Schockierend {für vielleicht 1 Anwalt, aber}: Ein Anwalt ist nicht Benetton!

Kursrichtung , Orientierung, Kompass, Intuition © Liz Collet

Zur Orientierung © Liz Collet

Wenn zwei das gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.

Den Satz, den Sie wie ich vielleicht nicht nur als Kind schon gelernt haben, könnte man zum Einleitungssatz der Entscheidung  des Bundesverfassungsgerichts machen.

Einer Entscheidung, die sich mit der Verfassungsbeschwerde eines Anwalts befasst, der scheinbar weder selbst einen Unterschied zwischen einem Anwalt und dessen berufsrechtlichen Grenzen erkennt und denen Spielregeln für Nichtanwälte. Noch für das Bundesverfassungsgericht in seiner Verfassungsbeschwerde herausgearbeitet und dargelegt hat, warum für ihn die gleichen lockeren Spielregeln gelten sollten, wie für marktschreierisch skandalisierende wie schockierende Werbung von Unternehmen, die damit Aufmerksamkeit heischen und Absatz fördernd gegen die Konkurrenz auf Kundenfang gehen.

Die Werbung eines Anwaltes, der vor einiger Zeit die für ihn zuständige Anwaltskammer um (Vorab-) Prüfung gebeten hatte, ob diese von ihm beabsichtigte Werbemaßnahme berufsrechtlich zulässig sei, hatte seinerzeit einige Medien gefüllt.

Wen wunderte das auch, wenn ein Anwalt Tassen einer durchgestrichenen Abbildung einer Frau zeigten, die mit einem Knüppel auf das entblösste Gesäß eines Kindes schlugen?

Neben der Abbildung sollten der Text „Körperliche Züchtigung ist verboten § 1631 Abs. 2 BGB“ sowie der Name, die Berufsbezeichnung „Rechtsanwalt“ und die Kontaktdaten des Beschwerdeführers abgedruckt werden.

Die Rechtsanwaltskammer teilte dem Beschwerdeführer mit, dass sie die Werbemaßnahme wegen eines Verstoßes gegen das Sachlichkeitsgebot gemäß § 43b der Bundesrechtsanwaltsordnung (BRAO) für unzulässig halte.

Eine zweite Anfrage des Anwalts an die Anwaltskammer bezog sich wiederum auf die beabsichtigte Gestaltung von Werbetassen. Eine Abbildung zeigte einen älteren Mann, der mit einem Stock auf das entblößte Gesäß einer Frau schlägt; daneben sollte die Frage „Wurden Sie Opfer einer Straftat?“ stehen.

Eine weitere Abbildung zeigte eine Frau, die sich eine Schusswaffe an den eigenen Kopf hält und offenbar im Begriff ist, sich selbst zu töten; daneben sollte der Text „Nicht verzagen, R… fragen“ abgedruckt werden.

In beiden Gestaltungen sollten wiederum der Name, die Berufsbezeichnung „Rechtsanwalt“ und die Kontaktdaten des Beschwerdeführers hinzugefügt werden.

Die Rechtsanwaltskammer teilte dem Beschwerdeführer mit, dass auch diese Werbemaßnahmen unzulässig seien und wiederholte im Wesentlichen die bereits im ersten Bescheid enthaltenen Erwägungen.

Gegen die anwaltsgerichtlichen Entscheidungen und Bescheide der Rechtsanwaltskammer über die berufsrechtliche Beurteilung seiner geplanten Werbemaßnahmen hatte der Anwält in der Folgezeit Verfassungsbeschwerde eingelegt.

Das Bundesverfassungsgericht hat hierüber mit seinem heute veröffentlichtem Beschluss vom vom 05. März 2015 entschieden und erwartungsgemäss die Verfassungsbeschwerden nicht zur Entscheidung angenommen.

Dass für die Werbung von Rechtsanwälten vor dem Hintergrund ihrer Stellung als Organ der Rechtspflege ein Sachlichkeitsgebot gilt, ist verfassungsrechtlich unbedenklich. Es stand nicht zu erwarten, dass das Bundesverfassungsgericht von diesem Gebot grundsätzlich abrücken würde. Die Voraussetzungen, unter denen ein solches Abrücken hätte erfolgen können, hätten schon eine erhebliche Begründungshürde bedeutet und wären auch dann mit vorhersehbar geringer Erfolgschance behaftet gewesen.

Mit welcher Begründung einer etwaigen Verletzung von Grundrechten daher jener Anwalt als Beschwerdeführer die Verfassungsbeschwerde zur Annahme oder auch zu einer für ihn günstigen Entscheidung gelangen hätte lassen können, wäre – wenn man die Verfassungsbeschwerde denn irgendwo zu lesen bekäme – sicher interessant gewesen.

Das Bundesverfassungsgericht hat jedenfalls nun entschieden, dass eine Verletzung von Grundrechten im konkreten Fall von dem beschwerdeführendem Anwalt nicht hinreichend dargelegt worden sei. Die Klage des Beschwerdeführers gegen die beiden Bescheide blieb sowohl vor dem Anwaltsgerichtshof des Landes Nordrhein-Westfalen als auch vor dem Bundesgerichtshof ohne Erfolg.

Insbesondere verneinte die Kammer des 1. Senats des Bundesverfassungsgerichts Verletzungen der Meinungsfreiheit (Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG), der Kunstfreiheit (Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG) und der Freiheit der Berufsausübung (Art. 12 Abs. 1 GG) als nicht ersichtlich.

1. Der Schutz des Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG erstreckt sich auch auf kommerzielle Meinungsäußerungen sowie reine Wirtschaftswerbung, die einen wertenden, meinungsbildenden Inhalt hat. Die vom Beschwerdeführer beanstandeten Entscheidungen der Rechtsanwaltskammer und der Ausgangsgerichte können zwar in die Meinungsfreiheit des Beschwerdeführers eingreifen. Er hat indes nicht hinreichend dargelegt, dass dieser Eingriff verfassungsrechtlich nicht gerechtfertigt gewesen sei.

a) Bei § 43b BRAO handelt es sich um ein allgemeines Gesetz im Sinne des Art. 5 Abs. 2 GG, das als Schranke der Meinungsfreiheit in Betracht kommt. Schutzzweck der Regelung ist die Sicherung der Unabhängigkeit des Rechtsanwalts als Organ der Rechtspflege. Mit der Stellung des Rechtsanwalts ist im Interesse des rechtsuchenden Bürgers insbesondere eine Werbung nicht vereinbar, die ein reklamehaftes Anpreisen in den Vordergrund stellt, mit der eigentlichen Leistung des Anwalts nichts mehr zu tun hat und sich nicht mit dem unabdingbaren Vertrauensverhältnis im Rahmen eines Mandats vereinbaren lässt. Es bestehen keine Bedenken gegen die Verfassungsmäßigkeit der Vorschrift, zumal der Beschwerdeführer eine solche weder geltend gemacht noch dargelegt hat.

b) Dass die Ausgangsgerichte bei der Auslegung und Anwendung des § 43b BRAO die Ausstrahlungswirkung des Grundrechts aus Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG nicht hinreichend beachtet haben, macht der Beschwerdeführer nicht hinreichend deutlich.

Es begegnet keinen verfassungsrechtlichen Bedenken, dass die Ausgangsgerichte die Rechtmäßigkeit der vom Beschwerdeführer selbst so genannten „Werbetassen“ am Maßstab des § 43b BRAO geprüft haben. § 43b BRAO normiert spezielle Voraussetzungen für die Zulässigkeit der Werbung für anwaltliche Dienstleistungen. Bei den beabsichtigten Maßnahmen des Beschwerdeführers handelt es sich – jedenfalls auch – um Werbung. Sein Vortrag, er beabsichtige mit dem Druck und der Verteilung der Tassen keine Werbemaßnahme, sondern wolle lediglich einen gesellschafts- und rechtspolitischen Diskurs anstoßen, geht offensichtlich an den Tatsachen vorbei. Überdies beschreibt der Beschwerdeführer selbst in der Begründung seiner Verfassungsbeschwerde sein beabsichtigtes Vorgehen als eine „Werbeaktion“, die sein „zurückliegendes rechtspolitisches Engagement als Unterscheidungsmerkmal zu anderen Kanzleien hervorheben“ soll. Dass der Beschwerdeführer neben der Werbung unter Umständen daneben noch weitere Anliegen, etwa das Anstoßen eines gesellschaftspolitischen Diskurses, verfolgen könnte, hindert die Anwendbarkeit des § 43b BRAO nicht.

Hiermit setzt sich der Beschwerdeführer nicht hinreichend auseinander. Er gründet seine Behauptung eines Verfassungsverstoßes letztlich allein auf die Überlegung, die Ausgangsgerichte hätten die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Werbung der Firma Benetton (BVerfGE 102, 347) auch in seinem Fall anwenden müssen, ohne dabei zu berücksichtigen, dass er als Rechtsanwalt und damit als Organ der Rechtspflege bei der Werbung für seine berufliche Tätigkeit besonderen Einschränkungen aufgrund des § 43b BRAO unterliegt.

2. Auch die behauptete Verletzung seiner Kunstfreiheit macht der Beschwerdeführer nicht hinreichend deutlich. Ungeachtet der Frage, ob die Ausgangsgerichte überhaupt in den Schutzbereich des Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG eingegriffen haben, setzt sich der Beschwerdeführer mit einer möglichen verfassungsrechtlichen Rechtfertigung eines etwaigen Eingriffs nicht hinreichend auseinander. Auch insoweit bezieht er sich auf Ausführungen des Bundesverfassungsgerichts zur Benetton-Werbung, ohne den Unterschied zur Zulässigkeit der Werbung eines Rechtsanwalts herauszuarbeiten und sich mit den unterschiedlichen Voraussetzungen auseinanderzusetzen.

3. Gleiches gilt für die behauptete Verletzung von Art. 12 Abs. 1 GG. Auch hier beachtet der Beschwerdeführer nicht, dass ihm als Rechtsanwalt durch § 43b BRAO besondere Grenzen für die Werbung gezogen sind, seine freie Berufsausübung insoweit also durch Gesetz beschränkt ist. Dass die Norm als solche oder im konkreten Fall ihrer Anwendung in nicht zu rechtfertigender Weise in seine Berufsfreiheit eingreifen könnte, legt der Beschwerdeführer mit seinen pauschalen, in erster Linie auf die Meinungs- und Kunstfreiheit bezogenen Ausführungen nicht hinreichend dar.

Bundesverfassungsgericht  – 1 BvR 3362/14

Pressemitteilung Bundesverfassungsgericht 20.3.2015

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