„Hoppala, da isser ja!“

Spiel doch nicht das Unschuldslamm! © Liz Collet

Spiel doch nicht das Unschuldslamm! © Liz Collet

Strafrechtsprofessoren können sich in der Regel nicht über mangelndes Interesse der Studenten an ihren Vorlesungen beklagen. Strafrecht hat von jeher seine Faszination.

Der sog. Besondere Teil des (materiellen) Strafrechts, jedenfalls. Ausser vielleicht die (für mich seinerzeit tödlich langweilige) staubtrockene Aufdröselung der  §§ 315 ff StGB und deren für mich unzugänglichem Aufbau der §§ 315 ff StGB, egal welches Lehrbuch, egal welche Vorlesung ich für sie und ihr Verständnis nutzte. Bis ein anderer der Dozenten diese besser aufzugliedern verstand bei seinem Vertiefungskurs Strafrecht. In der Vorlesung, mit seinen Skripten. Jeder hat so seine Hürden; je nach Materie. Gute Lehrer machen manchmal den Unterschied. Auch je nach Materie. Manchmal sind Skripten besser für’s Verständnis, als Lehrbücher in der xx.ten und so erfolgreichen Auflage.

Der sog. Allgemeine Teil zieht sich verglichen mit dem „BT Strafrecht“ noch  ein bisschen zäher  hin in seinen oft als eher dogmatisch empfundenen Details. Welcher Reiz eigentlich in diesem aber gerade für die Verteidigung liegen kann, wird vielfach erst später klar. Wenn eben gerade diese dogmatischen Differenzierungen bei Fragen des Vorsatzes oder der Schuld über Strafbarkeit und Strafmass entscheiden können. Bis das im Laufe der juristischen Ausbildung und Erfahrung bewusst wird, bedarf es für Hochschullehrer beim Allgemeinen Teil des Strafrechts gewisser pädagogischer Fähigkeiten, die Faszination, bisweilen auch Spass an der Vermittlung dieses Stoffes, bevor es ans Eingemachte und die bildlicher, lebensnaher vermittelbaren mörderischen, räuberischen und anderen Tatbestände und ihrer Besonderheiten gehen kann.

Bei einem Urteil, über das ich Ihnen gleich berichten werde, flutschte eine Fallgeschichte eines meiner Strafrechtslehrer wieder in der Erinnerung hoch, in der es um die Frage des Vorsatzes ging. Eine kleine Wirtshausstreiterei und -schlägerei, wie sie zum mehr oder minder guten Ton in einer bayerischen Wirtschaft gehört, die was auf sich hält und auch was (ebenso wie ihr Mobiliar) bei sowas aushält und nicht gleich immer wie Zündhölzl unter Spencer/Hill ‚zamknickt. Und auch die Mannsbilder stehen in der Regel wieder auf und landen (ausser bei den SOKOs des ZDF) nicht immer gleich in der Gerichtsmedizin.

Sondern gehen und fahren (mehr oder minder viel Blut im Alkohol und in den Adern – nein, kein Schreibfehler) danach auf zwei Beinen, zwei oder vier Rädern nach Hause und überstehen auch dort noch das Nudelholz, das sie erwartet.

Holz spielt traditionell eine wichtige Rolle in Bayern, nicht nur hier in der Region. Gut, dass wieder aufgeforstet wurde, nachdem es in manchen Gegenden wie im Ammergau zB durch Köhler, Flösser und Klöster für Bedarf und Bedürfnisse der Menschen und ihres Lebens schier leergerodet worden war. Auch weil Siedlungen nicht selten rund um die abseits gelegenen Klöster  entstanden, was Rodungen der Wälder mit sich brachte. Nachhaltigkeit war damals noch nicht so en vogue. Entdeckte man aber als sinnvoll dann später doch.

Nicht nur, weil man daraus lange Zahnstocher, genannt Maibaum, entrinden und aufstellen und unter diesen Mordopfer enden lassen kann (wie, ja – Sie ahnen es, nicht nur in einer der Folgen der SOKO 5113, Staffel 31, Folge 14 „Der Tod unter dem Maibaum“ im Maibaumspassettl zwischen den hübsch erfundenen Orten Brünning und Adelfelden). Baustoff für Klöster wie Alltagsgebäude der Menschen, Material für Transporte und Transportfahrzeuge und Schiffe, Flösse, Boote auf Strassen und Flüssen wie Isar und vor allem auch Lech aus Ammergau und Allgäu bis nach Augsburg mit allem, was zu Wasser und auf Strassen und Wegen von Gewerbe, Landwirtschaft und Handel zu transportieren war, Rohstoff für Papier und Papierfabriken und alles, was der Mensch so brauchte und ihm diente, bevor er Plastik erfand und was nicht alles aus Metallen hergestellt werden konnte. Und als Heiz- und Brennstoff ohnehin.

Nein, Holz ist auch ein sehr lebendiger, weil nachwachsender und ökologisch wertvoller Rohstoff. Mit dem man früher und heute auch wieder viel Kohle machen kann. Um solche geht es auch in dem gleich anschliessend berichteten Zivilurteil. Bei dem es nicht nur um viel Holz, viel Kohle, viel immateriellen Schaden und entsprechende Kompensation geht. Deretwegen dann mancher in die nächsten Instanzen geht. Und die dennoch nie ausgleichen kann, was als Folgen und hoher Preis einer Rauferei im Leben und nicht in Drehbüchern des ZDF und von Hochschullehrern juristisch zu klären ist. Und doch ein Fall, bei dem die strafrechtliche, anschauliche Fallvariante zur Frage „Liegt da nun Vorsatz vor?“ meines Strafrechtslehrers in Erinnerung kommt.

Der schilderte eine hübsche Wirtshausrauferei, nach der die Beteiligten nach Hause wollten. Einer von ihnen, der überlegene Raufereisieger, zu Fuss des Weges, der andere – noch nicht gänzlich besänftigt nach der Rauferei, geharnischt und in einigem Harnisch (des modernen Menschen, nicht in ritterlicher Rüstung, sondern) – in seinem Auto. In dem er vor sich hinschimpfend wilde Gelüste in Worte fasste: „Den erwisch ich schon noch, aus dem mach ich noch Kleinholz, der wird sich noch anschaun, das kostet den noch sein letztes Lackerl Bluat, den mach ich aber sowas von kalt………..!“ als justament im gleichen Augenblick derselbige und Gemeinte im Scheinwerferlicht auftaucht, wankend auf der Strasse, bierselig ob seines Raufereisiegs und – PFFFFFUMMMM – vom alkholbedingt zu flott geführten Auto seines Gefechtsgegners auf die Kühlerhaube genommen, sein Leben aushaucht….begleitet vom (mehr oder weniger erfreutem?) Spontanausruf „Hoppala, da isser ja!“ des Autofahrers.

Trockene Frage des Strafrechtslehrers: War das nun Vorsatz?

Sobald das Kichern im Hörsaal nachliess, begann das Grübeln und Diskutieren. Man war sich da durchaus nicht einig, aber das vertiefen wir jetzt hier nicht. Behalten Sie aber die Frage im Hinterkopf. Und dass ich sie in einem eigenen Post stellte, hat nicht allein damit zu tun, dass sie Strafrecht betraf, der gleich zu schildernde Fall hingegen zivilrechtliche Rechtsprechung (mit Nebenspur zur strafrechtlichen Verurteilung des Fahrers).

Nein, manche Schicksale und Sachverhalte eignen sich einfach nicht für makaberhumorige Einleitungen und Dogmatik mit der Anschaulichkeit schwarzen Humors. Der Verfasserin. Und ihrer Hochschullehrer.

Lesen Sie selbst………….hier.

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Über Liz Collet

Photographer, Author, Foodstylist, Jurist
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