Digital hüpfende Preise im Supermarkt – für wen springt da der Vorteil wirklich heraus?

Let's Talk About Money And Brands © Liz Collet

Let’s Talk About Money And Brands © Liz Collet

Digitale Preisschilder im Supermarkt, auf denen der Marktleiter bequem via Funk von seinem Stuhl und Schreibtisch aus im ganzen Supermarkt die Preise ändern kann, haben zuallererst mal EINEN Vorteil:

Man braucht kein Personal damit zu beschäftigen, beim Bestücken von Regalen, Kühlregalen und Warenkörben das bisherige Preisschild zu kontrollieren. Darauf, ob Preis oder Angebotspreis noch stimmt und Papierpreisschilder auszutauschen, wenn

  • der Preis des Sortiments sich ändert oder ein Angebotspreis gelten soll oder
  • wenn die Inhaltsmenge des einzuräumenden oder nachzufüllenden Produkts sich für Sonderangebote oder dauerhaft ändert (weil andere Verpackungsgrössen des Herstellers ins Sortiment kommen oder weil eine Preiserhöhung bei vermeintlich gleichbleibendem Preis sich durch geringere Menge im Inhalt kaschiert wird)

Wozu man sonst in der Regel eh schon nur noch Minijobber beschäftigt oder gar externe Warenbestücker in Märkten, braucht dann nur noch der Marktleiter über seinen Computer die Preise zu ändern.

Für den Arbeitsmarkt ist dies schon mal kein Vorteil. Senkt aber deswegen noch lange nicht die Preise durch Senken der Personalkosten. Eher im Gegenteil, dazu gleich mehr.

Technisch kann der Marktleiter das inzwischen in einigen Supermarktketten, die mit solchen Systemen bereits in einem Teil ihrer Filialen arbeiten: REWE und EDEKA.

Man spart also erst mal Personal ein und damit Personalkosten für solche Arbeiten. Das Argument „saubererer“ digitaler Preisschilder als bei Papierschildern mutet albern an, da Papierpreisschilder eh vielfach in Kunststoffgleitern am Regal eingeschoben werden.

Theoretisch wie praktisch muss dann der Filialleiter von seinem PC aus auch anpassen und kontrollieren,

  • ob und welche Grundpreismenge richtig auf dem digitalen Preisschild ausgewiesen ist
  • und ob der von ihm angepasste und geänderte Preis auch für die Verpackungsmenge korrekt ist, die im Regal liegt und zu welcher er den Preis, die Verpackungsmenge und die Grundpreismenge auf dem digitalen Preisschild ausweist oder ändert.

Dazu wird man den Weg zum Regal und zur Ware wohl auch dann auf sich nehmen müssen, wenn man 13.700 Euro für  ein solches digitales Preisschildersystem investiert hat. Damit Divergenzen zwischen dem digital ausgepreisten Schild und dem Warenbestand am Regal und der dortigen Verpackungsmenge nicht auftreten und vermieden werden. Welche man als den Verbraucher täuschende und irreführende Verstösse gegen die Pflichten korrekter Preisangaben ansehen müsste.

Es scheint, daran hapert es, wie Tests belegen.

Und was immer aktuell in Abrede gestellt werden mag an Möglichkeiten, die Preise im Markt nach Tageszeiten und der fluktuierenden Nachfrage gemäss höher gestalten und unauffällig umgestalten zu können: Welcher Kunde hätte eine Kontrolle darüber, ob er eine Stunde früher oder später oder vormittags und nachmittags dieselben Preise an ein und demselben Tag zahlt oder nicht? Oder ob diese nicht vielleicht sogar am Tag der in Werbezetteln angepriesenen Angebote von diesen abweichen – wenn er nicht den Werbezettel in der Hand hält, beim Einkauf im Laden?

Es gab und gibt ein paar einfache Regeln, zu denen (bislang!) u.a. auch diese gehören:

1. Die beste Ware, die beste Auswahl der Ware bekommt man bei den meisten Waren je früher am Tag man den Einkauf erledigt.

Nicht nur weil Salat und Gemüse über den Tag langsam erschlappen. Auch bei Frischfleisch und -wurst und entsprechend dem Lieferturnus an Supermärkte ist frühmorgens bis vormittags die beste Auswahl gegeben. Preisunterschiede gibt es dabei üblicherweise nicht.

Anders ist es bei Marktständen, wie dem Mittwochsmarkt in Murnaus guter Stube oder anderen Bauern- und Wochenmärkten, wo man auf die „Scherzl“ von Schinken- oder Wurst, von Leberkäse usw einen günstigeren Preis bekommt, die von Kunden meist weniger geschätzt werden und die sich daher als „Reste“ nicht mehr so gut verkaufen würden. Logischerweise sind diese im Verlauf des Markttages morgens nicht gleich vorhanden, sondern erst nach den ersten Stunden des Markttages.

Dann schlägt die Stunde der Schmankerlliebhaber, deren Gaumen das eh gschmackigere Scherzl von Schinken oder Wurst oder Kalbs- oder Leberkäse als Schmankerl besser als die Masse der 0815-Kunden zu schätzen und zu würdigen wissen. Und sich kindsköpfig auch noch doppelt daran freuen können, weil sie für solche „Reststücke“, die Endstücke mit dem knusprigen Leberkäsbrät auch noch einen bissl günstigeren Preis zahlen.

2. Gegen Marktende oder Ladenschluss bestehen Chancen auf günstigere Preise, wenn die Ware anderntags nicht mehr taufrisch genug wäre oder wenn der Händler am Marktstand sie am selben Tag lieber loswerden, als wieder mitnehmen will.

Seit langem hat sich die „Happy Hour“ bei Bäckereien etabliert, bei der man ca 1 Stunde vor Ladenschluss bei manchen Bäckern Rabatt und bis zu 50% Preisnachlass erhält. So wie in vielen Bäckereien Brot vom Vortag anderntags günstiger angeboten wird.

Als Studentin hatte ich in Regensburg eine kleine Bäckerei, die noch selbst gebacken haben und auf meinem Heimweg nahe des Eisernen Steges hinüber zur Insel am Oberen Wöhrd entlang der Keplerstrasse. Bei  deren Bäcker und Verkäuferinnen ich  einen kleinen Stein im Brett hatte: Sie überliessen mir das Brot bereits abends  5 Minuten vor Ladenschluss das Brot zu dem Preis, zu dem ich es eigentlich erst anderntags morgens bekommen hätte dürfen. Dann, wenn es eben erst wirklich „Brot vom Vortag“ geworden war. Da ich morgens immer schon vor ihren Ladenöffnungszeiten auf dem Weg zur Uni war und sein musste, hätte ich es mir dann nicht morgens holen können.  Dieses kleine Agreement, bei dem der Unterschied „nur“ darin lag, dass das Brot nicht über Nacht noch in der Bäckerei auf mich bis anderntags wartete, sondern schon im Brotkasten meines Studentenzimmers auf der Donausinsel übernachtete und zum Teil schon abends  noch frisch als Abendbrot diente, schonte mein Portemonnaie, das nur ein kleines Budget besass. Es versteht sich von selbst, dass ich diese Bäckerei, die fabelhaft gutes Brot buk und verkaufte und ausserdem traumhaftes Hefe- und Plundergebäck und andere Backwaren, nur zu gern stets weiter empfohlen habe.

Auch sonntags geöffnete Bäckereien bieten oftmals eben keine frisch gebackene Ware bei Brot, sondern solches vom Samstag günstiger an.

Dass aber Märkte gegen Abend, vor Ladenschluss am Abend oder Wochenende, vor Beginn von Fussballspielen oder anderen Ereignissen des TV-Abends, vor den Feiertagen oder zu sommer- und grillfesttauglichen Wochenenden oder vor saisonalen und fest(täg)lichen Anlässen an der Preissschraube drehen und zwar nach OBEN drehen, das wäre neu. Und mit der digitalen Umetikettierung des digitalen Preisschildes im Nu zu machen. Und der Verbraucher sähe dumm aus der Wäsche, der je näher am Ladenschluss je weniger Alternativen hätte, noch in einen anderen Supermarkt zu sprinten, um dort den stabil gebliebenen Preis nutzen zu können.

Wenn solches dann noch einher geht mit einer Monopolisierung der Marktmacht, die sich eh schon auf im Wesentlichen nur noch VIER und damit wenige konkurrierende Handelsketten verteilt, brauchen Sie  nicht mal mehr fünf Finger, um an diesen abzuzählen, wem digital schnell variierbare Preisschilder zugute kommen. Und wem nicht.

Es war und ist daher gut, dass das Bundeskartellamt dem jüngsten Übernahmeplan letztlich doch noch den Riegel vorgeschoben hat.

Wenn 4 Handelsketten 80 % des Marktangebotes abdecken, ist absehbar, wer die Marktmacht hat – auf Seiten von Handel oder Verbraucher.

Unverzichtbar – nicht nur bei digitalen Preisschildern, erst recht aber bei solchen – ist indessen: Achten Sie auf Preis, Verpackungsmenge und Grundpreismenge am Preisschild. Und kontrollieren Sie, ob es mit dem übereinstimmt, was Sie als Ware dazu aus dem Regal nehmen und wieviel Sie in der Verpackung dafür wirklich bekommen.

Es ist oft genug nicht das, was auf dem Preisschild steht.

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Über Liz Collet

Photographer, Author, Foodstylist, Jurist
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