Ein Fussballer outet sich – und alle finden’s toll

Evangelische Dreifaltigkeitskirche Schongau © Liz Collet

Evangelische Dreifaltigkeitskirche Schongau © Liz Collet

Nur ich, finde es nicht nur (sic!)  toll.

Eher traurig.

Um Missverständnissen vorzubeugen:

Ich habe Respekt vor Menschen, die zu dem stehen, was sie sind und wie sie sind.

Und wer über etwas reden muss, was ihn belastet und mit Reden befreit, hat ihn ebenso.

Aber:

Ich habe nicht ein Jota weniger Respekt vor Menschen, die das nicht öffentlich machen müssen, um vor allem vor sich selbst zu dem stehen, was sie und wie sie sind, egal ob andere das wissen oder ebenso gut finden.

Ich habe nicht weniger Respekt vor Menschen, die ihre privaten Dinge, darunter auch sexuelle Neigung schlicht und einfach als privat ansehen. Auch als Prominente.

Privatsphäre verliert per se schon jegliche Bedeutung, wenn sie sich durch Verlautbarungen und Erklärungen veröffentlichen muss, um Toleranz und Akzeptanz zu bewirken. Anstatt sie einfach zu leben.

„Wir leben in einem Land, in dem niemand Angst haben sollte, seine Sexualität zu bekennen aus Angst vor Intoleranz“, sagte der Sprecher der Bundeskanzlerin, Steffen Seibert. Es sei gut, dass Hitzlsperger über etwas „spricht, was ihm wichtig ist, was ihn möglicherweise auch befreit“.

Die Sache aber hat eine weitere Seite:Wir leben auch in einem Land, wo niemand Angst haben sollte, nur akzeptiert zu werden, wenn er alles offenbart, was eigentlich seine Privatsache ist und nur um mehr Akzeptanz zu erfahren.

Toleranz und Akzeptanz besteht in Wahrheit erst dann und dort, wo es überhaupt kein Thema sein muss und ist, um einen Menschen so zu nehmen, wie er ist.

Medien geben die Claqueure dieses Outings ebenso wie die Otto Normalbürger, obschon sie es sind, die bei Prominenten den Kitzel am unfreiwilligen Ausrecherchiertwerden erst zum Geschäft und zur Sensation machen und werden lassen. Packt Euch an der Nase! Wäre es für Euch nicht so skandalösinteressant, sprich: Schlagzeilen wert, wären für Prominente wie andere individuelle Vorlieben, Neigungen, Eigenheiten, Persönlichkeiten nicht so unter Druck, dies als nicht selbstverständlich leben und ansehen und empfinden zu dürfen. Schämt Euch, jetzt Lob für einen auszusprechen, der nichts anderes tut, als Euch eine Waffe aus der Hand zu schlagen, indem er die Hosen runterlässt und Euch im vorauseilenden Öffentlichkeitsgehorsam die Kehle zum Biss bietet.

Wo bleibt hier der Teil der Grundrechte, der gern als der negative Teil bezeichnet wird, obgleich er nicht weniger wichtig und hochzuschätzen ist? Sich nicht äussern zu müssen, was man denkt, glaubt, an Meinung und Haltung und eben auch an sexueller Identität oder orientierung hat und einnimmt und eigen nennt? Ohne es benennen zu müssen, damit Akzeptanz, Wertschätzung, eben nicht Geringerschätzung, erfolgt?

Vorbildfunktion – wird dann gern als Grund genannt, um eben für viele andere auch Akzeptanz zu bewirken. Wenn ein Promi so akzeptiert werde, ein erfolgreicher Sportler, ein Sympathieträger, dann sehe es (irgendwann? …….. wann eigentlich mal?) auch für Otto Normalbürger besser aus, auch akzeptiert zu werden.

Die Theorie ist gut. Wann erklang noch mal erstmals der Satz „Ich bin schwul und das ist auch gut so?“ 2001 war das.

Akzeptanz? Durch Promis, die sich outen auch für andere? Muss sich nach damaligem Bürgermeister erst von jeder Berufsgruppe und Branche einer outen, damit das Thema endlich keines mehr sein muss? Keinen Anlass mehr biete, „Angst haben zu müssen?“

Worin liegt diese Angst eigentlich?
Darin, dass andere einen ablehnen? Privat? Auf solche Menschen könnte man doch getrost verzichten, für die es einen Unterschied mache.

Berufliche Nachteile? Mag sein, dass Promis dann keine mehr fürchten müssen, die sich selbst outen. Ob das zutrifft und andere „ansteckt“, andere prominente Betroffene, das kann man durchaus beweifeln. Einige vielleicht, aber schon dort nicht die überwiegende Zahl Betroffener.

Ich halte es auch für völlig berechtigt, dass durch Outing einzelner oder einiger kein Druck erzeugt oder empfunden werden sollte, dass es ihnen alle anderen gleich tun müssten.

Sind etwa diejenigen, die es dann nicht tun, innerlich oder sonst unfreier? Ist unterbleibendes lautstarkes, mediales Outen dann Beleg für angeblich zu grosse Angst davor? Mitnichten. Vielleicht ist das bei manchen so, bei anderen aber einfach die Tatsache, dass sie nicht jedem ihr Leben erklären wollen, um zu beweisen, dass sie es leben, wie sie es für richtig und völlig normal halten.

Derlei wurde bei verschiedenen Themen, nicht nur bei sexueller individueller Persönlichkeit, oft genug behauptet: Aus Angst würde es „verheimlicht“ – und Verheimlichen gleichgesetzt mit dem, was andere schlicht und einfach als Privatsache und Privatsphäre empfinden und leben.

Wie anmassend solche Urteile und Beurteilungen sind, die von sich auf andere schliessen, ohne Motive beurteilen zu können, warum nicht jeder alles öffentlich erklären muss und dennoch ganz glücklich damit ist, wird kaum noch wahrgenommen.

Von der Freiheit zu sein zum Zwang, sich darüber zu erklären, um Angstfreiheit zu beweisen? Das erinnert an Mutproben unerwachsener Menschen:  „Feigling, wenn Du nicht springst!“

Heute: „Feigling, wenn Du nicht ins kalte Bad der Menge der Öffentlichkeit springst“ ???

Noch anmassender dann Zwangsouting durch andere, die keinen Respekt vor Recht und Persönlichkeit Betroffener nahmen und nehmen.

So wenig, wie alle prominenten Frauen sich dem Beispiel einer Reihe anschlossen, die bekannten „Ich habe abgetrieben“, müssen das andere.  Und zu anderen Themen.

Noch weniger aber kann man davon ausgehen, dass Outing Prominenter nicht nur für sie selbst oder andere Prominente Normalität und Akzeptanz bewirke, sondern auch für eben Normalbürger. Für die aus unterschiedlichen Gründen im privaten Umfeld wie beruflich daraus nicht die gleichen Effekte entstehen.

Man kann dies auch am Beispiel von Depressionserkrankungen sehen, die nach wie vor und auch nach der postsuizidalen Bekanntgabe der Erkrankung von Robert Enke und damaliger öffentlicher Betroffenheit und Anteilnahme für den Alltag nicht prominenter Depressionspatienten wenig bewirkt hat, am allerwenigsten im beruflichen Umfeld, bei Bewerbungen oder am Arbeitsplatz selbst.

Und ich finde es eher ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft, die ohne Outing von Menschen – prominenter wie nichtprominenter – deren persönliche Individualität wie erklärungspflichtige Abweichungen von Normen etikettieren muss und behandelt. Anstatt sie so normal zu behandeln, wie sie sind und ohne dass es überhaupt ein Thema werden muss, das eines Outings bedarf.

Freiheit des Seins, wie man es will und ist, fängt nicht erst da an, wo sie offenbart, erklärt, gerechtfertigt werden muss. Sondern da, wo sie einfach ohne ein Wort der Erklärung, Rechtfertigung gelebt wird und zwar frei von einer Angst, die vor allem in den Betroffenen ihren Anfang hat und anderen, einzelnen wie einer Gesellschaft überhaupt die Macht selbst einräumt, darüber urteilen zu dürfen, sich ein Urteil zu erlauben, einem Urteil überhaupt Relevanz zuzugestehen. Anstatt SICH selbst zuallererst – und nicht so sehr einer Öffentlichkeit – einzugestehen, was und wer und wie man ist. Punktum. Und ohne Presseerklärungen es auch einfach im Alltag zu sein und zu leben.

Wo öffentliche Erklärungen vermeintlich Freiheit zeigen sollen vor Angst, belegen sie genau das Gegenteil. Wer sich frei und ohne Angst fühlt, bedarf solcher als innerlich souveräner und unabhängiger Mensch nicht. Das Selbstbewusstsein, sich von Meinungen anderer frei  zu machen, eben nicht auf öffentliche Erklärungen gründen zu müssen, offenbart am aktuellen Beispiel vor allem die Unfreiheit zu leben, wie man will und ist.

Das aber ist gerade der Teil des Schutzes und der Freiheiten, die in den eben nicht zu bekundenden Grundrechten liegen, den negativen. Die – gerade auch um der inneren Freiheiten willen, der Privatsphäre, des höchstpersönlichen Lebensbereiches – das Nichtouten ebenso schützen wie die Freiheit, sich zu äussern.

Wer öffentliche Outings nur bejubelt als angebliche Fortschritte für mehr Toleranz, übersieht eben genau das, worin die eigentlichen Freiheiten liegen. Die keiner Erlaubnis, keiner Akzeptanz anderer bedürfen sollen, um ihre Existenzberechtigung auch ohne Outing zu besitzen und zu behalten.

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Über Liz Collet

Photographer, Author, Foodstylist, Jurist
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2 Antworten zu Ein Fussballer outet sich – und alle finden’s toll

  1. Pingback: Nackt im Netz – heute | Jus@Publicum

  2. Liz Collet schreibt:

    „Nach dem Coming-out von Ex-Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzslperger (31) kommt kaum ein Promi um ein Statement zum Thema Homosexualität herum. Nun hat auch Box-Weltmeister Wladimir Klitschko (37) über die Angelegenheit gesprochen – und räumt ein für alle Mal mit Gerüchten um seine Person auf. „Ich hätte das Selbstbewusstsein und kein Problem, es auszusprechen, wenn ich es wäre. Aber ich bin nicht homosexuell. Ich stehe immer zu mir und sage, was Sache ist!“ sagte Klitschko zu „Bunte.de“.“

    Zitat aus:
    http://www.focus.de/panorama/boulevard/geruechte-ueber-box-weltmeister-homosexuell-wladimir-klitschko-spricht-klartext-5_id_3544364.html vom 16.1.2014

    Und aus dem dort zitierten Interview geht unzweifelhaft auch hervor, dass er explizit im Interview darauf angsprochen wurde, wie es bei ihm selbst sei:

    „Angesprochen auf die ihn betreffenden Schwulen-Gerüchte, sagte Klitschko zu BUNTE.de: „Ich hätte das Selbstbewusstsein und kein Problem, es auszusprechen, wenn ich es wäre. Aber ich bin nicht homosexuell. Ich stehe immer zu mir und sage, was Sache ist!“

    Zitat aus http://www.bunte.de/stars/wladimir-klitschko-schwulen-geruechte-jetzt-spricht-er-67697.html

    Interessant, entlarvend und aufschlussreich auch die abschliessende Passage des Beitrags in der Bunten, die decouvriert, dass man niemanden unter Druck setze und gern warte, bis jemand heirate und dazu etwas sagen wird.

    „Wann werden er und die zierliche Hollywood-Blondine (1,53 Meter) also heiraten? „Wir machen das doch nicht, nur weil die Öffentlichkeit das vielleicht gern sähe. Hayden und ich werden uns nicht unter Druck setzen lassen, wir lassen uns Zeit mit der Hochzeit.“

    Kein Problem, wir warten gern!“

    Wo liegt dann eigentlich das Problem, Leute nicht mit Fragen nach Ihrer Sexualität ebenso einfach in Ruhe zu lassen oder mit diesen unter Erklärungsdruck zu setzen? Wegen Gerüchten. Wegen Outings anderer…..

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