Über das Sehen, Verstehen und Wider das Vergessen

Wider das Vergessen© Liz Collet

Wider das Vergessen© Liz Collet

Es war in der 7. Klasse. Ich war im 3. Jahr Schülerin des Münchner Willi-Graf-Gymnasiums, das am „Kleinen Schuttberg“, dem kleinen Olympiaberg und dem Luitpoldpark liegt. Zur anderen Seite hin grenzte das Gelände des Sophie-Scholl-Gymnasiums an, das damals einen sozialwissenschaftlichen Fokus hatte und schon etwas länger stand, als das etwas neuere Willi-Graf-Gymnaisum.

Letzteres hatte neben einem neusprachlichen auch einen mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig und zwar als erstes Mädchengymnasium mit dieser Fachrichtung in München –  das hatte einen gewissen Sensationswert für manche, auch Eltern der Mitschüler in der Grundschule  und auch der Nachbarschaft, wo für Mädchen schon allein der Weg auf ’s Gymnasium nicht so selbstverständlich war und wenn dann bitte „eher noch was Soziales“.

Die mathematisch-naturwissenschaftliche Ausrichtung war aber gerade der Grund gewesen, dass ich dort landete, der Rat meiner Lehrerin, den mein Vater ebenso für richtig hielt bei meinen Vorlieben. Der Name der Schule war da kein Thema.  Wer Willi Graf und Sophie Scholl und die Weisse Rose waren, wusste ich aber aus mehreren Gründen  vorher bereits.

Neben der Büste mit dem Porträt Willi Grafs in der Aula waren in dem modernen Bau der Schule an verschiedenen weiteren Stellen Spuren zu finden. So etwa die Steine, die im Hof zum Park hin über den Boden entlang ungefähr kniehoch angeordnet waren und von oben gesehen, im Stehen erkennbar den Stiel der Rose bildeten und eine stehende höhere Skulptur, die eine weisse Rose stilisierte. Es gibt weitere Spuren. Unübersehbare, eigentlich. Auf dem „Stiel der Rose“ sassen wir oft in den Pausen, nicht nur im Sommer, hatten die Skulptur im Blick. Eigentlich.

Und so überraschte mich, dass in eben diesem 7. Schuljahr eine Mitschülerin, die sogar nur unweit der Schule wohnte, auch bereits das 3. Jahr an der Schule, völlig überrascht war, was diese Steine darstellten. Sie kam aus einer Familie, die viel Wert auf Kunst, Geschichte und Wissen rund um München legte und sonst viel wusste über allerlei Geschichtliches. Sie war weder blind auf diesem Auge der Geschehnisse in München, noch gleichgültig bei dem Thema, im Gegenteil – und sah sie dennoch nicht, während sie eine Schule mit einem der Namensgeber der Weissen Rose besuchte.

Damals begriff ich: Es liegt nicht allein daran, dass wir manchmal den Wald vor Bäumen nicht sehen, sondern an der Aufmerksamkeit für unsere Umgebung, an dem Interesse, Dinge (wie Menschen auch) überhaupt wahrnehmen zu wollen, sie zu betrachten und nicht daran vorbeizusehen wie -gehen.

Mir hingegen geht es bis heute so, dass ich den Lichthof der Münchner Uni oder den Münchner Justizpalast nicht betreten kann, nicht einmal an dem Tag, als ich dort meine 2. mündliche Staatsprüfung ablegte und ein wenig später in einem der dortigen Sitzungssäle als Anwältin vereidigt wurde, ohne dass mir gegenwärtig ist, welche Zeiten und Menschen diese Orte erlebt haben.

Man muss sich nicht ständig dabei die ganze Geschichte vergegenwärtigen, aber es ist mal mehr, mal weniger, aber dennoch immer präsent. Es gibt eine Reihe solcher Flecken in München, wie auch in der Franz-Joseph-Strasse 13 das Haus, an dem eine Tafel über einem Eingang daran erinnert, dass dort die Geschwister Scholl von Juni 1942 bis zu ihrer Verhaftung und ihrem Tod im Februar 1943 gewohnt haben.

Meine Münchner Grosseltern lebten Jahrzehnte in Schwabing nur wenige Strassen weiter in der Isabellastrasse, wo ich ebenfalls ein paar Jahre mit meinen Eltern lebte. Der Weg zum Elisabethmarkt war ein Katzensprung, ebenso zum Luitpoldpark und wollte man zum Englischen Garten, führte der Weg entweder über die Hohenzollernstrasse oder eben die Franz-Joseph-Strasse. Dazwischen lag in der Kurfürstenstrasse später meine erste meiner beiden Anwaltskanzleien, zwei Ecken weiter das Wohnhaus, in dem Klaus von Bismarck mit seiner Frau lebte und in welchem ich später Gast sein durfte und nur um die Ecke eben das Wohnhaus der Geschwister Scholl.

Warum dort fast immer eine oder mehrere frische weisse Rosen auf die Tafel gelegt waren, die über der Tür in der Franz-Joseph-Strasse 13 hing, wusste ich schon als Kind. Und manche stammte von mir. Neben blauem Flieder sind es meine Lieblingsblumen. Mehr als Rote Rosen oder andere Blumen mir je bedeutet haben und bedeuten können.

Wer mit offenen Augen,vor allem aber mit Gespür und Verstand durch München wie durch die Welt geht, übersieht Geschichte sowenig wie ihre Spuren. Ich kann Ihnen jede davon in München dazu zeigen, wenn Sie mit mir durch meine Isarmetropole spazieren und kennenlernen mögen oder nicht kennen.

Manchen Menschen, auch in München seit langem wohnenden,  sind selbst mitten auf einer Wiese stehende überlebensgrosse Mahnmale nicht auf- und augenfällig genug. Für sie muss ein Platz, ein Ort dann manchmal noch unübersehbarer umgestaltet werden. So wie der Platz der Opfer des Nationalsozialismus neben dem Maximiliansplatz, an dem sich seit 1985 das oben sichtbare Denkmal für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft, eine Säule mit ewiger Flamme, des Bildhauers Andreas Sobeck befand. Und nach wie vor befindet, das allen Opfern der NS-Gewaltherrschaft gewidmet ist.

Nach der Neugestaltung des Platzes hat Oberbürgermeister Christian Ude heute anlässlich des bundesweiten Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus einen Kranz an der Gedenkstätte in der Münchner Altstadt niedergelegt. Mit dem Entzünden der Flamme in der von Bildhauer Andreas Sobeck geschaffenen Granitsäule wurde der Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben.

Schräg gegenüber befand sich die Gestapo-Zentrale, in der Tausende Gegner des Regimes gefoltert worden waren, das Wittelsbacherpalais.

Die Mauer rechts in der Collage des Bildes ist in der Arcisstrasse zwischen Sophienstrasse (mit dem Alten Botanischen Garten und dahinter dem Justizpalast) und Königsplatz gelegen. Sie gehört zu den Mauern des Gebäudes, in welchem heute die Hochschule für Kunst und Musik residiert – dem ehemaligen Führerbau. Der ehemalige Führerbau wurde 1933 bis 1937 nach Plänen des Architekten Paul Ludwig Troost in der Arcisstraße 12 errichtet. Die ersten Planungen für den Führerbau stammen aus dem Jahr 1931. Die Fertigstellung erfolgte drei Jahre nach Troosts Tod durch Leonhard Gall. Während der Zeit des Nationalsozialismus diente der Führerbau als Repräsentationsbau. Das Gebäude schloss den Königsplatz zusammen mit dem Verwaltungsbau der NSDAP städtebaulich Richtung Osten ab. Hier wurde 1938 das Münchener Abkommen unterzeichnet.
Ab 1945 wurde der ehemalige Führerbau von der US-Militärregierung zusammen mit dem Verwaltungsbau als Zentrale Sammelstelle (Central Collecting Point) für die während des Zweiten Weltkrieges von den Nazis in ganz Europa geraubte Beutekunst, unter anderem die Kunstsammlung Görings oder die sichergestellten Werke aus dem Sonderauftrag Linz.
1954 wurde der Kongresssaal zu einem Konzertsaal umgebaut.

Ungezählte Male führte mich durch die Arcisstrasse an eben diesem Gebäude der Weg mit dem Rad oder auch gelegentlich dem Auto vorbei, wenn ich von der Kurfürstenstrasse zum Justizpalast oder in die Maxburg zur Wahrnehmung von Gerichtsverhandlungen, in die Sophienstrasse zum Schweitzer Sortiment für die eine oder andere Stöberei in der §§-Fachliteratur sauste oder Post in den Nachtbriefkasten des JuPa warf. Oder oft in der Sophienstrasse mein Auto abstellte, wenn ich auf einen Sprung ins Lenbachhaus für eine Mittagspause lang auf den Spuren des Blauen Reiters Auszeit geniessen wollte oder in der Antikensammlung oder der Glyptothek. Mit Blick unweigerlich auch auf den Königsplatz. Und seinen Teil der Geschichte. Auch beim Sprung ins Literaturhaus am Salvatorkircherl führt der Weg nahe dem Mahnmal vorbei.

Man ist sich immer gegenwärtig……., man? ………..Ich habe es nie vermocht, zu übersehen, was und was wo in München seine Spuren hinterliess.

Manchen Menschen ist Geschichte, ihre  Spuren wie Narben, die sie in Zeit,  Raum, Orten und Plätzen, Strassen und Gebäuden  hinterliessen, kleinen und selbst grösseren nicht sichtbar genug, nicht gross genug.

Für sie, in erster Linie für sie war es vielleicht notwendig,  den Platz  der Opfer des Nationalsozialismus noch prägnanter, noch auffälliger, noch eindeutiger räumlich und durch Bodenplatten und weitere Elemente des Platzes umzugestalten, damit nicht übersehen werden kann, was eigentlich nicht ……….nie vergessen werden dürfte. Und von noch lebenden Opfern, wenigen noch lebenden, ebenso wie ihren Angehörigen wird es ein Vergessen ohnehin nie geben.

Es ist gut, dass es Orte gegen das Vergessen gibt.

Nur dass manche bei allem, was man nun zweifelsohne besser sehen kann, etwas Entscheidendes übersehen und vergessen: Das Vergessen wie das Verstehen, das Sehen wollen und das Begreifen auch des Unbegreiflichen hat seinen Platz nicht im Auge, sondern im Gedächtnis und im Herzen von Menschen. Dort wo Geschichte Wissen, Verstehen,  Begreifen sät, säen kann, wider das Vergessen. Für ein: Niemals wieder.

Und dort, dort vor allem sollte es ihn zuallererst auch behalten. Weil von dort das Handeln jedes Einzelnen damals wie heute begann und beginnt.

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Weisse Rose  © Liz Collet

Weisse Rose © Liz Collet

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Über Liz Collet

Photographer, Author, Foodstylist, Jurist
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