Keine Herz-Transplantation für 21 Monate altes türkisches Kind: Vermittelbare Regeln?

Circle of Life © Liz Collet

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Der Fall des 21 Monate alten türkischen Jungen hat Schlagzeilen gemacht.

Auf Facebook finden sich auf der Seite einer Gruppe updates und Kommentare (teils in deutsch, teils  in türkischer Sprache, die mit der Übersetzung aber auch für alle Leser verständlich werden)

Vielen – nicht nur Familie und Eltern – bleiben die Gründe für die Entscheidung der Ärzte nicht vermittelbar, nicht akzeptabel. Für jeden mitfühlbar muss Eltern und Angehörigen unerträglich scheinen, dem eigenen Kind nicht helfen zu können, Hoffnungen scheitern zu sehen, sich mit den möglichen Folgen dann möglicherweise abfinden zu müssen.

Wer würde Eltern nicht verstehen?

Nachdenklich macht aber durchaus die Diskussion, die in vielen Kommentaren sichtbar wird. Sie spiegelt auch, was und wieviel Menschen von Organspende, Transplantation, deren Regeln, Grenzen, Möglichkeiten (nicht) wissen, akzeptieren oder nicht akzeptieren können. Wie mehr oder weniger sachlich oder nicht Nichtbetroffene unter denen, die kommentieren dann Vorwürfe erheben, dass Behinderung oder nur vorgeschobene ethische Gründe unberechtigt die Behandlung und Transplantation verweigern lassen.

Es ist ein Beispiel, dass und wie soziale Medien und ihre Nutzer auch auf einer Gratwanderung mit emotionalen Appellen Druck zu erzeugen versuchen, der menschlich mitfühlend verständlich und dennoch an Grenzen der für alle geltenden Transplantationsregeln grenzwertig ist und Entscheidungen nicht aushebeln darf, denen rechtliche Grundlagen Rahmen sein müssen. Wo soziale und andere Medien solche Patientengeschehen behandeln, ist umso bedeutsamer, wie damit auch medial umgegangen wird. Sachlich? Eskalierend? Skandalisierend? Denn davon hängt ab, ob und wie Entscheidungen und deren Gründe verstanden werden können, die von Betroffenen wie Öffentlichkeit ohnedies schwer zu tragen und verstehbar sind.

Ob durch verschiedene Medien noch zusätzlich erschwert, die in der Schilderung der Abläufe manchen erscheinen müssen, als sei Geld zur Hürde gemacht worden oder eine Behinderung der Grund für die verweigerte Transplantation, mag jeder selbst beurteilen.

Von mehrmals erhöhten und geforderten Vorauszahlungen auf die Kosten der Transplantation und Behandlung war ebenso die Rede wie von einer Benachteiligung wegen einer zwischenzeitlichen „Behinderung“ des Kindes (Hirnschädigung) und anderen Vorwürfen. Inzwischen hat das UKGM Gießen zur Situation des 21 Monate alten Muhammet Eren D. in einer Presseerklärung zu dem Behandlungsfall und -geschehen und den Vorwürfen Stellung genommen. Sie ist auch vom UKGM auf deren Facebook-Seite online gestellt worden.

Nach dieser leide der fast zweijährige Muhammet Eren seit der frühen Säuglingszeit infolge einer Herzmuskelerkrankung an einer fortschreitenden Herzschwäche.

Anfang des Jahres 2014 sollte demnach das Kind dem Wunsch der Eltern entsprechend zur Herztransplantation aus der Türkei ins Kinderherzzentrum Gießen verlegt werden. Kurz vor dem Transport nach Deutschland sei es allerdings in der Heimat des Jungen zu einem Kreislaufstillstand gekommen, welcher über eine längere Phase Wiederbelebungsmaßnahmen notwendig gemacht habe. Bei Ankunft des Jungen, in der Nacht des 31.03.2014, sei die Herzkreislaufsituation weiterhin instabil (kardiogener Schock) gewesen. Die behandelnden Ärzte hätten daher alle derzeit verfügbareren Notfallmaßnahmen ergreifen müssen, um das Leben des kleinen Muhammet Eren zu retten. Letztendlich habe es des Anschlusses an ein Kunstherz bedurft, um den Tod nach Ankunft zu verhindern und eine Stabilisierung seiner prekären Lage zu ermöglichen.

Was dann im weiteren Verlauf geschah und dazu geführt habe, dass eine Transplantation unterblieben sei, wird vom Klinikum wie folgt geschildert:

Im weiteren Verlauf hätten neurologische Untersuchungen und bildgebende Verfahren gezeigt, dass Muhammet – höchstwahrscheinlich im Rahmen der langen, zum Teil auch vor Ankunft unkontrollierten Wiederbelebungsmaßnahmen – eine nach ärztlichem Ermessen irreversible hypoxisch-ischämische Hirnschädigung (Schädigung, die durch eine verminderte Durchblutung und den daraus resultierenden herabgesetzten Sauerstoffgehalt entsteht) erlitten habe.

Die irreversible Hirnschädigung, dokumentiert durch klinische, bildgebende und hirnspezifischen Untersuchungen, sei von internen und schließlich extern hinzugezogenen, somit auch unabhängigen Experten beurteilt worden.

Im Rahmen der umfänglichen Untersuchungen sei zusätzlich der Verdacht auf eine familiäre Herzmuskelschwäche, mit wahrscheinlicher Skelettmuskelbeteiligung (Verdacht auf Mitochondriopathie) offenkundig geworden.

In mehrfach durchgeführten Transplantationskonferenzen sei der irreversible Hirnschaden einstimmig als Kontraindikation (Gegenanzeige) für eine Herztransplantation beurteilt und dokumentiert worden.

Das UKGM halte sich in dieser Frage – wie in jedem anderen Fall, der in Gießen behandelt wird – strikt an das Transplantationsgesetz und die Richtlinien der Bundesärztekammer zur Aufnahme von Herzpatienten in die Warteliste, auf diese wird in der Erklärung auch seitens des UKGM hingewiesen. 

Die nach dem Transplantationsgesetz nun ausgeschlossene Listung zur Herztransplantation habe allerdings von den Eltern nicht akzeptiert werden können. Eine Entwöhnungsstrategie von dem auch von Komplikationen nicht freien Einsatz des Kunstherzens werde zurzeit noch von den Eltern abgelehnt. Aus Sicht der behandelnden Ärzte und zusätzlich befragten, unabhängigen Herzexperten anderer Zentren, sei  jedoch eine Entwöhnungsstrategie die einzige Behandlungsoption. Ob diese Option machbar sei, hänge davon ab, in wieweit sich das kindliche Herz von Muhammet aufgrund der Entlastung durch das Kunstherz erhole. Auf Basis dieser Option sei auch eine Rückführung nach Istanbul in eine Klinik mit Kunstherzerfahrung vorstellbar.

In der Stellungnahme äussert man seitens der Klinik Verständnis für die Eltern:

Nach drei Monaten am Krankenbett ihres Kindes und der schlechten Prognose für Muhammet Eren seien die Eltern verständlicherweise sehr besorgt. Dies zeige sich unter anderem in ihren Facebook- und Twitter-Einträgen, die wiederum weitreichende Reaktionen ausgelöst hätten.

Nicht zu akzeptieren sei jedoch,  dass diese Aktivitäten zu Drohungen gegenüber den hoch engagierten Schwestern und Ärzten geführt und besondere Sicherheitsmaßnahmen notwendig gemacht hätten.

Das Team des Hessischen Kinderherzzentrums sei weltweit dafür bekannt, dass es sich gerade schwerstkranken Kindern widme und auch ausländischen Kliniken Hilfe und Unterstützung anbiete. Sowohl in der fachlichen Beratung als auch durch den konkreten Einsatz vor Ort. Auf diese Weise seien in den vergangenen zwei Jahrzehnten zahlreiche Kinder auch in der Türkei sowie in anderen Länder und auch Krisengebieten gerne behandelt worden.

Aufgrund der Tatsache, dass in sozialen Netzwerken jetzt nicht mehr nachvollziehbare Vorwürfe mit Halb- und Unwahrheiten geäußert werden, wolle  das Universitätsklinikum ganz klar Stellung nehmen: alle Patienten würden nach den neuesten medizinischen Erkenntnissen auf die bestmögliche Weise und auf dem Boden der in Deutschland geltenden Gesetzeslage behandelt – auch der kleine Muhammet, dessen Schicksal Ärzte, Pflegekräfte und Geschäftsführung des UKGM gleichermaßen stark berühre und beschäftige.

Quelle:

Siehe ausserdem:

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Über Liz Collet

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