Wie man mit einem Vergewaltigungsopfer, einer Kündigung und social media eine Vermieterin diffamieren kann {Die SZ macht das vor}

ZUM Schutz des Rechts und GEGEN den Missbrauch der Rechte © Liz Collet

ZUM Schutz des Rechts und GEGEN den Missbrauch der Rechte © Liz Collet

Es ist ein trauriges Beispiel miserabelster „Qualität“ journalistischer Arbeit, was die SZ da abgeliefert hat.

Und ein markantes Beispiel für die Dummheit des Schwarms, der offenbar nichts weiter als die Headline eines SZ-Artikels liest und ohne Umweg über den eigenen Verstand oder wenigstens die Augen und die Lektüre des vollständigen Artikels diesen weiterverbreitet, sei es bei twitter oder Facebook. Oder offenbar nicht einmal beim Lesen des vollständigen Artikels die eigentlichen Fakten wahrnimmt, geschweige denn gelten lässt. Oder hinterfragt, gegen wen sich der Sturm der Empörung eigentlich richten, mindestens nicht weniger, sondern vielleicht vorrangiger richten sollte.

Natürlich ist es – auch – ein äusserst beklemmendes, trauriges und für die meisten unverständliches Verhalten einer Vermieterin, die einem Vergewaltigungsopfer nicht die Möglichkeit eines Verbleibs in der bisher bewohnten Wohnung vertraglich einräumt. Jeder wird reflexartig Mitgefühl für dieses Vergewaltigungsopfer empfinden. Und nichts spricht dagegen, solches zu äussern. Und zu befürworten, dass Opfer von Straftaten nicht auch noch ihr gewohntes Umfeld verlieren müssen sollten.

Fakten aber so zu verdrehen, dass über einen Artikel konträr zu den Fakten eine Kündigung der Vermieterin in der Headline behauptet wird und diese per Twitter auch so verbreiten zu lassen, obwohl bei genauer Lektüre die bisherige Mitmieterin des Vergewaltigungsopfer die Wohnung kündigte, das ist nicht mehr von Rechten der Pressefreiheit gedeckt, als journalistische Sorgfalt absolut inakzeptabel und ist auch nicht dadurch zu rechtfertigen, dass das im weiteren Text dann in sich widersprüchlich ist.

Dies zeigen die zahlreichen Retweets, die sämtlich die Vermieterin bashen als diejenige, die angeblich das Vergewaltigungsopfer gekündigt habe. Und die das auch entsprechend kommentieren und skandalisieren.

CLICK-Rate, Schlagzeilen-Quote auf Kosten einer Vermieterin – so tief sinkt die SZ?

Offenbar, denn keine Korrektur des Artikels erfolgt, keine Richtigstellung – nein, man lässt den Shitstorm toben und macht damit Schlagzeilen und Leserclicks.

Ungeachtet der Tweets und Retweets, die kein Wort darüber verlieren, dass die eigentliche (und für das Mietverhältnis offenkundig entscheidende) Kündigung nicht von der Vermieterin ausging. Sondern von der „Freundin“ des Vergewaltigungsopfers, mit der sie die Wohnung gemeinsam gemietet gehabt habe.

Gemeinsam gemietet?

Wenn die alleinige Kündigung durch eine solche „Freundin“ das Mietverhältnis beenden konnte, wäre in erster Linie dieser ein Vorwurf zu machen, den Vorfall zum Anlass einer Beendigung der Wohngemeinschaft und des Mietverhältnisses zu nehmen.

Der Schock über den Zustand der Freundin nach der Vergewaltigung soll (allein?) der Grund gewesen sein, nicht mehr in dieser Wohnung wohnen bleiben zu wollen – oder mit der vergewaltigten Freundin? Wegen deren Zustand, Verhalten danach? Man kann DEREN Entscheidung hinterfragen, sie hatte neben der Freundschaft, von der im Artikel die Rede ist, auch eine vertragliche Vereinbarung nicht nur mit der Vermieterin, sondern auch mit der vergewaltigten Freundin, mit der sie die Wohnung gemeinsam bewohnte. Man kann sich wundern, fragen, was es über eine solche Freundschaft als Zeugnis aussagt, wenn die Vergewaltigung und der Zustand einer Mitmieterin und Freundin Anlass sein soll, die Wohngemeinschaft zu beenden. Erst recht, wenn es offenbar belastend für das Vergewaltigungsopfer ist. Spätestens dann dürfte vermutlich nicht nur die Wohngemeinschaft beendet sein, zwischen beiden.

Das kann man moralisch hinterfragen und bewerten, aber rechtlich hat die kündigende Mitbewohnerin und „Freundin“ offenbar formal das ihr zustehende Kündigungsrecht ausgeübt.

Ein Recht und eine Beendigung einer Wohngemeinschaft, die jeden treffen kann, der eine solche mit anderen (Freunden oder Nichtfreunden) eingegangen ist. Und der im Mietvertrag kein vertragliches Recht auf seiner Seite besitzt, das Mietverhältnis dann allein fortsetzen zu können. Oder mit anderen neuen Mitbewohnern.

Die muss sich – Vertragsfreiheit gilt auch für Vermieter – dieser nicht aufzwingen lassen.

Rechtlich hatte damit die Vermieterin das schlichte Recht, nach Erhalt (! – nicht nach Aussprechen einer angeblichen eigenen) Kündigung, diese neu zu vermieten. Vertragsfreiheit heisst dann auch, entscheiden zu können, ob diese Anschlussvermietung ermöglicht wird der verbleibenden bisherigen Mieterin, die allein oder mit anderen dort weiter wohnen möchte. 

Ob das abgelehnt wird mit der bemerkenswerten, sicher unschönen Begründung, man habe eines Vergewaltigungsopfers wegen die Polizei im Hause gehabt oder weil die Vermieterin keine erneute Wohngemeinschaft als Mieter vertraglich haben wollte, spielt nur für diejenigen eine Rolle, die lieber einen Vermieter bashen, als diejenige moralisch zu hinterfragen, die ihre Freundin mit der Wohnungskündigung rechtlich zwar wirksam, aber dennoch allein mit der Suche nach neuer Wohnung nach der Vergewaltigung zurückliess.

Denn die Vermieterin braucht als EMPFÄNGERIN der Kündigung überhaupt keinen Grund anzugeben, warum sie keinen neuen Mietvertrag mit einer der verbleibenden Mieter und noch weniger mit weiteren Dritten als Mietern für eine neue Wohngemeinschaft eingehen möchte. Oder ob und warum sie nicht erneut eine Wohngemeinschaft als Mieter haben möchte. Oder was es vielleicht vorher (wirklich) an Ärger mit den bisherigen beiden Mieterinnen gegeben haben mag. Und wenn eine „Freundin“ nach einer Vergewaltigung der Mitmieterin lieber auszieht, als mit dieser weiter zusammen zu wohnen, muss vielleicht der Schock über die Vergewaltigung auch nicht zwingend der einzige und wahre Grund gewesen sein, auszuziehen; zumindest könnte man das jedenfalls mehr moralisch hinterfragen, als das Verhalten eines Vermieters, der nach einer erhaltenen MIETERkündigung dieser entsprechend handelt. 

Sie hat nicht gekündigt, sie vermietet neu.

Einen Kontrahierungszwang für Vermieter zu erwarten, die „nur“ rechtlich mit einem Mieter verbunden waren, während man kein Wort über die unter Freunden eher zu erwartenden rechtliche UND freundschaftlichen Rücksichtnahmepflichten verliert, ist tendenziös und zielt allein auf das Bashing der Vermieterin ab, die nicht weniger von Rechten Gebrauch macht, als die ausgezogene und kündigende „Freundin“. Dies umso mehr, wenn zudem fälschlich bereits mit der headline und dort behaupteter Kündigung seitens der Vermieterin diese zur Zielscheibe rechtlicher wie moralischer und social medialer Entrüstung und Shitstorms gemacht wird.

Der eigentliche Skandal ist nicht die Vermieterin in dem Fall, der durch alle Timelines jagt. Sondern wie die Süddeutsche Zeitung den Fall berichtet. 

Wie man mit einem Vergewaltigungsopfer, einer Kündigung und social media eine Vermieterin diffamieren kann. Die SZ macht es vor. Und alle machen mit.

Journalistische Sorgfalt und Verantwortung? Null-Linie.

Journalismus, der so die Fakten verdrehend und irreführend bereits mit der Headline tendenziös veröffentlicht, verdient nicht nur das Wort „journalistisch saubere Recherche“ und das Recht freier Presse nicht, sondern eigentlich rechtliche Konsequenzen, wie sie das Recht bei unrichtiger Tatsachenbehauptung presserechtlich und juristisch bereithält.

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Über Liz Collet

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5 Antworten zu Wie man mit einem Vergewaltigungsopfer, einer Kündigung und social media eine Vermieterin diffamieren kann {Die SZ macht das vor}

  1. sowhy schreibt:

    Eine juristische Bewertung dürfte ohne Kenntnis aller Fakten unmöglich sein. Es sei aber angemerkt, dass es nicht zulässig ist, dass ein Mieter einen gemeinsamen Mietvertrag kündigt (vgl. Streyl, NZM 2011, 377 (384) m. w. N.), so dass möglicherweise gar keine wirksame Kündigung vorlag.

    Selbst wenn die juristische Bewertung inkorrekt wäre, dennoch ist die Frage erlaubt, wieso die Vermieterin nicht an das Vergewaltigungsopfer (zusammen mit deren Schwester, wie berichtet) vermieten wollte. Auch wenn sie dies streng juristisch möglicherweise nicht musste (wir kennen ja wie gesagt die Details alle nicht), so ist es also verständlich, wenn Leute es für menschlich unvertretbar erachten, ihr die Wohnung nicht zur Miete anzubieten.

    Ganz so einfach, der SZ die gesamte Schuld zuzuschieben, sollte man es sich also nicht machen.

  2. alexhell76 schreibt:

    Nun ja, juristisch vollkommen korrekt. Die Formulierung „daraufhin kündigt ihr die Vermieterin“ ist falsch. Wahrscheinlich auch andere Sachen. So ist es z.B. normal, dass Teile der Kaution einbehalten werden bis die Nebenkostenabrechnung erfolgt ist. Ein tendenziöser Artikel vermutlich. Dennoch hinterlässt der Bericht einen faden Beigeschmack. Nur weil die Mitbewohnerin und angebliche Freundin noch fragwürdiger gehandelt hat, macht das das Verhalten der Vermieterin moralisch nicht besser.

    Aus dem Bericht geht kein Grund hervor, weshalb der erneute Abschluss mit der Ex-Mieterin nicht zumutbar gewesen wäre. Daher empfinde ich es nicht als feinen Zug, der Ex-Mieterin das zu verweigern. Klar, es gab in dieser Situation keinen Kontrahierungszwang und daher ist die Entscheidung überwiegend rechtlich unangreifbar, aber wäre ich der Vermieter würde ich bei dem geschilderten Sachverhalt morgens nur ungern in den Spiegel schauen.

  3. Liz Collet schreibt:

    @Sowhy: Sie vermengen hier rechtliche Bewertung einerseits und die Kritik an der SZ-Berichterstattung andererseits. Letztere hat wahrheitswidrig Kündigung durch die Vermieterin behauptet (Headline), obwohl diese nicht vorliegt. Und zudem die eigentlich rechtlich durchaus interessanten Fakten sowenig interessiert, wie die Frage, warum sich die Vermieterin Vorwürfe machen lassen soll, die wenig rücksichtsvolle Freundin und Mitmieterin hingegen nicht. Ihre Fundstelle ist keiner Bewertung zugänglich, weder ich noch meine Leser verfügen über die NZM. Diese zu lesen ist jedoch nicht nötig: 1. Wäre die Kündigung unwirksam gewesen, hätte die verbliebene Mieterin nicht ausziehen müssen. Die Lücken des rechtlich bewertbaren Tatsacheninhalts des SZ-Artikels ist Teil der Mängel unsorgfältiger Recherche und Berichterstattung. 2. Der Inhalt des konkreten Mietvertrags wäre zwar durchaus interessant. Aber selbst bei einem gemeinsamem Mietvertrag steht auch dann, wenn ein Mitglied der WG nicht ausziehen will und die Kündigungserklärung verweigert, dem Ausziehenden ein Anspruch, auch ein einklagbarer Anspruch auf die Kündigungserklärung gegen den verbleibenden zu. Die ausziehende Freundin hat offenbar unter Einhaltung der Kündigungsfrist gekündigt, die verbleibende Mieterin hat deren Auszug und Kündigung wohl zugestimmt. Anderenfalls hätte sie die Zustimmung im Klageweg bei Klage der Freundin eh erteilen müssen und über einen Mietvertrag mit einer neuen anderen Person (Schwester) gar nicht verhandeln, jedenfalls einen solchen nicht abschliessen können. Eine Bedingung an die Zustimmung zur Kündigung der Freundin kann der verbleibende Mieter nicht knüpfen, wie zB : nur wenn Vermieter XY als Ersatzmieter künftig mit mir als Mieter akzeptiert, entlasse ich vorherigen Mitmieter aus dem Mietvertrag und stimme dessen Kündigung zu. Wir können also rechtlich wie praktisch durchaus mal unterstellen, dass sie der Kündigung der ausziehenden Mitbewohnerin zustimmte, aber eben weiter dort wohnen wollte, nur mit neuer Mitmieterin. Dafür aber gibt es nun mal keinen rechtlichen Kontrahierungszwang. Es ist ein Lebensrisiko, dass bei WGs andere auch ausziehen und man dann die Wohnung ebenfalls aufgeben muss, wenn man sie nicht allein weiter halten und bewohnen kann und Vermieter andere dann nicht akzeptieren wollen. Ausnahmen würden nur dann gelten, wenn Vermieter und bisherige WG von Anfang an die Wohnung als WG mit auswechselbaren Mietern vertraglich vereinbaren würden, was im Regelfall eher nicht vertraglich usus ist. Ob Leser es für menschlich gut halten, wenn eine Vermieterin die Fortsetzung des Mietverhältnisses ablehnt, ist eine Sache. Hier kritisieren Leser aber eine angebliche Kündigung der Vermieterin – und die gab es nicht, sondern das ist eine Behauptung der SZ, für die auch die SZ allein und damit auch für den ungerechtfertigten Shitstorm gegen die Vermieterin die SZ die Verantwortung und „Schuld“ trägt. Es macht dabei auch durchaus einen erheblichen , auch moralischen Unterschied bei Reaktionen, ob ein Vermieter kündigt in so einem Fall ……….oder ob er nach erhaltener Kündigung neu vermietet. Und für die Zukunft keine WG mehr möchte. Und wie man einen Vermieter zu Unrecht als „Schuldigen“ an den Pranger stellt, ein ohnehin armes Vergewaltigungsopfer angeblich zusätzlich auch noch aus der Wohnung zu werfen. Während es die Freundin ist, die sich die verbliebene Mieterin selbst ausgesucht hatte und deren Verhalten sie jetzt in die Lage brachte, in dieser persönlichen Lebenssituation auch die Wohnung aufgeben zu müssen. Hier hat die SZ den Schwarzen Peter, moralisch eine Keule gegen Vermieter zu schwingen, die gar nicht gekündigt haben. Von „es sich einfach machen“ kann daher wohl weniger bei der Kritik an der SZ die Rede sein, als an deren Arbeit selbst. Und dem Journalisten, dem Fakten und tatsächliche Verursacher der Situation weniger als tendenziöses und polemisches Anprangern einer Vermieterin Anliegen war.

  4. Liz Collet schreibt:

    Lieber Herr Hellinger, Sie und ich würden vermutlich beide einig in dem Punkt eine sozialere Lösung für die verbliebene Mieterin anstreben, sei es als deren Rechtsbeistand, sei es als Vermieter der WG. Auch ich hätte es wünschenswerter gesehen, wenn zB die Schwester als Ersatzmieterin mit einziehen hätte dürfen. Weil es familiär eine vielleicht stabilere WG-Kombination generell wäre, erst recht als Beistand für das Vergewaltigungsopfer u.a. Gründen mehr. Wie im Beitrag eingangs betont : „Schön“………mag einiges nicht sein, sozial auch nicht. Mitmenschlich ist vieles wünschenswerter. Was aber inakzeptabel an der SZ-Berichterstattung ist, sind unrichtige Tatsachenbehauptungen über angebliche Kündigung einer Vermieterin, eine Verdrehung der Tatsachen, die mit Feindbildern und Opferrollen Meinung von vornherein in eine ganz andere Richtung lenkt und damit auch eine Empörungs- und Erregungsreaktion bewirkt, die weder dem Vergewaltigungsopfer nutzt, noch einer Diskussion um eine durchaus diskutable Situation und wie man damit (rechtlich auch), aber vor allem sozial umgehen kann und soll oder nicht sollte. Die Freundin. Die Vermieter(in). Beides ist gleichermassen kritikwürdig. Als Freunde – finde ich persönlich – mehr als „nur“ ein Vertragspartner. Der aber bekommt durch die unzutreffende Berichterstattung der SZ das Fett ab. Das ist auch nicht damit zu rechtfertigen, dass weder Sie noch ich so handeln wollen würden, nicht eine bessere Lösung für ein Opfer einer Straftat auch als Vermieter finden und suchen zu wollen.

  5. Alfred Kruse schreibt:

    Ist ja nicht der einzige Fall tendentiöser Berichterstattung dieses Jahr.

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