„Vermutlich ein Fehler der Kammer, dass wir den Angeklagten nicht haben einsperren lassen“ {Richterliche Einsichten}.

Justiz © Liz Collet

Justiz © Liz Collet

Bissi brüskiert fühle man sich, liest man.

Bei der  1. Strafkammer des Landgerichts München. 

Durch das Verhalten eines Angeklagten und dessen Anwälten. Der sich allem Anschein nach mit recht ungenügenden Arztberichten des Erscheinens bei Gericht zu entziehen vermag. 

Weil der lange Arm Justizias vielleicht auch bis Teneriffa reicht. Aber eben nicht fix genug. Vor allem, wenn man erst Tage nach einem Unfall und erst am Verhandlungstag über das Nichterscheinen eines Angeklagten durch dessen Anwälte informiert wird.

Es geht um den Prozess gegen den Münchner Gerichtspsychiater Thomas Sch., der von einer medikamentenabhängigen Staatsanwältin Sex gegen Pillen gefordert haben soll. 

Ein Prozess der nun wegen Nichterscheinens des 59-jährigen Angeklagten zum (eigentlich) vorläufig letzten Verhandlungstag am Freitag  vor der 1. Strafkammer am Landgericht München II von vorn begonnen werden muss.

Seine Anwälte gaben Berichten zufolge an, ihr Mandant sei bei einem Badeunfall auf Teneriffa verunglückt und befinde sich zum Auskurieren seiner Beschwerden  derzeit in einer Privatklinik in Puerto de la Cruz. Hierzu legten die Anwälte offenbar nur einen vagen und sich zum Teil sogar widersprechenden Arztbericht dem Gericht vor, wonach der Angeklagte beim Baden im Meer eine nicht näher beschriebene Verletzung an der Wirbelsäule erlitten habe. 

Dazu soll eine von den Richtern der Kammer hinzugezogene Sachverständige erklärt haben, nach der Diagnose ihres spanischen Kollegen sei keine schwere Verletzung des Angeklagten und damit eine Transportfähigkeit mit dem Flugzeug durchaus gegeben. Die  in dem Bericht beschriebenen Beschwerden des Angeklagten beruhten lediglich auf dessen „subjektiven Angaben“ und das Schreiben des spanischen Arztes stelle also nurmehr eine „Verdachtsdiagnose“ dar.

Man kann es den Richtern der Kammer kaum verdenken, dass sie sich da ein bisserl vorgeführt fühlen könnten und an der Nase herum ebenso. Ähnlich wie ein Lehrer, dem ein schulschwänzender Bengel mit einer selbst gefälschten Entschuldigung seiner Eltern über eine Erkrankung ein Schnippchen und sich andernorts als vor der Richter-, pardon: als in der Schulbank die Zeit vergnüglicher totschlägt.

Umso mehr, als die Anwälte den ärztlichen Bericht auch erst am Freitag und nicht bereits am Montag, als der Unfall geschehen war, vorgelegt haben sollen.

Was für die Richter sicher ärgerlich, den Anwälten aus mancherlei Gründen hingegen irgendwie nicht so gänzlich zu verdenken ist.

Nun muss das gesamte Verfahren  nach der Strafprozessordnung noch einmal von vorne beginnen. 

Da kommt sie zwar, die Einsicht, die aus den Worten von Richter Martin Rieder klingt, es sei vermutlich ein Fehler der Kammer gewesen, dass

„wir den Angeklagten nicht haben einsperren lassen“.

Doch kommt sie eben bissi spät. Zu spät, um nicht dennoch mit dem Verfahren wieder von vorn anfangen zu müssen.

Wann und wie ein etwaiger nun folgender Haftbefehl greifen und den Nutznießer eher für ihn als für die Justiz tauglicher Arztberichte ergriffen werden wird, werden wir vermutlich demnächst erfahren. Irgendwann. Vielleicht. Im Sommer. Wenn man mit dem Prozess wieder von vorn anfangen muss. Im Sommer vielleicht also. Oder so. Wenn’s grad nicht ungelegen kommt, beim Baden.

Wo ein Badeunfall dort wie hier zum Unfall im geordneten Prozessverlauf geraten kann.

Jedenfalls dann, wenn die Verhandlungstermine so terminiert werden, dass Angeklagte zwischen diesen Zeit genug für Flüge in Urlaub haben.

Und vielleicht mag auch so mancher Prozessbeteiligter und mancher Richter, bei dem der Angeklagte als Gutachter geschätzt war, nun ins Grübeln geraten, ob und was und wie weit vorangegangene gutachterliche Tätigkeit wirklich so unanfechtbar gewesen sein mag, wenn der vormals gutachterlich tätige Angeklagte für einen Beleg eines Badeunfalls und angeblichen Hinderungsgrund zum Erscheinen zum Termin einen Arztbrief vorlegt, der für Verletzung und Diagnose oder gar fehlende Fähigkeit zur Anreise und Teilnahme am Termin kaum das Papier wert scheint………. Verdenken könnte man Richtern und anderen Prozessbeteiligten diesen wie anderer Verfahren derlei Gedanken und Nachdenken schwerlich…… n’est-ce pas?

Über den Fall und Sachverhalt des Prozesses um den Gutachter, den „nicht wenige Richter  wegen seiner Fähigkeit, in Windeseile Gutachten zu erstellen“ geschätzt haben sollen und der als Sachverständiger in Prozessen „gleich neben dem Staatsanwalt gesesssen“ habe, lesen Sie mehr hier:

Advertisements

Über Liz Collet

Photographer, Author, Foodstylist, Jurist
Dieser Beitrag wurde unter Ironymus Sein, News & Medien, Prozesse, Re-View mit Augenzwinkern abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu „Vermutlich ein Fehler der Kammer, dass wir den Angeklagten nicht haben einsperren lassen“ {Richterliche Einsichten}.

  1. Karl Schneider schreibt:

    Vielleicht sollten Sie, wenn Sie die Terminierung kritisieren (Urlaubsreise möglich?) daran denken, dass die 1. Strafkammer in der Regel die Schwurgerichtskammer ist und deshalb vermutlich mit Haftsachen (Beschleunigen! Beschleunigen! schallt es aus Karlsruhe) einen einigermaßen dichten Terminsstand hat. Und dass die jetzigen Termine vielleicht auch dem bisherigen Prozessverhalten (Beweisanträge? ) geschuldet sind und man manchmal nicht jeden Prozess perfekt und glatt durchterminieren kann. Aber sicher hätten Sie’s besser gemacht. Gerüchteweise ist inzwischen ein aus Fernsehsendungen bekannter Münchner „Promi_Verteidiger“ zur ursprünglichen Verteidigertruppe hinzugekommen…

  2. Liz Collet schreibt:

    @Karl Schneider, danke für Ihr Feedback. Nur : Weder ist es mein Job, es erstens überhaupt zu machen, noch zweitens auch noch besser. Wollte ich das, wäre ich Richterin geworden, was ich aus mancherlei Gründen bewusst nicht als Beruf gewählt habe. Das hindert mich aber nicht, mir die Freiheit augenzwinkernden Kommentars mit Ironie (siehe Kategorie des Posts) zu einem Fall zu nehmen und zu leisten, in der sich die Justiz von einem Angeklagten offenbar auf der Nase der Justizia herumtanzen lassen muss, der jahrelang als willkommener Gutachter tätig gewesen sein soll. Dass selbiger Urlaub macht – eine Sache. Dass er aber offenbar ungeniert glaubt, selbiger Justiz, die ihn lange als Gutachter beauftragte, albern anmutende Arztbriefe ohne Substanz für Nichterscheinen präsentieren zu können – DAS ist (nach meinem Gusto) wohl eine empfindlichere und peinlichere Ohrfeige für die Justiz, als meine Kritik an Termingestaltung von Strafkammern es ist und auch sein könnte. Und mit dichtem Stand von Terminen leben nicht wenige von uns, übrigens auch und gerade in der Tätigkeit als Anwälte, nicht zuletzt vielfach durch Terminierung der Gerichte. 🙂 Einen heiter-entspannten und schönen Sonntagabend für Sie!

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s