Verteidigerstrategie als Akt letzter Verzweiflung?

Freiheit von Wissenschaft und Forschung © Liz Collet

Freiheit von Wissenschaft und Forschung © Liz Collet

„Medizinisch lässt sich alles erklären.“

?

Alles,………..wohl eher nicht wirklich.

Man hat ja schon originelle Verteidigungsstrategien erlebt. Manches aber hat einen Beigeschmack einer beinahe „Bamberger Posse“ zu nennenden Darstellung von Tatgeschehen, wäre es nicht zu traurig, um es noch mit dem Begriff einer Posse verbinden zu wollen.

Medizinisch lasse sich alles erklären? Bei Fällen, in denen man sich wenig vorstellen kann, was nach Beschlagnahme von Unterlagen und Foto- und anderer Dokumentation und Beweismitteln, die es geben soll, Verdacht oder Vorwürfe entkräften kann, selbst wenn man sich artig an den ehernen Grundsatz des Verbotes der Vorverurteilung, des Prinzips in dubio pro reo und alles im Besonderen natürlich vor der noch ausstehenden Anklageerhebung, ihrer Zulassung und etwaiger Verhandlung darüber hält. 

Aber bei manchen staunt selbst der Laie dann doch noch ein bisserl mehr und der Fachmann wundert sich auch nicht wenig mehr.

Der aktuelle Bericht in den Medien über den Fall des verhafteten Bamberger Chefarztes und was nun sein Verteidiger dazu sagt, wirft mehr Fragen und Rätsel auf, als ernsthaft glaubhaft verteidigungstauglich zu erscheinen. Die zu lesenden Äusserungen sind so „ungewöhnlich“

(ich versuche, keine drastischeren Begriffe wie zB hanebüchen, grotesk, absurd etc.  aus der Tastatur flutschen zu lassen, allein es fällt ehrlich schwer)

dass man beinahe den Eindruck gewinnen könnte, sie sollen den Arzt noch weiter belasten: Denn wenn das die allen Ernstes  eingeschlagene Linie schlüssiger und überzeugender   Verteidigungsargumente sein soll, dann……….. möchte man nicht nur nicht in der Haut des Arztes, sondern auch nicht an Stelle der Klinikleitung in Bamberg stehen.

Was neben den betroffenen Frauen auch Fachkollegen jenes Chefarztes (an der Klinik, ausserhalb der Klinik und in den Fachgesellschaften, denen er angehört oder auch nicht selbst angehört) zu den Einlassungen des Verteidigers als „medizinisch alles erklärlich“ sagen würden, ist einem Gedankenspiel überlassen.

Man wird es mutmasslich aber noch hören und lesen, wenn das Gutachten vorliegt, das die Staatsanwaltschaft nun (nach dem psychiatrischen) auch noch einzuholen scheint, um das „medizinisch alles Erklärliche“ klären zu lassen. Obwohl die Staatsanwaltschaft derzeit offenbar keine Hinweise darauf zu haben scheint, dass das alles „medizinisch erklärlich“ sei.

Würden SIE auch gern mal lesen, wie der Gutachtensauftrag und seine Formulierung an einen dazu dann zu beauftragenden Gutachter aussehen und klingen?

Aber wie mag man die Verteidigeräusserungen auch sonst zur Kenntnis nehmen? Im Klinikum Bamberg etwa. Wo man sich nach bisherigen Äusserungen von dort ohnehin fassungslos manches zu fragen scheint und die Vorwürfe als bestätigt bereits hier ansah.

Wo man sich noch mehr fragen und fragen lassen müsste, wenn es dort wirklich so wie von Verteidigung nun behauptet, abläuft für Patientinnen, Voruntersuchungen zu Operationen, zu angeblich lebensrettenden Behandlungen zu seltsamen Uhrzeiten und Kontrastmitteln, die man zwar nicht benennen kann, die aber in jedem Fall Erinnerungsfähigkeiten betroffener Frauen in Frage stellen und was diese glaubten, was der Arzt mit ihnen und für sie tue.

Zuletzt war zum Skandal rund um den Chefarzt des Bamberger Klinikums zu lesen gewesen, dass ein Psychiatrisches Sachverständigengutachten eingeholt und Erweiterung des bereits bestehenden Haftbefehls gegen Chefarzt des Klinikums Bamberg erfolgt sei. Nach einem nun weiteren Monat liest man – vermutlich erst recht die betroffenen Frauen ebenso wie die Klinikleitung und die Staatsanwaltschaft – die Äusserungen des nun in der Sache beauftragten Verteidigers Erstaunliches.

Sie erinnern sich? Der Arzt soll die Patientinnen zwischen 17 und 28 Jahren  überredet haben, an einer Studie teilzunehmen und sie dann mit einem Beruhigungsmittel wehrlos gemacht und missbraucht haben. Die Polizei stellte im Sommer den Computer des Mannes sicher und fand darauf Fotos vom Intimbereich der Frauen. Eine Million Bilder seien ausgewertet worden. Der Chefarzt wurde Mitte August verhaftet und sitzt seither in Untersuchungshaft.

Nun lässt der Anwalt des Chefarztes über Medien unter anderem folgendes verlauten:

Den Patientinnen habe der Chefarzt

„durchwegs das Leben gerettet“.

Und :

„Zur Vor- oder Nachsorge von Operationen habe er sie untersucht, auch im Intimbereich, da dort die Auswirkungen einer Thrombose im Becken erkennbar sein könnten. Zudem habe der Arzt eine eigene Methode der Ultraschall-Untersuchung entwickelt, die von der Staatsanwaltschaft ebenfalls als sexueller Missbrauch interpretiert worden sei.“

Bislang war von Vor- und Nachsorge allerdings wenig zu lesen, vielmehr von behaupteten Studien, an denen die Betroffenen teilnehmen sollten und diesen Vorwürfen.

Der Verteidiger räumt zwar ein,

„es seien tatsächlich die Geschlechtsteile von Frauen zu sehen, allerdings um die Untersuchung zu dokumentieren.“

Millionen von Bildern? Allein zur Dokumentation von Untersuchungen? Zur Vorbereitung von Operationen, mit denen er den betroffenen Patientinnen „durchweg das Leben gerettet“ haben will? Oder für Studien? Was denn nun?

Nein, plötzlich  soll es alles  falsch sein, dass die angeblichen Opfer bei einer Studie mitmachen sollten, stattdessen seien sie alle Patientinnen seines Mandanten gewesen.

Ob das die betroffenen Damen auch wussten? Was sie nun waren? Studienteilnehmerinnen? Patientinnen eines Behandlungsvertrages? Patientinnen UND Studienteilnehmerinnen?

Eine solche Studie hat es laut Klinik und Angaben der Staatsanwaltschaft  nie gegeben.

Ob Patientin oder Studienteilnehmerinnen, das eine oder das andere – es erklärt schon nicht, dass und in welchem Umfang und mit welchem Inhalt Fotos von ihnen gefertigt worden sind – und dies offenbar ohne ihr Wissen und doch augescheinlich nach bisher bekanntem Kenntnisstand auch ohne deren Einwilligung. Und in beiden Fällen erklärt es noch weniger, dass und warum sich diese auch nicht nur in der Klinik, sondern auch beim Arzt zuhause befanden.

„Naiv“  nennt der Verteidiger den Arzt,

„weil er die meisten Behandlungen alleine und, weil es akut gewesen sei, zu ungewöhnlichen Uhrzeiten durchgeführt habe.“

Spätestens an dieser Stelle fragt der Leser sich (und vielleicht auch mindestens die Staatsanwaltschaft und die betroffenen Frauen, wenn schon nicht die derlei berichtende Presse) für wie naiv der Leser und die Adressaten solcher Erklärungen der Verteidigungen von dieser gehalten werden, solches noch halbwegs plausibel und schlüssig ansehen zu sollen. Um nicht zu sagen: Für wie dumm soll der selbst wohlwollendste Leser einer Verteidigerbehauptung verkauft werden?

Erst recht dann, wenn es weiter heisst:

„Dass er die Frauen betäubt habe, sei ebenfalls nicht richtig, er habe ihnen ein Kontrastmittel verabreicht, das allerdings offenbar Erinnerungslücken verursacht habe.“

Die Verabreichung von Kontrastmitteln mit Folgen möglicher Erinnerungslücken? Das zu behaupten, wenn man zugleich nicht einmal angeben kann, um welches es sich gehandelt habe, ist milde formuliert „gewagt“.

Zumal man eigentlich annehmen darf, bei Studien wie bei behaupteten „lebensrettenden Behandlungen“, die ihm die betroffenen Damen angeblich verdanken, wäre in der Dokumentation von Studien wie von Patientenbehandlungen auch diese und welche es war, so doumentiert, wie es gesetzlichen und vetraglichen Pflichten eines Arztes obliegt. Einschliesslich der Einwilligung von Patientinnen in die Behandlung. Und die Verabreichung von Mitteln, die ihre Erinnerungsfähigkeit so sehr beeinträchtigen können, dass diese alle und jede von ihnen plötzlich glauben, Teilnehmerinnen einer Studie zu sein. Bei einem Arzt, der sie nicht nur so fotografisch offenbar  dokumentationsfreudiger als in der Kontrastmittel- und Behandlungsdokumentation behandelt, sondern ihnen sogar „durchweg das Leben gerettet“ haben will. 

Was für Kontrastmittel sind das, die nicht nur die Erinnerung so trüben können in und für den Zeitraum, während welchem sie es injiziert bekommen haben und nicht mitbekommen haben sollen, was mit ihnen geschieht und zu welchem Ziel und Zweck, sondern die auch vorher und bevor solche „Behandlung“ an ihnen vorgenommen wurde, offenbar alles ganz falsch verstanden und in Erinnerung haben sollen? Was für Kontrastmittel sollen das sein, die solche Risiken für die Zeit vor ihrer Injektion mit sich bringen sollen?

Nein, heute ist nicht 1. April. Obschon es manchem so scheinen könnte, der diesen Artikel mit den vorweg zitierten Behauptungen der Verteidigung liest.

Pressekommunikation ist nicht die erste Aufgabe der Strafverteidigung. Aber sie ist – wenn man sie schon betreibt – eine, die man dann auch beherrschen sollte.

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Über Liz Collet

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