. Zumal wenn diese mit einem Wechsel des Kostenträgers für die Unterbingung in Pflegeheim einerseits und geschlossener psychiatrischer Abteilung wechselt………..

Ein Schelm, wer……… ?

Über Liz Collet

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3 Antworten zu Rambazamba im Pflegeheim

  1. snoopylife schreibt:

    Immer wieder interessant, die Sicht auf die Dinge hier im Blog. Danke dafür. – ist es nicht ganz einfach? Kollektive Verdrängung mündet in kollektive Abwehr. Nicht nur bei Alten, Dementen, sondern auch bei psychisch nicht so ganz stromlinienförmigen. Ich kann ja nachvollziehen, dass es anstrengend ist, sich mit solchen Menschen zu beschäftigen. Aber wegsperren??? Nee, danke. Vielmehr müssten wir alle lernen, wie wir mit dem „Anderen“ umgehen können. Dass es heikle bis gefährliche Situationen gibt will ich gar nicht wegreden. Aber auch so was kann minimiert und der Umgang damit trainiert werden.

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