„Tanz mit der Rübe“

Back to the roots © Liz Collet

Back to the roots © Liz Collet

Keine Frage, dass gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung wichtige Gesundheitsthemen diesseits wie jenseits des Atlantiks sind.

Ob aber der Tanz mit der Rübe den Fokus von zweifellos nicht weniger, sondern eher weit wichtigeren brisanten und aktuellen Themen ablenken soll und kann, denen sich der vom Tanz seiner Gattin mit der Rübe begeisterte Präsident widmen sollte?

Dieser beschwichtigt zwar – wie man lesen kann – die Besorgnis der Bürger mit Plaudereien über sein höchstpersönliches Sicherheitsgefühl am Rande einer Kabinettssitzung:

„Ich habe Krankenschwestern in der Emory-Klinik die Hand geschüttelt, sie umarmt und geküsst, weil sie so wichtige Dinge für einen Ebola-Patienten dort getan haben“

Und:

„Sie sind dem Protokoll gefolgt, sie wussten, was sie taten und ich habe mich absolut sicher gefühlt.“

Er verhindert damit aber sowenig erneut auftretende Fälle von Ansteckungen medizinischen Personals und „Pannen“ (was für ein banalisierendes Wort dafür), wie mit Ankündigungen „schärferen Vorgehens gegen Ebola“ (klingt das nicht irgendwie nach Abwurf von Drohnen oder Ähnlichem bei Truppeneinsätzen der USA?) durch eine „Gesundheits-Eingreiftruppe“.

Das Virus breitet sich nicht nur in Westafrika weiter aus. Etwa 9000 Fälle sind bisher gemeldet worden, die wirklichen Zahlen liegen aber Berichten zufolge wahrscheinlich deutlich höher. Ärzte und Krankenschwestern sind besonders gefährdet. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben sich bereits mehr als 400 von ihnen angesteckt.

Das Problem seien laut Bernhard Fleischer, Leiter des Referenzzentrums für Tropische Infektionserreger am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin Hamburg, die ungeheuren Mengen an Viren, die so ein Patient in sich trage. Diese könnten in ihrem Blut bis zu zwei Milliarden Viruspartikel pro Milliliter tragen. Ein winziger Spritzer enthalte Millionen Viruspartikel. Das Virus sei auch nach Stunden auf Handschuhen, am Lichtschalter oder der Türklinke noch infektiös.

Was also besagt das öffentlich bekundete persönliche Sicherheitsgefühl eines Politikers dann?

Truppeneinsatz klingt zwar hübsch martialisch für den Kampf (oder Krieg?) gegen die Epidemie Ebola, wird aber medizinisch offenkundig bei näherer Betrachtung dessen, was damit verbunden sein und werden soll, wenig konkret und den Virus mutmasslich wenig, zu wenig martialisch erschrecken, in seiner Ausbreitung hindern.

Vielleicht wäre etwas mehr Aufmerksamkeit für dieses Problem daher der Lage angemessener, als (wie schon in Wahlkampfzeiten) auf die Wirksamkeit von Bildern und der Waffen (s)einer Frau im twitternden (Kampf)Einsatz zu setzen.

Der Tanz um die Rübe  (der Präsidentengattin selbst wie ihres Mannes um diese und ihren Rübentanz) als von den Medien wie der SZ hier erstaunlicherweise als geschickt gelobte PR in dieser Situation mutet in Wahrheit eher seltsam befremdlich an. Er  erinnert an die Tauglichkeit von biblischen Ablenkungsmanövern und Tänzen rund um ein goldenes Kalb bei der Hoffnung auf Hilfe von Göttern.

Wie jener Tanz um das goldene Kalb (anstelle und vor den 10 biblischen Geboten Moses und wirksamer Massnahmen und Regeln für Gesellschaft und Leben wie Überleben) endete, ist bekannt. Mit Tänzen um ein goldenes Kalb war Hilfe von jenen Göttern nicht erlangbar. Auch heutige „in Weiss“ sind bei Ebola begrenzt hilfreich, beim Schutz gegen Ansteckung wie bei der Hoffnung auf Behandlung und Überleben.

Wer anstelle von goldenen Kälber heute auf Rüben und blosse PR-Schlagworte wie Gesundheits-Eingreiftruppe setzt, wird ohne damit auch verbundene, effektive und konkrete Massnahmen kaum mehr als mit ersteren und bestenfalls kurzfristig Ablenkung der Aufmerksamkeit erreichen.

Weder Panikmache, noch Beschwichtigung ohne konkrete und wirksame Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Ebola sind geeignete Waffen von Medizin und Politik. Für Patienten wie für Ärzte und anderes medizinisches Personal. Und die Bevölkerung.

Medizin und Politik, die – wie im Fall des in Leipzig im Klinikum verstorbenen Ebola-Patienten – zunächst überlegen muss, wie sie den Verstorbenen bestatten darf oder muss, wenn der Glaube eigentlich eine Einäscherung verbiete. Diese ist inzwischen schliesslich doch erfolgt, da Sicherheit vorgehe.

Sicherheit gegen Ansteckung und Ausbreitung ist nicht gegeben, das hat spätestens der Fall jener Infektion einer Krankenschwester in Madrid gezeigt, denn die spanische Krankenschwester hat sich in einem für Viruserkrankungen hoch spezialisierten Krankenhaus infiziert.

Ebola ist keine afrikanische Viruserkrankung, die irgendwo woanders wütet. Spätestens seit Madrid ist sie die aktuell brisante Herausforderung der globalisierten, vernetzten Welt, zumal manche Forscher befürchten, dass sich das Virus wandeln wird und dann ggf. auch über die Luft übertragen und noch rasanter verbreitet werden könnte.

Das macht auch hierzulande beschwichtigende Prognosen relativ in ihrer Sicherheitseinschätzung und begrenzt praktisch relevant und valide im Fall der Fälle. Wie etwa jene jüngst von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, der Deutschland als besser gerüstet bezeichnet, als „die Nachbarn“, denn Deutschland sei  auf die Aufnahme von bis zu 50 Ebola-Patienten vorbereitet und derzeit sei nach Angaben der Bundesregierung kein neuer Fall konkret absehbar.

Gut gerüstet?

Das darf hinterfragt werden.

Die Überlebensrate der bisher in Deutschland behandelten drei Ebola-Patienten hat nicht nur für diese drei selbst keine Quote, bei der man mit derlei Aussagen das Problem als gelöst oder lösbar ansehen darf. Aufnahme von Patienten heisst nicht bestenfalls Quarantäne, möglicherweise Behandlung während einer temporären Überlebenszeit bei einem Teil der bisher in Deutschland behandelten 3 Fälle. In Hamburg wurde ein Ebola-Patient als geheilt bezeichnet, in Frankfurt wird ein weiterer behandelt, der nach Leipzig gebrachte dritte Patient ist  trotz Intensivbehandlung verstorben.

Aufnahme von Patienten heisst mitnichten Überleben der übrigen oder weiterer Patienten. Erst recht nicht, wenn die bisher verfügbaren Kapazitäten der Medizin personell und medizinisch mehr als 3, bis zu 50 oder gar mehr als 50 Patienten versorgen, behandeln und retten müssten. Und wenn sich dann auch die Frage stellt, ob dies für alle mit dem erforderlichen hohen Sicherheits- und Behandlungsstandard möglich wäre, der schon bei bisherigen „nur“ drei Patienten nicht deren jeder Leben retten konnte.

Zumal weder Schutz vor Ansteckung gewährleistet ist, noch Einigkeit über erforderliche Quarantäne-Mindestzeiten besteht, noch Impfstoffe in absehbarer Zeit als verfügbar zu erwarten stünden.

Es bedarf in manchen gesundheitspolitischen Situationen wichtigerer Öffentlichkeitsarbeit und -Fokussierung, als den auf Bewegung mit einer und rund um eine Rübe, der Aufmerksamkeit gewidmet sein sollte.

Diesseits wie jenseits des Atlantiks und kontinentalübergreifend.

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Über Liz Collet

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