„Hey, fang!“ {Herumwerfen von Wuchtgewichten in Kfz-Betrieb ist persönlich-privater Bereich}

 Arbeitsgericht © Liz Collet

Arbeitsgericht © Liz Collet

„Hey, fang!“

Ob das Gericht anders entschieden hätte, wäre solche eine oder eine andere verbale Aufforderung dem Schadensgeschehen vorangegangen?

Wäre dann das Herumwerfen von Wuchtgewichten in Kfz-Betrieb kein dem persönlich-privaten Bereich zuzuordnendes Handeln gewesen?

Nach dem Urteil des LAG Hessen war es das im kürzlich entschiedenen Fall. Nicht die erste Lektion des Auszubildenden, die er erhielt. In seinem Ausbildungsbetrieb. Aber eine mit teurem Lehrgeld.

Unvergleichbar.

Unvergleichbar teurer für den Ge- und Betroffenen des Geschehens. Dieser trug eine Hornhautverletzung und eine Oberlidrandverletzung davon, wurde mehrfach operiert. Dabei wurde ihm eine künstliche Augenlinse eingesetzt. Wegen der verbliebenen Hornhautnarbe leidet er an einer dauerhaften Sehverschlechterung und dem Verlust des räumlichen Sehvermögens. Diese Verletzungen und ihre Folgen waren Gegenstand der  Klage  des 18-jährigen Klägers gegen einen Kollegen nach folgendem Geschehen:

Am 24. Februar 2011 war der Beklagte des vorliegenden Rechtsstreits in seinem Ausbildungsbetrieb, einer Kfz-Werkstatt in Bad Homburg, mit dem Auswuchten von Autoreifen beschäftigt. Der zum damaligen Zeitpunkt 18-jährige Kläger, ebenfalls Auszubildender, stand etwa 10 m weiter weg.

Der Beklagte warf ohne Vorwarnung ein etwa 10 g schweres Wuchtgewicht aus Aluminium in Richtung des Klägers und traf ihn am linken Auge, am Augenlid und an der linken Schläfe.

Einen Sack Flöhe zu hüten ist für manchen Ausbilder sicher ein leichteres Unterfangen, wenn Fangen und Werfen am falschen Platz und am Arbeitsplatz geschehen. Volljährigkeit ist da leider sowenig eine Garantie wie auf Autostrassen oder Autodatenbahnen und andernorts. Man kann bei Altersgrenzen von 14 , 16 und 18 Jahren für verschiedene Rechtsbereiche, wie etwa die Frage der Widerspruchsberechtigung gegen Organspende ab 14 oder Zustimmung zu solcher ab 16 Jahren und rund um Fragen wie Hirnaktivität, Hirntod und Hirntoddiagnose durchaus ins Grübeln kommen. Oder?

Der Kläger hat den Beklagten deshalb auf Schmerzensgeld und die Feststellung in Anspruch genommen, dass dieser auch zukünftig jeden Schaden aus dem schädigenden Ereignis ersetzen muss.

Das Arbeitsgericht und ihm folgend das Hessische Landesarbeitsgericht haben der Klage insoweit stattgegeben und den Beklagten zu einem Schmerzensgeld von 25.000 € verurteilt:

  • Der Beklagte habe den Kläger fahrlässig an dessen Gesundheit geschädigt.
  • Der Beklagte hätte wissen können und müssen, dass ein kraftvoller Wurf mit einem Wuchtgewicht eine solche Verletzung hervorrufen kann.
  • Der Beklagte sei auch nicht von seiner Haftung befreit gewesen, weil es sich bei dem Wurf gerade nicht um eine betriebliche Tätigkeit im Rechtssinne gehandelt habe, bei der für Personenschäden nur für Vorsatz, nicht aber für Fahrlässigkeit gehaftet wird.

(„Hey, fang!“ hätte also – um die Eingangsfrage zu beantworten – auch nichts geändert)

  • Das Herumwerfen von Wuchtgewichten in einem Kfz-Betrieb sei vielmehr dem persönlich-privaten Bereich zuzuordnen, für den ein Arbeitnehmer in vollem Umfang hafte.

Bei der Bemessung der Höhe des Schmerzensgeldes war für das Hessische Landesarbeitsgericht das Ausmaß erlittenen Schmerzen, der dauerhaften Beeinträchtigung der Lebensführung des Klägers und das Risiko weiterer Verschlechterungen des Augenlichts entscheidend.

Erfolglos blieb hingegen der Anspruch des Klägers auf eine zusätzliche monatliche Schmerzensgeldrente, deren Voraussetzungen nach Auffassung des Gerichts  im vorliegenden Fall nicht gegeben seien.

Hessisches Landesarbeitsgericht – 20. August 2013 – 13 Sa 269/13, Vorinstanz: ArbG Frankfurt am Main –  24. Januar 2013 – 19 Ca 4510/12

Quelle: PM LAG Hessen 30.9.2013

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