Sind Ansprüche von Fluggästen für Anwälte nicht interessant genug?

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Reisevertragsrecht © Liz Collet

Die Frage stellt sich, wenn man beobachtet, welche Anbieter diese inzwischen als Marktlücke für sich nutzen und wie von Verbraucherberatungen solche als Tipps offenbar vorrangig vor einer anwaltlichen Durchsetzung zu geben scheinen. Wie aktuell u.a. in diesem Beitrag.

Schlichtungsstellen oder Verbraucherberatungen haben eine durchaus berechtigte und wichtige Funktion für viele Menschen. Oft als erste Anlaufstellen für Fragen, real wie virtuell. Manchmal auch, um Fragen endgültig zu lösen. Und bei Prozessen, in denen sie tätig werden auch für das Recht, nicht nur für einzelne Verbraucher.

Das entlastet aber die Anwaltschaft als das ureigene Organ der Rechtspflege der Frage und einer Antwort darauf, ob, bei welchen Themen und Rechtsansprüchen und -gebieten es richtig und die für Bürger, Verbraucher, mögliche Mandanten bessere Option sein kann, nicht mehr den Weg zum Anwalt zu gehen. Lassen wir beiseite, dass hier Potentiale der Mandatsakquise, -pflege und -bindung verschenkt werden, obgleich die Anwaltschaft immer wieder beim Zuwachs der Zahlen zugelassener Anwälte Sorge um die Einkommenserwirtschaftung postuliert. Auch wenn es keinen Grund gibt, dass dies nicht eine legitime Sorge auch eines Berufsstandes ist, egal in welchem Fachgebiet, in welcher Form der Kanzleistruktur als Einzelanwalt, kleinere Sozietät oder Grosskanzlei er sich betätigt. Ein Berufsstand, den man (oder einzelne, viel zu viele und oft genug) schmäht und über einen Kamm schert mit Klischees von Raffgier auf Kosten der Mandanten oder (wie im Fall von Anwälten im Sozialrecht) auf Kosten der Steuerzahler, wenn sie gegen unrichtige, massenweise rechtlich fragwürdige und daher rechtsstaatlich wie sozialstaatlich zu Recht zu hinterfragende Bescheide etwa der Jobcenter in Frage stellen, um nur ein Beispiel herauszugreifen.

Hat dieser Berufsstand schon so an Ansehen, Selbstbewusstsein zu leiden, dass ihm zu unineressant wird, selbst für – sagen wir – überschaubar hohe Forderungen von Fluggästen deren Interessen wahrzunehmen und zu vertreten, die eigentlich klar geregelt und begründet, prüfbar und geltend zu machen wären? Warum? Weil man Anwälten ankreiden könnte, selbst an solch überschaubar hohen Entschädigungsleistungen verdienen zu wollen?

Seit wann ist es imageschädlich, für „den kleinen Mann“ gegen die „grossen Unternehmen“ tätig zu werden? Erst recht, wenn deren Ansprüche eigentlich eine klare Regelung und Anspruchsgrundlage erhalten haben und wenn sie dennoch von Fluglinien auf Schreiben und Geltendmachung durch den Fluggast selbst diese nicht zu erfüllen bereit scheinen?

Flugpassagiere haben bei verspäteten oder gestrichenen Flügen inzwischen Anspruch auf Entschädigung  bei Verspätung von mehr als 180 Minuten  gemäss der EU-Verordnung für Fluggastrechte.

In der Praxis scheinen jedoch die wenigsten Fluglinien auf diese Rechte selbst dann hinzuweisen oder diese angemessen zeitnah oder freiwillig zu erfüllen, wenn  der Fluggast wissend um diese Ansprüche sie gegenüber der Airline geltend zu machen.

Reiseexperten und Verbraucherschützer beklagen Berichten zufolge wochenlang verzögerte Bearbeitung der Beschwerdebriefe der Reisenden und dann vielfache Ablehnung von Entschädigungsansprüchen mit unberechtigten Ausreden. Mit der Verzögerungs- und Hinhalte- und Termürbungstaktik mit hanebüchenen Ausreden würden Fluggäste abgeschreckt, ihre Rechte dann selbst weiter geltend zu machen. Die Hemmschwelle der Mandatierung eines Anwalts und Experten von Reiserecht sei vielen zu hoch.

Genau dieses Ergebnis sei unbefriedigend, da offenbare Taktik und Strategie der Airlines.

Welche Optionen haben Fluggäste also?

1.

In der Strategie der Airlines sehen offenbar Anbieter wie Fairplane, EUclaim, Flight­right oder Refund.me eine (Markt-)Lücke. Sie übernehmen den Fall für den Fluggast einerseits auf eigenes Risiko.

Der Fluggast übermittle dazu Daten seines Fluges über das Online-Portal. Anschliessend erfolgt ein Mahnschreiben an die Fluglinie. Zahle diese nicht die geforderte Entschädigung, machen die Portale den Anspruch durch Zusammenarbeit mit spezialisierten Vertragsanwälten gerichtlich geltend. Nach Angaben der Anbieter sei die Erfolgsquote inzwischen hoch genug, dass es oft nicht mehr zu einem Prozess kommen müsse, weil Fluglinien die Mehrkosten vermeiden wollen.

Diese Tätigkeit indessen hat andererseits ihren Preis: Bei Überweisung der Entschädigung werden bis zu 30% als Provision abgezogen, im Falle des Misserfolges habe der Kunde keine Kosten.

2.

Kostenfrei wird  hingegen die öffentliche Schlichtungsstelle SÖP seit 2013 tätig, deren Schlichterspruch auch von einigen Fluglinien anerkennt werde.

Diese Schlichtungsstelle begutachtet den Fall und fällt einen Schlichterspruch. Bejaht sie einen Anspruch, komme es meist zum Vergleich, es werde also nicht die volle Höhe der Entschädigung zugesprochen. Auf ihrer Website hat sie HIER eine gute Übersicht über Rechte der Fluggäste zusammengestellt.

Wirtschaftlich könne diese zu vergleichbaren Ergebnissen wie bei Online-Portalen führen nach Abzug der Provision.

Abgesehen davon, dass auch hier keine eigentlich rechtlich volle Entschädigung selbst bei bejahtem Anspruch erfolge, ist der Schlichterspruch auch nicht bindend und Fluglinien zahlen ungeachtet Schlichterspruchs ggf. sogar überhaupt nicht freiwillig.

Voraussetzung für die Tätigkeit der SÖP sei zudem zuvor erfolglos erfolgte eigene Geltendmachung der Ansprüche durch den Fluggast.  

Mit anderen Worten: Der Fluggast hat ggf. nach bereits zeitverzögernder Korrespondenz mit der Fluglinie einen Dritten eingeschaltet, der weder in voller Höhe noch in bindender Weise Ergebnisse sicher für ihn beibringt? Worin läge da der Vorteil gegenüber der Wahl eines auf Reiserecht spezialisierten Anwalts – ausser darin, dass die SÖP die Kosten eines Anwalts ersparen würde? Solche trägt er zwar im Falle eines gerichtlichen Misserfolges bei der Durchsetzung seiner Ansprüche – sofern er keine ausreichende Rechtsschutzversicherung besitzt. Bei einer solchen kann je nach Höhe des Entschädigungsanspruches und etwaigem Selbstbehalt in einer Rechtsschutzversicherung zwar eine Rolle spielen. Doch hätten bei einer erfolgreichen gerichtlichen Durchsetzung die Fluglinien die Kosten zu erstatten. Wenn also ein Anspruch bei einer 180-minütigen Verspätung oder bei gestrichenem Flug eigentlich begründet ist, stellt sich die Frage, warum Fluggäste nicht auch den Weg zum Anwalt suchen sollten?

Und warum Anwälte sich diese Tätigkeit durch Anbieter nehmen lassen sollten, die dies als Marktlücke nutzen, aber betroffenen Fluggästen auch Kosten abziehen? 

Diese Frage sollte sich die Anwaltschaft stellen. Die eigentlich mit Reiseexperten in erster Linie berufen für diese Aufgabe wäre. Und selbst ohne entsprechenden Fachanwaltstitel muss sich jeder Anwalt (eigentlich) fragen lassen, warum er sich die Position und professionale Tätigkeit zwischen Fluggast und anderen Anbieter beim der Geltendmachung von Ansprüchen gegen Fluglinien aus der Hand nehmen lässt?

Eine Entschädigungsregelung, die grundsätzlich Fluggäste selbst in Stand setzt, mit schriftlicher Forderung der Entschädigung diese von einer Fluglinie zu verlangen und bei dennoch verweigerter und verzögerter Regulierung von Ansprüchen, sollte da nicht wenigstens jeder Anwalt fachlich kompetent genug und mit seinem Berufsstand berufen genug sein und sich fühlen, diese Rechte nicht auf andere Anbieter outsourcen zu lassen? Bei denen nicht oder nicht die vollen Ansprüche den Fluggästen und Betroffenen auch zugute kommen?

Das schmälert nicht Bedeutung von Verbraucherberatungsstellen.

(Nur) zum Thema von Fluggastrechten :

Weitere Links des BR zum Thema:

 

 

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Über Liz Collet

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