Über.Denken von Ge.Denken – die Rienecker Gedenktafel zur Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener

Ge.Denken © Liz Collet

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Eine gebürtige Rieneckerin hat einen Antrag auf die Gedenktafel in Rieneck gestellt, welche sie selbst finanzieren und dann dort anbringen lassen will, wo Ende März 1945 die Ermordung von fünf sowjetischen Kriegsgefangenen kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs stattfand, an welche die Tafel erinnern soll.

Täter waren unter anderem Männer aus Rieneck.

Nun wurde in nichtöffentlicher Sitzung des Stadtrates abgestimmt und der Antrag Berichten zufolge klar abgelehnt. Wie es heisst mit der Begründung, dass Täter noch in Rieneck leben würden und auch deren Angehörige zu schützen seien.

Ob es bei der Entscheidung bleibt? Das zuständige Landratsamt in Karlstadt soll derzeit prüfen, ob die Abstimmung unter Ausschluss der Öffentlichkeit rechtmässig war. Anderenfalls wäre die Entscheidung des Stadtrates ungültig und die Angelegenheit müsste in einer der nächsten Sitzungen erneut verhandelt werden.

Die Geschichte ist in mehrfacher Hinsicht interessant, die über die Rechtsaufsicht und Fragen des Kommunalrechts, Abstimmung in öffentlicher oder nichtöffentlicher Sitzung hinausgeht:

Kann es der Anbringung einer Gedenktafel entgegenstehen, wenn Täter noch leben? Noch am Ort leben? Kann es ihr – folgt man der Begründung des erforderlichen Schutzes von Täterangehörigen – vielleicht künftig auch dann noch entgegenstehen, wenn „nur“ noch Angehörige der Täter (dort oder überhaupt) leben? Welcher Grad der Angehörigen kann das wie lange dann blockieren? Wurden die Täter, die noch dort leben sollen, für diese Taten je zur Verantwortung gezogen? Wie, wenn ja? Anderenfalls: Warum nicht? Wenn sie zur Verantwortung gezogen worden sein sollten und nach einer etwaigen Abbüssung einer Strafe resozialisiert dort leben und leben wollen – wäre dann ihrem Schutz nicht ausreichend dadurch Rechnung getragen, wenn sie selbst namentlich auf der Gedenktafel nicht einmal genannt würden? Geht Täterschutz auch dann noch vor Erinnern an die Opfer? Und: Würde man die Anbringung sog. Stolpersteine zum Gedenken jüdischer Opfer ebenfalls mit dem Argument des Täter- und Angehörigenschutzes in Rieneck entgegentreten, hätte es jüdische Opfer in Rieneck gegeben? Tatsächlich endete mit dem Novemberpogrom 1938  die langjährige Existenz einer Jüdischen Gemeinde in der Stadt. Hinter dem Haus Schloßberg 10 am Kriegerdenkmal erinnert eine Gedenktafel an die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bewohner in der Shoa

Mit der Geschichte wirbt Rieneck schon. Nur lässt man sie (auf der eigenen Website) dann mit dem Tod des letzten Grafen im 16. Jahrhundert in der Darstellung enden. Touristisch ist Burgenromantik historisch hübscher.

Begegnung der Geschichte und Zeitgeschichte im Erinnern an Opfer ist immer auch eines mit (namentlich genannten wie nicht genannten) Tätern. Neben deren Interessen und denen ihrer Angehörigen steht nicht weniger gewichtig auch das der Opfer — und auch deren (vielleicht noch lebender oder auch nicht) Angehöriger, in der Geschichte nicht vergessen zu werden. Wie schwierig das auch für Angehörige beider Seiten ist und sein kann, belegen vielzählige Beispiele und Zeitzeugenberichte nach dem Ersten wie Zweitem Weltkrieg. Und auch die Folgen von Schweigen, Verschweigen und Verschwiegenem. Eine diffizile Abwägung, ob und wie Gedenktafeln Raum finden können, dürfen………. oder gar sollten.

Und das ist mehr als nur eine Frage der kommunal- und rechtsaufsichtlichen Überlegung, ob Abstimmungen darüber in öffentlicher oder nichtöffentlicher Sicht stattfanden und sie rechtmässig oder rechtswidrig machen

Ni X für U ngut.

NB: Der Text der Gedenktafel soll übrigens lauten: „Hier wurden fünf russische Männer durch Naziterror ermordet. Wir gedenken der Opfer.“

Zur Ermordung der sowjetischen Kriegsgefangenen und den (fehlenden) Folgen für Täter und ihre Tat und dem vorgesehenen Text auf der Gedenktafel lesen Sie in diesen Presseberichten mehr:

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Über Liz Collet

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2 Antworten zu Über.Denken von Ge.Denken – die Rienecker Gedenktafel zur Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener

  1. Hans Schlumberger schreibt:

    Die Frag eines Schutzes von Rechten der Täter oder ihrer Angehörigen schein mir bei der Gedenktafel für die erschossenen Reinecker Kriegsgefangenen obsolet zu sein. Mit der Tafel wird niemand beschuldigt oder angegriffen. Sie ist ihrem Wortlaut nach eine Bekundung von Trauer über fünf zu Unrecht hingerichteten jungen Männer. Namen von Tätern werden nicht genannt ( – die der Opfer leider auch nicht). Die Bezeichnung „Naziterror“ enthält weniger bewertende als präzise beschreibende Komponenten der tatsächlichen Ursache und lässt offen, dass ein Teil der Täter auch ihrerseits als dazu Zwangsverpflichtete mehr Objekte dieses Terrors gewesen sein könnten als dessen Subjekte.
    Jüdische Opfer gab es in und aus Rieneck durchaus. Das Städtchen hatte bis ins zwanzigste Jahrhundert eine blühende jüdische Gemeinde. Weil sich Täter und Zeugen gegenseitig deckten und Staatsanwaltschaft und Große Strafkammer sich schließlich nicht in der Lage sahen, in den Filz von wechselseitigen Rücksichtnahme, Verdunkelungen und Beschuldigungen Toter oder Auswärtiger Licht und Eindeutigkeit zu bringen, wurde nach drei Jahren Prozessdauer das Strafverfahren über das Novemberpogrom in Rieneck mit Beschluss der Ersten Großen Strafkammer beim Landgericht Würzburg vom 22.6.1951 eingestellt (Staatsarchiv Würzburg, Staatsanwaltschaft Würzburg 440). Die Täter waren übrigens tatsächlich, wie fast allgemein üblich, nur zum Teil Reinecker. Die Einbrüche, Verwüstungen von Synagoge, Wohn- und Geschäftsräumen, Beleidigungen, Festnahmen, Diebstähle und Plünderungen des Novemberpogroms fanden hier wie andernorts nicht etwa nachts statt, wie das Wort „Kristallnacht“ suggeriert, sondern am hellichten Tag und mit zahllosen Zuschauern.
    Ich bin kein Jurist, nur Pfarrer. Aber juristisch von großem Interesse scheint mir hier zu sein, wie es sich möglicherweise über Generationen hinweg auswirkt, dass in die Untaten vom 10. November 1938 in Reineck kein Licht gebracht wurde und dem überschaubaren Gemeinwesen, weil die Verbrechen nie geahndet worden sind, die schmerzhafte, aufhellende und damit auch ordnende und auf Dauer mehr Frieden stiftende Kraft des Strafrechts „erspart“ geblieben ist, weil Instinkten und Taktiken der wechselseitigen Deckung und Schonung mehr Erfolg beschieden war. Anders gesagt: Hier könnte ein Gemeinwesen bis heute daran leiden, dass konkrete und benennbare Schuld nicht (gerichts)öffentlich benannt worden ist und so andere, problematischere und diesem Ort mit vielen seiner Einwohner bis heute schadende Weisen des Umgangs mit Schuld die Oberhand gewannen. Statt der Wege, die seit Menschengedenken Religion und Recht für den Umgang mit Schuld kultivieren, kam es zum „auf sich Beruhenlassen“ mit fatalen Folgen.

    Hans Schlumberger, Pfarrer
    Wiss. Mitarbeiter des Synagogengedenkbands Bayern
    Heilsbronn

  2. Liz Collet schreibt:

    Vielen Dank, Herr Schlumberger, für diesen sehr ausführlichen und interessanten Kommentar zu dem Thema.

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