Blattlt {Die kleine Rundschau durch die Medien}

Über die Freiheiten © Liz Collet

Über die Freiheiten © Liz Collet

Zum Wochenende noch ein kleiner Blick durch den Blätterwald zu Themen, die Sie interessieren könnten.

1.

Die als „Sensationsgeburt“ gemeldete Entbindung einer 60-Jährigen, welche im Klinikum Wels Zwillinge zur Welt brachte, wirft nicht zum ersten Mal ein Licht auf die Frage, ob es legitim ist, Menschen mit einer Altersgrenze (in dem Fall eigentlich nach österreichischem Recht 45 Jahre) die Erfüllung des Kinderwunsches jedenfalls dann zu versagen, wenn hierzu Methoden der Medizin zur Anwendung gelangen müssen. Über Sinn und Fragwürdigkeit von Eltern, die Grosseltern sein könnten, kann und wird jeder seine eigene Meinung haben, sie spiegelt sich auch in Kommentaren zum Bericht wieder.

Oder in Gesprächen, in denen – um nur ein Beispiel zu zitieren – eine 58jährige Dame dazu erklärte, dass sie selbst sich schon drei Mal überlegen würde, ob sie sich im eigenen Alter  noch einen Hund oder eine Katze bei deren jeweiliger Lebenszeit von 7 bis 20 Jahren zulegen würde, weil sie sich schliesslich verantwortlich fühle, was mit einem Tier dann geschehe, wenn sie nicht mehr so problemlos vorhersehen könne, was mit ihr selbst dann während der Lebenszeit der Tiere alters- oder auch krankheitsbedingt auf sie zukommen könne. Immerhin müsste sie dafür einkalkulieren dann selbst zwischen 65 und 78 Jahre alt zu sein, krank zu werden, körperlich oder geistig vielleicht nicht mehr fit genug zu sein, um sich um ein Tier zu kümmern, selbst wenn sie nicht ins Krankenhau oder gar Pflegeheim müsste. Sei die Verantwortung für ein Kind (oder gar Zwillinge) nicht mindestens ebenso ernst zu nehmen?

Auch die vom Arzt der Entbindungsklinik nicht gegebene Stellungnahme zur Altersgrenze ist – wenn man sie deuten will – vielsagend genug. Welcher Meinung er medizinisch, berufsethisch und persönlich auch sein mag, es ändert nichts daran, dass er die Behandlung schwerlich verweigern kann, wenn die (wo auch immer im Ausland herbeigeführte) Schwangerschaft in der Abteilung einer Klinik mit der Geburt dann beendet wird. Verantwortung von Eltern für sich und Kinder ist aber nicht nur in solchen Fällen ein Thema.

2.

Sie ist es auch in jenem Fall in Grossbritannien, zu welchem das Oberhaus das „go“ für das Drei-Eltern-Baby gegeben hat. Die berufsethische, rechtliche und medizinische Fragestellung der Zulässigkeit ist damit kaum abschliessend behandelt. Noch weniger die Frage der Identitätsfindung von Kindern, die – man muss nur auf diejenige von adoptierten oder durch Samen- oder Eizellspende gezeugten und geborenen Kinder blicken, die juristisch wie ausserjuristisch essentielle Fragen der eigenen Identität beschäftigen – allein mit der geplanten Verhinderung von genetischen Erkrankungen und deren Selektion durch solchen Eingriff nicht gelöst und lösbar sind. Und dass das Leben  damit vorgeburtlich bereits antastbar wurde und weiter wird, steht ausser Frage.

3.

Aber nicht allein medizinische Fragen und Themen fielen beim Blattln ins Auge. Auf den ersten Blick sicher ein ungewöhnlich anmutendes Rechtsthema für den Alltag von Anwälten mag „Divorce down on the Farm“ scheinen. Die Lektüre aber öffnet den Blick für ein spannendes Thema, das vielleicht gar nicht so wenig wichtig auch hierzulande sein könnte, wenn es um einen Berufs- und damit auch Familienstand geht, der bei allen Wünschen der Verbraucher nach regionalen und bodenständig erzeugten Lebensmitteln, vegetarisch oder nicht, nach wie vor noch zu wenig Beachtung auch für seine Belange und Bedürfnisse findet.

4.

Im Fall des spektakulären Justizirrtums von Harry Wörz kämpft dieser für mehr Entschädigung. Harry Wörz hatte 13 Jahre um seine Unschuld gekämpft und vier Jahre lang wegen versuchten Mordes an seiner Frau unschuldig im Gefängnis gesessen, bevor ihn 2010 vom BGH von den Vorwürfen freisprach. Sein Bemühen auch um angemessene finanzielle Entschädigung ist aber noch lange nicht ausgefochten und wird vom 8. Juni an vor dem Landgericht Karlsruhe verhandelt werden.
Bislang hat der Staat dem 48-Jährigen aus Birkenfeld bei Pforzheim knapp 156.000 Euro zugebilligt. Jetzt will der gelernte Installateur und Bauzeichner vom Land Baden-Württemberg 86.000 Euro mehr für seinen Verdienstausfall, sowie Ausgleich der Kosten für Anwälte und Möbel aus seiner wegen der Haft aufgelösten Wohnung in Höhe von 26.000 Euro.Auch fordert er eine Berufsunfähigkeitsrente über das Jahr 2016 hinaus. Wörz ist seit Mitte 2010 krankgeschrieben. Die Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe verweigert die Anerkennung von noch geltend gemachten Ansprüchen, zu denen auch die Fortzahlung der Berufsunfähigkeitsrente gehört.

Wörz war vorgeworfen worden, 1997 seine damals von ihm getrennt lebende Frau mit einem Schal fast zu Tode gewürgt zu haben. Die frühere Polizistin ist heute ein schwerer Pflegefall und kann sich nicht mehr mitteilen. Wer die Tat verübte, wurde nie aufgeklärt.

Bereits hier habe ich über den Fall hier im Blog berichtet. Eine 45-minütige Reportage sehen Sie noch abrufbar HIER.

5.

Die Entlassung des sog. Mittagsmörders nach fast einem halben Jahrhundert im Gefängnis  am 26. Februar 2015 auf Bewährung  hat schon Tage vorher die Medien beschäftigt. 

Der heute 74-Jährige hatte in den 1960er-Jahren sieben Menschen in und um Nürnberg umgebracht – immer um die Mittagszeit – und für Schrecken bis zu seiner Verhaftung mit diesen Tagen gesorgt. Interessant an dem Fall ist nicht nur, dass und wie ein Verurteilter nach einer so langen Haftzeit und in derart hohem Alter noch einmal Fuß in der Gesellschaft fassen kann und wird und wie jemand darauf vorbereitet wird, der mit ganz banalen Alltäglichkeiten heutigen Alltags zurechtkommen muss, die fünfzig Jahre keine Bedeutung für ihn hatten und in der Behördenangelegenheiten via Internet, Einkauf nicht mehr im Tante-Emma-Laden sondern im Discounter, Geldabhebung am Automaten und anderes völlig fremd sind. Stellen Sie sich vergleichsweise vor, wie Sie Ihren Grosseltern jenseits von 60, 70 Jahren solche Alltäglichkeiten erklären sollten, wenn diese nur die letzten 20 Jahre nichts davon wüssten. Und erst recht, wenn ihnen 50 Jahre Alltagsleben fehlen würden.

Auch die seinerzeitige Anklage und Verurteilung nur wegen fünffachen Mordes ist juristisch und rechtsgeschichtlich nicht uninteressant: Da der Täter zum Zeitpunkt der Tötung der beiden ersten Opfer noch nicht volljährig war, wollte die Staatsanwaltschaft vermeiden, dass diese beiden Taten dazu führen hätten können, Jugendstrafrecht anzuwenden und damit eine maximale Strafe von 10 Jahren für den Täter. So sprach dann das Landgericht Nürnberg-Fürth  den damals 26 Jahre alten Mann 1967 nur wegen fünffachen Mordes und besonders schweren Raubes schuldig aber nach Erwachsenemstrafracht schuldig mit der Folge lebenslanger Freiheitsstrafe. Seither blieben seine Versuche, in Freiheit zu kommen, erfolglos, weil man das Risiko, dass der Mann erneut ein Verbrechen begehen könnte, zu hoch eingeschätzt worden war.

Interessante Beiträge zu dem nun auf Bewährung freigelassenem Täter sind

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Über Liz Collet

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