„Nur über meine Leiche!“ – „Ok.“

Mitten im Leben © Liz Collet

Mitten im Leben © Liz Collet

So ein „Ok“ kann man natürlich höchst unterschiedlich interpretieren.

Bevor Sie das aber im falschen Sinn tun, folgen Sie mir bitte zu diesem Beitrag „“Nur über meine Leiche!“ -Wenn alte Menschen nicht ins Heim wollen“.

Sehenswert. Zum Nachdenken anregend. Wären die Pflegeheime besser und hätten sie einen besseren Ruf, wäre die objektive wie subjektive Ablehnung teilweise vermutlich  geringer. Aber deshalb noch nicht bei jedem ausgeschlossen, der kategorisch einen Umzug in solches ablehnt.

Gelegentlich könnte man ins Nachdenken kommen, ob eine nicht ideale, suboptimale Pflegesituation nicht auch (gesellschaftlich, politisch, von Verantwortlichen auf Makroebene) in Kauf genommen wird. Weil eine optimalere mehr Akzeptanz bei Betroffenen zur Folge hätte und die Pflege von häuslicher auf professionellere und in Senioren- und Pflegeheimen verlagern würde. Wenn Angehörige dies ruhige(re)en Gewissens abgeben könnten, was sie überfodern kann. Mit Mehrkosten, die damit einhergehen und von einer Pflegeversicherung in der derzeitigen Höhe der Finanzierung gegenwärtig und erst recht mit der demographischen Entwicklung künftig nicht gewährleistet werden könnte – finanziell, organisatorisch, personell, menschlich.

Während dies Angehörige übernehmen, die nicht „über Leichen gehen wollen“, als die ihr Familienmitglied allenfalls ins Heim gebracht werden will. Der Begriff „Freiwilligkeit“ erfährt hier Grenzen bei der Entscheidung der Übernahme der Pflege, über die nachzudenken sinnvoll ist. Geboten. Berechtigt.

Auch über den  Satz des Sprechers im Laufe der Reportage, dass manche Pflege daheim ihren Preis hat, den einer zahlen muss. Nicht derjenige, der sagt: Nur über meine Leiche, sondern eben einer der Angehörigen, beispielsweise. Von dem – wie selbstverständlich ? Keinen Widerspruch, keine andere Meinung und Lösung und nur entsprechende Mitwirkung akzeptierend? – spiegelbildlich erwartet wird, alles dazu zu ermöglichen, wenn einer sagt: „Ins Heim – nur über meine Leiche!“.

Egoistisch?

Überbeanspruchend?

Wer es ausschliesslich so sähe, würde es sich zu leicht machen. Gleichwohl sind Bedürfnisse und Belange derer, die das gewährleisten müssten, nicht weniger gewichtig, als die von Menschen, die im Rahmen der Möglichen und des zu Ermöglichenden (sic!) in den eigenen vier Wänden bleiben wollen. Und dieses Bedürfnis, diesen Wunsch aussprechen. Im Rahmen des zu Ermöglichenden liegt aber nicht allein Pflicht. Sondern beiderseits subjektive wie objektive Grenzen. Grenzen, die sich nur begrenzt objektiver wie subjektiver Bewertung, Maßstab, Beurteilung und erst recht der Verurteilung unterziehen lassen, wenn nicht jeder (auch Angehörige) sich nicht jedem Wunsch und Anspruch und deren Erfüllung bereit oder imstande sehen.

Wenngleich Erwartung, Bedürfnis und Anspruch scheinbar in den gezeigten Beispielen auf den ersten Blick nahe beisammen liegen, zeigt diese Reportage aber auch eine Kehrseite, eine zweite Seite einer Medaille. Unter anderem dann, wenn eine Tochter mit der Pflege für diese nach eigener Schilderung auch der Mutter etwas demonstrieren wolle. Wie Familie geht, sein sollte, sein hätte sollen, als sie selbst Familie in Kindheit nicht so erlebt hatte, wie Familie hätte sein sollen, wie Mutter hätte sein sollen, da sein sollen. So ein kleiner Hauch von „Lektion erteilen“ in den Zwischentönen könnte für manchen Zuschauer darin zu hören und spüren sein.

Ein Vorwurf? Im gezeigten Mutter-Tochter-Beispiel wohl nicht. Wenn auch nicht ganz untrennbar von früheren Erfahrungen innerhalb der Beziehung der beiden.

In anderen Fällen des Pflegealltages zwischen Familienangehörigen aber können solche durchaus auftreten, auch mit der Spürbarkeit von Abhängigkeiten. Familiäre Strukturen und Erfahrungen können auf die eine oder andere Weise dann zutage treten und sich unterschiedlich bei Entscheidungen über das Ob der Pflege und Betreuung und das Wie in der Folgezeit und das Wie lang auswirken.

Nicht immer zum Positiven der einen wie der anderen Seite beider Erwartungen, Wünsche und Ansprüche. Denn sich der einmal übernommenen Aufgabe zu entziehen, wenn der Angehörige an seine Grenzen kommt, kann schwieriger werden, als sie nicht zu übernehmen, denn wer es bisher geschafft hat, muss nicht nur mit dem Gefühl leben, den anderen dann (doch) im Stich zu lassen, was er zuvor nicht wollte. Sondern mit dem Empfinden, nicht zu genügen, zu versagen und der Erwartung des übrigen Umfeldes, es auch weiter zu schaffen. Schliesslich habe er das übernommen, schliesslich habe er das doch bisher auch gepackt. Des Umfeldes einschliesslich desjenigen, der „nur über seinen Leiche ins Heim will“. Bedingungslos in der Bedingung. Schon in der Ansage so einer Aussage einen emotionalen Druck ausübend.

Das sollte – bei der nur gelungene und gelingende Beispiele zeigenden Reportage – nicht übersehen und ignoriert werden. So wenig wie die Überforderung, die viele Pflegende erleben. Und beinahe überhören könnte man auch bei der Reportage, dass die Tochter den Arbeitsplatz verlor, weil er mit der Pflege der Mutter nicht mehr in Einklang zu bringen war. Mit Folgen finanzieller Einbussen, Verlust des Einkommens. Dass und was letzteres bedeutet und vor allem bei Langzeitpflege bedeutet, wird im Beitrag nicht thematisiert. Während man Kinderbetreuungszeiten für Eltern zu erleichtern und finanziell zu stützen versucht, auch an Arbeitsplätzen (mit mehr oder minder alltäglichem Erfolg im Arbeits- und Erwerbsleben und Wirkungen in der Vita und dem Lebenslauf für bestehende und künftige Arbeitsplätze und Bewerbungen, bei Mann und Frau zudem unterschiedlich, nach wie vor), ist Angehörigenpflege zwar sozial ebenso geachtet, aber nicht gleichermassen unterstützt. Und – nicht zu übersehen – sie trifft in der Regel in einem eigenen Alter 40plus, bei dem nach einer pflegebedingten Arbeitszeitreduzierung oder -pause der „Zug am Arbeitsmarkt“ bei 50plus bei den meisten dann „durch ist“. Sie wissen ja : “Ihr Alter an sich ist ein Vermittlungshemmnis”. Selbst bei ununterbrochener beruflicher Tätigkeit, ohne Unterbrechung durch Arbeitslosigkeit, Kindererziehung oder Angehörigenpflege.

Das sollte nicht übersehen werden, bei einer durchaus positiv anmutenden Reportage. 

Denn wenn auch neue Formen der WG-Bildung unter hochbetagten Geschwistern positive Bilder vermitteln und Respekt ebenso fordern für den Mut und die Selbstdisziplin, die Energie, sich von Alter und zunehmenden Einschränkungen nicht ermutigen und ins Heim abschieben lassen zu wollen:

Das Beispiel der beiden Geschwister wie auch des 78-jährigen Herrn, der seit seinem 2. Lebensjahr im Haus lebt, aus dem er kein zweites Mal in ein Heim gehen will, sind solche, die körperlich und geistig wach und gesund sind, mit ergänzendem Pflegedienst und überschaubarer familiärer Unterstützung für Einkäufe auszukommen. Nicht Beispiele für diejenigen Folgen der Weigerung eines Umzugs in ein Heim, wo diese in Widerstreit mit Bedürfnissen und Interessen, mit eigenen beruflichen Tätigkeiten u.a.m. gerät. Das aber wären die Beispiele, die der Vertiefung wert gewesen wären für die Reportage. Ungeachtet des Eindrucks, den die Menschen der Reportage hinterlassen, die in beachtlicher Weise beanspruchen, dass und wie lange und entgegen jeder anderen etwaigen Meinung sie in den eigenen vier Wänden bleiben wollen. Und zwar selbst dann, wenn die Küche eines 78-jährigen in den Augen der Pflegekraft vielleicht ein wenig des Aufräumens bedürfte – und dieser entschieden erklärt, diese sei völlig in Ordnung, so wie sie für ihn sein solle. Fast in einem Nebensatz und nur zwischen den Bildern flüchtig ein Moment, der auch etwas charakterisiert: Welcher Maßstab zählt, ob ein Mensch so wie er sich versorgt und ergänzend Hilfe annimmt oder auch ablehnt (wie beim Aufräumen der Küche, mehr als er es für nötig befindet) noch in seinen vier Wänden bleiben kann? Natürlich könnte man auch diese Küche noch etwas mehr aufräumen…………. aber wer sind wir oder Pflegekräfte, das dann zu entscheiden, zu erledigen, gemeinsam mit einem mehr als volljährigem Menschen oder an seiner Stelle? Und damit übergriffig in sein Leben, seinen Haushalt einzugreifen, wie er ihn führen will, selbst wenn sie mal nicht mehr und nicht weniger und selbst wenn sie mal etwas weniger ordentlich sein sollte, als Sie oder ich es durch wenige Handgriffe an Ordnung schaffen und halten würden? Solange es keine Grenzen erreicht, die zum Messie qualifizieren oder Gefahren entstehen lassen können?

Auch das – leider – nur zufällig und zwischen den Zeilen angedeutet, dabei doch eines der elementaren Dinge, warum Menschen „nur über ihre Leiche“ ins Heim gehen oder vielmehr sich bringen lassen würden: Dort das zu verlieren, was ihnen zu kostbar ist – die Selbstbestimmung über ihre vier Wände und ihr Leben in eben diesen, so lang, so weit, so unbegrenzt wie eben möglich.

Ein naheliegender Wunsch von jedem von uns. Nicht immer, nicht von jedem, nicht für jeden erfüllbar. Und nicht von jedem für jeden zu erfüllen.

Starten Sie gut in Ihre Woche. Pflegen Sie SICH gut, so lange Sie können.
Je besser Sie im Rahmen des Möglichen dies tun im Rahmen der vermeidbaren und nicht vermeidbaren Risiken im Leben für jeden, je höher vielleicht (!) die Chance, dass andere es nicht tun müssen oder jedenfalls leichter im Rahmen des diesen dann Möglichen. Und zu Ermöglichendem.

Vielleicht. Den Versuch ist es wert. Für die eigene Autonomie in jedem Alter. Oder?

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Über Liz Collet

Photographer, Author, Foodstylist, Jurist
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