Auf Kosten der Alten

Sonnige Aussichten im Seniorenhaus© Liz Collet

Sonnige Aussichten im Seniorenhaus© Liz Collet

Manchen geht es gut. Im Alter. Im Altersheim. Im Pflegeheim. Täglicher Seelenstreichler und Streicheleinheiten inklusive.

Nicht nur am Dreikönigstag und nicht nur Schmetterlinge am Windfang haben da sonnige Aussichten und Ausblicke, in manchen Seniorenheimen. In denen Bewohner im Sommer täglich draussen sitzen und sich bewegen, mit und ohne Hilfe durch Pflegepersonal, Rollator oder Stock und Besucher, die sie abholen, um auch mit ihnen ausserhalb von Haus und Garten spazieren zu gehen. 

Wo sie auf der Hausbank und Gartenstühlen in der Sonne sitzend Gemüse schnippeln, wenn sie mögen und das offenbar auch gern tun. Ebenso wie sich um die Kräuter in den Töpfen zu kümmern, die dann an der Holzwand links neben dem Schmetterlingswindfang hängend von ihnen gegossen werden. Oder sich am Blühen der Obstbäume im Garten und deren Obst freuen. Und an den herumflatternden lebendigen Schmetterlingen, den vielen Singvögeln im Garten und den Blumen, während sie auf den Bänken über dies und das plaudern. Wo sie in verschiedenen Gemeinschaftsräumen am Tisch beisammen sitzen, wenn Adventskerzen brennen oder im Raum nebenan in gemütlichen Ohrensesseln wohl auch fernsehen, ein kleiner „Fuhrpark“ von Rollator, Rollstuhl und Liegerollstuhl kann da hie und da im Raum versammelt zu sehen sein, bis nach und nach im Laufe des Abends die einzelnen sich in die Zimmer im oberen Stockwerk zurückzuziehen beginnen, je nach Bedarf mit Hilfe.

Gegenseitige und durch Pflegepersonal. Genug Pflegepersonal für derzeit 12 Bewohner.

Idylle? Ein bisschen – ja. Und die gibt es doch offenbar in viel zu wenigen Einrichtungen leider in dieser Art. Mit oder ohne  Cat On a Cold Tin Roof. Mit Cat finde ich – naturellement – viel schöner. Das und wie wohl auch diese sich dort fühlt, ist (zugegeben für mich ganz persönlich und nicht objektiv) ein zusätzliches Qualitätsmerkmal. Und dass ich den Titel nicht ganz zufällig bei Tennessee Williams entlehnte, bei dem Thema, auch eine Frage der Qualität einer solchen Einrichtung. Denn eine Katze kann es – so bekanntlich die titelgebende Stelle im Stück – lange auf einem heissen Blechdach aushalten, aber dann springt sie und verlässt es, wenn es nicht mehr erträglich ist. Alte Menschen können nicht mehr von „ihrem zu heiss werdendem Blechdach springen“, wenn Heime es für sie unerträglich machen.

Ich müsste mir die Augen wie Justizia vebinden, um es übersehen zu können, dass es gute Beispiele wie diese gibt und geben kann, wenn ich vom Schreibtisch durch die Scheiben der vier Balkontüren hinaussehe. Oder auf meiner Bank auf dem Balkon im Sommer meinen Frühstücksespresso oder meine Mahlzeiten in der Arbeitspause einnehme und die Bewohner von dort mir vergnügt herüberwinken. Auch solche, die nicht nur körperlich erkennbar ihre Einschränkungen zu haben scheinen.

Sie könnten sich selbst ein Bild machen, würde meine mir eigene Diskretion und der Respekt, Menschen nicht einfach so in ihrem Lebensraum zu fotografieren es sich (mir jedenfalls) nicht verbieten, davon Fotos zu machen oder sie gar zu posten. Selbst wenn sie noch so erfreulich sind. Und selbst wenn noch so viele Kliniken oder Pflege- oder andere Heime und deren Mitarbeiter nicht die geringsten Hemmungen mehr haben, Bilder ihrer Bewohner als Selfies mit ihnen oder nur von diesen über alle Webpräsenzen und soziale Medien zu verbreiten, bei denen weder Persönlichkeitsrechte noch Respekt vor diesen Menschen noch ein Jota Wert scheinen, wenn es um Eigendarstellung und -werbung und PR für eigene Arbeit geht. Selektierte Bilder, bien entendu. Denn wer von solchen Mitarbeitern und Häusern stellt schon Beispiele von Bewohnern dann dar, die nicht gut genug gepflegt werden? Man komme mir also nicht damit, dass solche exzessiven Verletzungen von Persönlichkeitsrechten dementer Bewohner bei der Veröffentlichung ihrer Bilder im Heim einer Transparenz dienten, wie gut diese versorgt würden!

Vielleicht wäre es weit besser, wenn viel mehr solcher Seniorenhäuser mit Pflege mitten in der Nachbarschaft stünden – eine bessere Qualitätskontrolle gibt es vielleicht gar nicht als eine, bei der man schon mit sehr viel Mühe und Aufwand wegguggen müsste, um – ob man es will oder nicht – nicht zu sehen, wo es gut geht und wo es zum Näherhinguggen Anlass gäbe. Und wo man den Spiegel tagtäglich vorgehalten bekommt, wie die eigene Zukunft aussehen kann. Oder würde, je nachdem. Wie würdevoll oder würdelos, gut oder schlecht solche Heimplätze geführt und betreut werden. Denn sie bilden schon rein zahlenmässig nicht nur die Mitte der Gesellschaft, dort gehören sie auch hin: In die Mitte der Gesellschaft und in die Aufmerksamkeit gerückt, ob und wie gut es ihnen und damit uns morgen geht.

Ich scherzte unlängst, wenn ich irgendwann ein Alter oder eine körperliche Einschränkung erreichen würde, die es mir nicht mehr erlauben würde, wie meine beiden Grossmütter bis in die Mittneunziger des eigenen Lebens in ihren eigenen Wohnungen bleiben zu können, wäre es vermutlich nicht die schlechteste Option, nur noch ein Haus weiter umziehen zu müssen.

Dass es in Murnau (und der Region) zudem eine ganze Reihe von Häusern gibt, in denen so schmale und verwinkelte Treppen und Aufgänge zu finden sind (die für Fotoserien verlockende Objekte sind, ebenso wie die schmucken Häuser selbst), erleichtert altersgerechtes Wohnen und erst recht der etwaigen Pflege auch nicht gerade. Das Thema ist zudem nicht unspannend im Zuge der seit langem herrschenden Diskussion um die Zulassung von Praxen im Murnauer Kemmelpark oder des Einzelhandels und der Pläne von Unternehmen, denen der Rat der Gemeinde nicht unbedingt die besten und zielführenden Lösungen bietet. Was auch kommunalrechtlich und für die Zukunftsgestaltung auch für Bürger jeder Generation hochrelevant ist. Seniorenpflege und -betreuung und medizinische wie pflegerische Versorung eingeschlossen.

Das ist nicht überall so, dass man Häuser mit Senioren findet, bei denen man gern hinsieht, wie es dort aussieht und zugeht, sommers wie winters und täglich mit der Betreuung und Versorgung.

Claus Fussek spricht von „der grössten humanen Katastrophe seit dem 2. Weltkrieg“

Eine Überzeichnung, Übertreibung, ein ungerechtfertigtes Schreckensszenario?

Deutschland hat die älteste Bevölkerung Europas und die zweitälteste der Welt.  Ist also Fusseks Vergleich wirklich allein schon zahlenmässig fern von einer Berechtigung solcher Vergleiche? Die Frage ist dringend und drängender denn je: Wie gehen wir mit unseren Alten um? 

Das ZDF hat sich des Themas in einer sehenswerten Reportage erneut angenommen. Auch mit Undercover-Berichten. Und versucht, Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln über das, was im Alltag geschildert wird, wo Regularien und Strukturen der Essenszeiten „Frühstück um neun, Mittagessen um halb zwölf und um fünf Uhr gibt’s Abendbrot“ den Rhythmus der Eile bei Personalnot bestimmen. Wo Pfleger  von einem zum anderen hetzen und wo Bewohner um halb acht mit Schlaftabletten ruhig gestellt werden. Oder Berichte über überdurschnittlich hohe Zahlen von Fixierungen nicht nur nachdenklich machen, sondern zum Handeln zwingen müssten. Denn wogegen heute nicht vorgegangen wird, ist das Leben, das jeden von uns morgen oder übermorgen einholen könnte. Am eigenen Leib. 

Nicht nur der Mangel an Zeit für zwischenmenschliche Nähe zwischen Sättigen und Säubern zeichnet ein unerträgliches Szenario, wenn Zustände wie in einem Entwicklungsland herrschen in Heimen, in welchen oftmals nicht genug Waschlappen und Handtücher für die Versorgung vorhanden sind und Menschen auf menschenunwürdige Weise in zu kleine Windeln gepackt werden oder dass bei Pflegeleistungen zwischen 3500 und 4000 Euro gar am Essen gespart wird.

 Beim Bundesverfassungsgericht hat man es inzwischen mit sieben Verfassungsbeschwerden gegen die Zustände in deutschen Altenheimen zu tun. Während es Heimleiter gibt, die offen erklären, dass es kein Heim gebe, in dem nicht täglich gegen die Menschenwürde verstoßen werde, erhalten Altenheime offiziell Bestnoten. Wie kann es sein, dass die Durchschnittsnote aller Altenheime beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen 1,2 (Sehr gut)  lautet, wenn die Alltagserfahrungen von Heimleitern und Personal und nicht nur die von Bewohnern oder Angehörigen so diametral anders lauten?

Welche Verbesserungen kann – nach allen doch eigentlich bereits unternommenen Bemühungen der letzten beiden Jahrzehnte und mediale wie justizielle Befassung mit dem Zustand in Pflegeheimen und Altersheimen dann realistischerweise die Pflegereform erhoffen lassen und bringen, die seit dem 01.01.2015 in Kraft ist?

ZDFzoom begibt sich in der Reportage „Auf Kosten der Alten“ auf Spurensuche mit der Autorin Valerie Henschel, die verzweifelten Pflegern, Heimleitern und Experten begegnet, die erklären, warum gute Pflege in Deutschland sich eigentlich nicht lohnt.

Preview-Clips HIER und DORT.

TV-Tipp:

Ausserdem:

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Über Liz Collet

Photographer, Author, Foodstylist, Jurist
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