„Ich bitte 1000 Mal um Entschuldigung“

Sprachkenntnisse  © Liz Collet

Sprachkenntnisse © Liz Collet

„Ich bitte 1000 Mal um Entschuldigung“

Worte eines Täters an die Angehörigen seiner von ihm getrennt lebenden und von ihm getöteten Ehefrau.

Es läge manchem Leser der Worte vielleicht auf der Zunge zu antworten:

„Und das ist und wird immer 1000 und 1 Entschuldigung zuwenig sein!“

Die Geschichte des Falles der Chronik eines angekündigten Mordes und der Grenzen der Wirkung von Kontaktsperren HIER.

Entschuldigungen muss man nicht annehmen. Und wenn sie 1000 mal ausgesprochen würden.

Beim Lesen solcher Zeilen erinnere ich eine Diskussion mit einem meiner Hochschullehrer, der eine (mir persönlich zu weit gehende, zu weit reichende) Wirkung von Strafe, Strafverbüssung und Resozialisierung zu vertreten schien, bei der nach Strafe und Tat gleichsam wieder ein „Reset“auf Anfang erfolge und es über Täter-Opfer-Gespräche Opfern und Angehörigen beinahe als Pflichtschuldigkeit angedient wurde, in eigenem und Rechtsfrieden wiederherstellendem Interesse, Tat und Täter zu vergeben und zu vergessen, als ich bei ihm nicht nur ein Seminar zum Thema Strafverfolgung und Sanktionensystem besuchte, sondern etwas später auch als Assistentin am Lehrstuhl tätig war.

Nicht, dass mir nicht seinerzeit bereits bekannt gewesen wäre, dass und wie bei manchen (nicht allen!) Opfern und deren Angehörigen für diese selbst wichtig und der bessere Weg sein kann, eine Tat zu vergeben. Nicht um des Täters willen – sondern für sich und damit sie selbst Geschehen verarbeiten und wenn nicht damit abschliessen, doch wenigstens damit weiter leben und ein Leben weiter leben können. Eine der zweifellos schwierigsten Aufgaben, die man keinem wünscht. Aber auch umsoweniger zumuten möchte, Opfern und Angehörigen dafür Maßstäbe vorzugeben, ob und was „besser für sie“ sei. Oder was sie tun „sollten“.

Wer kann beurteilen, ob (manche) Opfer und Angehörige nicht die Kraft dafür besser haben und für sich finden, wenn sie eben nicht vergeben – weil sie es als eben nie verzeihlich ansehen. Und das ihr persönliches Fazit ist, der Schlußstrich, den sie für sich darunter ziehen und damit dann leben?

Gibt Strafe und Strafverbüßung einen Anspruch auf Vergebung? Das schien jedenfalls tendenziell die Position meines Hochschullehrers und – ihm folgend – der überwiegenden Zahl der Teilnehmer jenes Seminars zu sein.

Und veranlasste mich zu der Frage:

„Strafe, Strafverbüssung kann den Weg in Resozialisierung ebnen, die richtig und wichtig ist und die eine Sache. Aber eine andere Sache und unabhängig davon ist, sie kann doch eine Tat nicht nachträglich entschuld[ig]en?“

Auf die Frage erhielt ich keine Antwort, seinerzeit.

Es ist keine nur rechtsdogmatische Frage. Es ist auch eine der Akzeptanz und des Umgangs mit Verhalten nach Tat, mit Urteilen über Taten. Des Verstehens und des Verständnisses von Folgen von Taten für Beteiligte. Und zwar auf beiden Seiten – Täter wie Opfer und Angehörige. Und damit durchaus eine der essentiellen Fragen auch der Genugtuungs- und Gerechtigkeitsfunktion, der Wiederherstellung von Rechtsfrieden und damit des Täter-Opfer-Bandes, das eine Tat  – mindestens für die Seite der Opfer unfreiwillig – geschaffen hat.

Es gibt für Taten Rechtfertigungs- und Entschuldigungsgründe im Gesetz, bei denen Rechtswidrigkeit oder Schuld der Tat selbst entfallen oder die Schuldfähigkeit partiell oder vollständig fehlen kann. Tat, Täter werden als schuldlos bzw schuldunfähig gesehen und beurteilt.

Aber eine rechtswidrige, schuldhafte Tat – kann sie (auch nach Strafverbüssung) je entschuldbar werden?

Es gibt eine Linie zwischen der Sanktionierung einer Tat und der Fähigkeit des Rechts und der Rechtsprechung, Unrecht zu beseitigen, auch unabhängig von der Aufgabe und Funktion, mit einem Urteil Rechtsfrieden wiederherzustellen, dem Anspruch Betroffener und eines Rechtsstaates, der Gerechtigkeit Genüge tun zu wollen, Unrecht Gerechtigkeit widerfahren lassen zu wollen.

Zwischen Entschuldigung (nach echter oder nicht) Reue und Vergebung liegt eine Grenze. Nicht jeder kann über sie gehen, nicht jeder muss über sie gehen.

Der mit Taten und ihren Folgen leben muss. At both sides of the line.

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Über Liz Collet

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