Wuff! Der Bäcker hat Sie was gefragt!

Vertrauen © Liz Collet

Vertrauen © Liz Collet

Zur Zeit der Einführung von Payback, deren Karten und der penetranten Frage an jeder Kasse nach meiner Payback-Karte ging es los. 

Sicher, wer vorher mit ec-Karte oder Kreditkarte zahlte, hinterliess auch Spuren seines Einkaufsverhaltens, aber das war immerhin noch eine Sache zwischen Kunde und Bank und Teil unverzichtbaren Zahlungsvorgangs, nicht anders als Überweisungs- und Buchungsvorgänge auf dem Konto, welche die Bank ebenfalls kennt.

Nein, es war die Paypback-Karte, bei der es wahrnehmbar wurde, dass und was als Kunden-, Verbraucher- Nutzerverhalten eben auch von dritten Unternehmen erfasst wurde. Um den Preis von Rabattpunkten, sammelbar und eintauschbar gegen Prämien, die man ebenso gut für den weitgehend gleichen oder vergleichbaren Preis wie die Bonuspunkte im Gegenwert kaufen könnte. Aber natürlich war damit die individualisierte Werbung der folgende Schritt nach den Erfassungen des Kaufverhaltens. Da ich mich der Anschaffung einer Payback-Karte verweigerte, nervte mich (bei allem Mitleid mit den sich mundfusslig fragenden Kassiererinnen) die Penetranz der alltäglich vielfachen Frage- und Antwort-Prozedur, der auch mit Humor und wechselnd flappisgen Gegenfragen oder Antworten oder sich auf die Frage einfach taub zu stellen kaum wirksam zu entkommen war.

Natürlich kann es vergnüglich sein, auf die Frage – am besten, wenn hinter Ihnen eine XXL-Schlange anderer Kunden steht – sich mit der Gegenfrage zu rächen, was denn Payback sei und wo man das bekomme und ob man sich gleich alles wieder auszahlen lassen könne, was man gerade bezahlt habe und ob man nicht gleich hier, jetzt den Antrag ausfüllen und sich dabei von der Kassiererin helfen lassen könne, weil man dies und das nicht verstehe, dafür sei sie doch sooo kompetent, weil sie das jedes Mal thematisiere an ihrer Kasse und ob sie eigentlich eine Provision für jeden neuen Paybackkunden bekomme usw. Jaha, es KANN vergnüglich sein. Sagen wir: es sich vorzustellen, auch wenn Sie mir das vermutlich zutrauen würden, sowas auch mal zu exerzieren.

I have to confess – in Versuchung war ich. Mehrmals. Ich beliess es bei anderen Antworten wie zB lächelndem

„Nein, danke, ich leiste mir den Luxus, freilaufende Kundin zu bleiben“

und dem irritierten Blick der Kassiererinnen und dem Kichern der Kunden hinter mir dazu.

Ich habe eine Schwäche des Mitgefühls für Ladenpersonal und lebe deshalb nicht alle Fantasien aus. Es sei denn, das Ladenpersonal ärgert mich. Oder andere. Da kann ich schon mal der einen oder anderen Versuchung erliegen. Wie gesagt – auch ich hab meine Schwächen. Die eine oder andere.

Die Fragen nahmen zu, die man an Kassen beantworten sollte. PLZs waren die nächsten. Optionen des Umgangs mit der Frage nach solcher?

  • „Nö“. [KKP…kurzknapppräzise..aber dann seien Sie auch konsequent und lassen Sie auch auf das Nachhaken „Ich brauch die aber“ oder „warum nicht?“ auch auf kein weiteres Wort der Diskussion ein.]
  • Lange Diskussion über Datenschutz und Privatsphäre können Sie zwar entfachen, ist aber eher öde. Spätestens nach dem dritten Einkauf und PLZ-Spielchen.
  • Artig spurend die echte PLZ nennen. (Nur Doofies merken nicht, wie sie mit jeder der fünf Ziffern die Hacken zusammenschlagend stramm vor Kassierern und Handel stehen, während sie sonst Behördengehorsam anprangern und „Revolution“ gegen Alles und Nichts plärren.)
  • Fantasievolle PLZ nennen. (Seien Sie bitte kreativer, als einfach nur 5 Zahlen nach Tageslaune zu nennen. Sowas gehört sich nur, wenn Sie es grad eilig haben. Ansonsten gilt: Gönnen Sie sich etwas Spass beim Einkauf. Wenn die Kassiererin Ihnen und Ihrem verschwörerischem Blick nicht glaubt, dass Sie unter der PLZ 007 wohnen, ist das dann IHR Problem oder ihres? Oder wenn diese nicht widerlegen kann, dass Sie unter einer 7stelligen PLZ in Brasilien wohnen, weil sie a) weder weiss, ob es dort 7stellige PLZs gibt, noch b) eine Arbeitsanweisung parat hat, was sie bei mehr als 5 Stellen eingeben soll? Ist das wirklich dann IHR Problem? Sie wird dann vielleicht die ersten 5 nehmen. Behaupten Sie, die letzten seien für das Viertel spezifischer und daher massgeblich. Guggen Sie glaubwürdig und harmlos dabei. Das können Sie doch hoffentlich?)

Inzwischen werden Sie kaum noch solche Fragen hören. Warum nicht? Die Welt hat längst einen neuen und viel umfassenderen Spielplatz. Und obwohl wir täglich davon hören und lesen und dass und welche Daten wir hier und da und über social media und Online-Käufe, Surfverhalten und anderes preisgeben und zur Speicherung anderer zulassen, die davon satte Gewinne erwirtschaften, ist es erstaunlich, wie wenig wehrhaft der Mensch sich dagegen zeigt. Erst wenn sein Verhalten wieder ins reale Leben zurückgeführt den Spiegel vorgehalten bekommt, mit eben der Neugier und Sammelwut an Daten und Wissen und Infos, die online huschhuschhusch minütlich erbeutet und preisgegeben werden, stutzt der eine oder andere dann doch wenigstens mal für den Bruchteil eines Moments.

Wenn etwa der Bäcker, der vielleicht der Bäcker Ihres Vertrauens in Sachen Brot sein mag, aber wohl nicht deswegen Vertrauen zu allerlei anderem an Infos von Ihnen geniesst, Sie nach so manchem fragt, was und wieviel würden Sie ihm dann antworten? Wie die Kunden in diesem Video.

Das zeigt nicht nur, wie wenige Menschen wirklich nein sagen. Und wie selbst die wenigen noch reflexartig in einen Erklärungszwang zu geraten scheinen, ihr NEIN begründen zu müsen. Verkehrung der Welt, wenn nicht der Fragende seine Legitimation, überhaupt diese Fragen stellen zu dürfen und wollen, erklären muss, sondern der Befragte schon nicht mehr frei davon ist, einfach nur NEIN zu sagen.

Oder zu kontern: „Spinnen Sie!?“

Ok, Sie können das anders ausdrücken. Netter. Sachlicher.

Aber eine Antwort, wie Sie diese rein gefühlsmässig hätten, wenn Volkszählung oder GEZ oder Zeugen Jehovas was von Ihnen wissen wollen, wäre vielleicht passender, als eine Pawlow’sche stramme Wuffi-Haltung. Sitz! Platz! PLZ! Auf App – zum Daten(r)Apport!

Über Liz Collet

Photographer, Author, Foodstylist, Jurist
Dieser Beitrag wurde unter Internetrecht, Kommentar, Münchner Spitzerln, Murnauer Spitzerl, Ni X für U ngut, Re-View mit Augenzwinkern, Social Media & Networking, Verbraucherschutz und Verbraucherrecht abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Wuff! Der Bäcker hat Sie was gefragt!

  1. freudefinder schreibt:

    köstlich geschrieben – mitten hineingesprungen ins wahre Leben. Danke. Ich bin auch so ein Kunden-Freigänger…. herrlich

  2. Pingback: Es gibt kein Brot, das weggeworfen werden muss – oder: Machen Sie was draus! – Smooth Breeze 7's

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s