„Do You still want to buy this 2 Euro T-Shirt?“

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East of Horizons © Liz Collet

Wer ein T-Shirt für 2 Euro neu kauft, muss (eigentlich und mit etwas aktiviertem Gehirnschmalz und wenigstens einer Gehirnzelle in Aktion) wissen, dass allein Materialkosten und maschinelle Produktionskosten für Einsatz von Maschinen und Energie damit nicht bezahlbar sind und noch weniger die Kosten für Personal, das darüberhinaus entlohnt werden muss. Müsste. Halbwegs angemessen entlohnt werden müsste.

Wo hierzulande aber selbst Hartz IV-Empfänger (kein Klischee, sondern immer wieder selbst gehört und gelesen) keine Hemmung bei der Äusserung von Sätzen haben wie etwa:

„Für weniger als oder kaum mehr als Mindestlohn soll ich arbeiten gehen, wenn ich dann weniger am Ende rausbekomme als bei Hartz IV?“

oder auch Arbeitnehmer auf Mindeststundenlöhne pochen, blenden diese gern aus, dass und wie wenig diejenigen verdienen, die T-Shirts in Billigläden oder auch nicht nur Billigläden für low budget Preise herstellen müssen.

Nein, ich übersehe nicht, dass diese nunmal weniger Geld haben und vielleicht deswegen froh über 2-Euro-Shirts sind. Aber weniger Geld zu haben, heisst nicht zwingend, auf Kosten anderer und deren Ausbeutung leben zu müssen, während man selbst durch die Solidargemeinschaft Hilfe zum eigenen Lebensunterhalt erhält. Es gibt auch bei minimalem Einkommen oder staatlicher Unterstützung noch (in Grenzen, aber auch da) Möglichkeiten, für wenig Geld ausreichend an Kleidung zu haben und zu bekommen, ohne dass diese zwingend von Arbeitern gegen Hungerlohn hergestellt werden müssen. Meine Familie lebte zwar nie von Sozialleistungen, sondern von eigener Hände Arbeit, aber was es bedeutet, wenig Einkommen zu haben, haben nicht nur meine Urgrosseltern und Grosseltern erlebt und geschafft damit zu wirtschaften. Das bedeutete Kreativität, Fleiss, Eigenleistung und viel Do-it-Yourself und auch Verzicht auf nicht wirklich Unverzichtbares. Was unmodern anmutet, wäre ethisch vielleicht moderner: Wieviel Kleidung, Schuhe braucht der Mensch? Und wieviel jedes Jahr und jedes Jahr mehrfach neu?

Dennoch: Schnäppchenjäger finden es nach wie vor cooler, sich für kleine Preise mehrmals jährlich Klamotten zu leisten, als nach dem Motto

„Weniger ist mehr und fair(er)“

ihr Kauf- und Konsumverhalten zu hinterfragen. Konsumverhalten, das oft genug nicht nur Geringschätzung der Arbeitsleistung und -kraft von anderen Arbeitnehmern beinhaltet. Sondern sich auch daran zeigt, wie oft, schnell und viel der billig gekauften Ware nach kurzer Zeit in Müll oder in Vekraufsangeboten von Onlineforen und -märkten bis hin zu Facebook-Gruppen landet, in denen kaum getragenes an Kleidung und Schuhen wieder weiter verkauft wird. Oder jedenfalls angeboten.

Wie lässt sich die Einstellung der Konsumenten ändern, die weder Rohstoffe, noch Ware und Produkt, noch weniger die Arbeit der produzierenden Arbeiter zu Hungerlöhnen schätzt und genug wertschätzt, damit ein Umdenken einsetzt? Und Kunden nicht die Jacke näher ist als die Hose und das dreiundreissigste  2 -Euro-T-Shirt lieber als nur weniger, aber fairer produzierte Kleider für mehr Geld?

Die Aktivisten hinter dem „Fashion Revolution Day“ haben das in einem Experiment erprobt. Entscheiden sich Schnäppchenjäger anders, wenn sie wissen, wer das billige T-Shirt produziert hat? Das Video dazu ist sehenswert.

Allerdings bin ich persönlich wenig zuversichtlich, dass selbst diejenigen, die dort stattdessen auf „donate“ drückten, nicht schon nächste Woche oder eine Woche danach erneut auf Schnäppchenjagd gehen. Und abgesehen davon kann man auch trefflich die Frage stellen, ob und wie allein mit den unmittelbar gesehenen Bildern vor der Entscheidung „buy“ oder „donate“ nicht aus Scham und Momentbetroffenheit eine Verfälschung der Entscheidung und damit in ebenfalls kritikwürdiger Weise provoziert wird. Wenn mit einem „donate“ – Button ein schneller, von Scham und Momentbetroffenheit gesteuerter Gewissensablasshandel möglich und nutzbar ist. Der vielleicht nur und schnell deswegen gewählt wird, weil man überhaupt für 2 Euro ein Shirt kaufen hatte wollen. Und mit einer Spende lässt sich schnell und mit low budget wieder ein gutes Gefühl zurückholen, sich auch nicht weiter schämen zu müssen, man hat ja schliesslich was Gutes getan. Für low budget. 2 Euro. Die beim Spenden so wenig wie beim Schnäppchenjagen weh tun. Aber wieder das Gewissen beruhigen.

Wirklich interessant wäre es gewesen, wenn es entweder nur „buy“ und „delete“ – trotzdem kaufen oder abbrechen als Optionen gegeben hätte. Oder noch interessanter mit vier Optionen:

  1. buy
  2. buy für Preis X (mit einem mehrfachen des Preises von 2 Euro, der angemessener wäre)
  3. delete
  4. donate

Wieviele dann Nr. 2 oder doch nur 3. delete gewählt hätten, wäre dann die vielleicht aussagekräftigste Erkenntnis geworden.

Es ist eine hochmütige Diskussion, die sich echauffiert über Flüchtlinge, die aus Wirtschaftsnot aus Heimatländern fliehen, weil sie dort untergehen und dann bei der Schiffsflucht auch unterzugehen drohen oder sterben, der Politik Vorwürfe zu machen, die dafür keine Lösungen biete oder diese Fluchtwege nicht hinnehmen kann oder will, sei es auch um Schleuserkriminalität Einhalt zu bieten. Ohne sich als Verbraucher AUCH mal die Frage zu stellen, dass und wieviel der Wirtschaftsnot von Konsumenten hierzulande mit verursacht wird. Nicht allein. Aber……………auch. Menschen sitzen auf der ganzen Welt in einem Boot. Und der Not, aus ihrer Arbeit und Arbeitsleistung Geld machen zu müssen, um davon leben und überleben zu können.

Ein schönes Wochenende!

Auch zum Thema, wo Billigware schneller landet…….. mehr hier:

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Über Liz Collet

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