Fünf Mitarbeiter fertigen und verbreiten Selfies mit Patienten des Klinikums Aachen – die Staatsanwaltschaft ermittelt

Pflege.Zeiten © Liz Collet

Pflege.Zeiten © Liz Collet

Man fragt sich – neben einer Reihe anderer Punkte, die rechtlich und nicht nur rechtlich bei der Meldung relevant sind und durch den Kopf gehen – ob und wann und wen das Klinikum Aachen bei Kenntniserlangung über die Vorfälle informierte?

Die Patienten selbst – so sie in der Lage sind, das mit ihnen unfreiwillig veranstaltete Geschehen zu erfassen? Deren Angehörige, Betreuer? Und: Wie geht es auf einer Station, in einer Klinik zu, dass Mitarbeiter erstens Zeit und zweitens ungesehen, unbeanstandet durch andere  Arbeitskräfte (?) Gelegenheit haben, mit ihnen anvertrauten Patienten, dementen oder sonst in ihrem Bewusstsein eingeschränkten Patienten so zu verfahren?

Lassen wir die Frage beiseite, dass doch angeblich allerortens viel zu wenig Zeit für jeden Patienten in Kliniken und Pflegeeinrichtungen bleibt, diese schon ganz „normal“ zu versorgen, zu pflegen, dass Mitarbeiter so überlastet seien, weil sie im Minutentakt von Patienten zu Patienten hetzen müssten. Im skandalösen Fall des Klinikums Aachen haben sich fünf Mitarbeiter in einer widerwärtig zu nennenden Weise mit den ihnen anvertrauten Patienten befasst, für die man sich wünschen würde, sie hätten wahrhaftig weit weniger Zeit für derlei erübrigen können.

Man fragt sich auch: Über welchen Zeitraum erstreckten sich diese Vorfälle?

Auf der Website der Klinik finden Sie dazu nichts. Dort wirbt man lieber mit Veranstaltungen, die sich mit dem Hirntod und Organspende befassen, als mit hirnrissigen, hirnlosen Persönlichkeitsverletzungen von Patienten durch eigene Mitarbeiter, die jeden Respekt im Umgang mit selbst lebenden, wenn auch infolge von Demenz und anderen gesundheitlichen Zuständen wehrlosen, nicht wehrfähigen Menschen vermissen lassen.

Letzteres wird dann – ein für Kliniken zum Trend gewordenes Modewort, schult irgendein Unternehmen für Klinik-PR und -Kommunikation Kliniken inzwischen auf solche Presse-Statements ? – als

kein strukturelles Problem“, sondern als „individuelles Fehlverhalten“ und  „Einzelfälle und somit die absolute Ausnahme“

bezeichnet, das natürlich jenseits und ausserhalb jeglicher Verantwortung der Klinik liegend anzusehen sein müsse.

Wirklich? Wes Geistes Kind sind gleich fünf Mitarbeiter, die so agieren?

Und wie kann ein Sprecher der Klinik ausschliessen, ob es „echte“ oder „keinesfalls echte“ Drogen gewesen sein können, die auf Bildern zu sehen seien? Woher will er die Kompetenze, das eigene Wissen aus eigener Kenntnis haben, um das beurteilen oder ausschliessen zu können?

Das offenkundige Beschwichtigen und Banalisieren der Geschehnisse ist indiskutabel und inakzeptabel – doch offenbar stört es in der Klinik nur, nicht zu wissen, wer den Hinweis anonym bekannt machte.

„Insgesamt sei dies für das Klinikum „ein unschöner Vorgang, der uns sehr betroffen macht“

wird Klinikumssprecher Mathias Brandstädter zitiert. Und dass er betont habe, dass durch die Vorfälle „Patienten nicht zu Schaden gekommen und Behandlungsabläufe nicht gestört worden sind“.

Patienten nicht zu Schaden gekommen? Ist die Verletzung von Persönlichkeitsrechten kein Schaden? Behandlungsabläufe wurden nicht gestört? Das besagt nichts anderes, als dass Patienten vielleicht trotzdem ihre Pillen und Spritzen bekamen – aber es ändert nichts daran, dass das Behandlungs- und Vertrauensverhältnis und die gesetzlichen wie vertraglichen Pflichten gegenüber Patienten schwer verletzt wurden.

Was für eine Haltung nimmt ein Kliniksprecher eigentlich mit solchen unqualifizierten Äusserungen in Sachen Fürsorge für und Respekt gegenüber den „Kunden“ , den Patienten der Klinik ein?

Das wird vielleicht selbstredend aus der Tatsache deutlich, dass auch die Klinikumsleitung  darauf verzichtet habe, Anzeigen zu erstatten und es bislang bei fristlosen Kündigungen bewenden lassen. „Wir sehen in dem Verhalten ein disziplinarisches Vergehen, keine Straftat“, sagte Brandstädter.

Das Klinikum Aachen hat zwar jene fünf Pflegekräfte der Notaufnahme gefeuert, welche Selfies mit Patienten gemacht haben sollen. Die Beschäftigten hätten mindestens zwei Selbstporträts mit Patienten und eine Videosequenz erstellt, teilte Berichten zufolge ein Sprecher des Universitätsklinikums Berichten zufolge am Dienstag mit.
Vier der fünf Mitarbeiter sollen aber bereits im September gekündigt worden sein, der fünfte habe nun einen Aufhebungsvertrag unterzeichnet.

Die Aachener Staatsanwaltschaft hatte Meldungen zufolge am gestrigen am Montag ein Verfahren eingeleitet, um zu prüfen, ob es sich bei den Vorfällen am Klinikum möglicherweise um Straftaten gehandelt hat.

Die Mitteilung der Klinik JETZT zum Geschehen dürfte daher aus der Not der nun in die Wege geleiteten staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen geboren und begründet sein, nicht aus der Bereitschaft, Transparenz zu den Vorkommnissen auch gegenüber der Öffentlichkeit herzustellen. Was die Frage aufwirft, wer wann von der Klinik von Betroffenen, Patienten und deren Betreuern und Angehörigen informiert wurde, wie man diesen gegenüber sich verhält, die immerhin von erheblichen Persönlichkeitsverletzungen betroffen sind, wenn ihre Bilder und diese ohne ihr Wissen und Einwilligung gefertigt und verbreitet wurden.

Pfleger der Notaufnahme hatten demente oder anderweitig in ihrem Bewusstsein eingeschränkte Patienten geschminkt und verkleidet und sich anschließend mit ihnen fotografiert. Weitere Fotos sollen nackte Körperteile von Patienten zeigen; die Fotos seien dann über den Kurznachrichtendienst WhatsApp verbreitet worden.

Die Klinikleitung soll durch einen anonymen Hinweis im September von den Fotos erfahren haben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, innerhalb der nächsten zwei Wochen entscheiden zu können, ob ein formelles Ermittlungsverfahren gegen derzeitige oder frühere Mitarbeiter des Klinikums eingeleitet wird oder nicht.
In Betracht kommen Straftatbestände wie Missbrauch von Schutzbefohlenen, Nötigung oder die Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen.

Ich würde ergänzen: Verletzung des Rechts von Patienten auf ärztliche Schweigepflicht, die auch für Pflege- und anderes ärztliches Hilfspersonal gilt.

Dass nicht wenige Social Media Präsenzen von Kliniken, Pflege – und anderen Einrichtungen unabhängig davon vielfach Fragen nach den dort oftmals von und mit Patienten aufgenommenen Fotos veröffentlichen, deren Einwilligung man nicht selten hinterfragen kann, ist ein eigenes Thema.

Und vielleicht liegt es daran auch, dass man fast schon froh sein muss, dass besagter Aachener Kliniksprecher nicht noch seinen Statements etwas in der Art hinzufügte wie:

„Selfies von Patienten!? Wo soll da der Skandal sein? Solche macht doch heute eh jeder von sich und auch mit anderen dauernd überall ungefragt…..“

Es wäre an der Zeit, hier zum Schutze von Patienten wie Persönlichkeitsrechten ein deutliches Zeichen des Rechts zu setzen.

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