Jeder, der heute 3 Jahre Haft in einem gewissen Urteil skandalisiert….

Justiz © Liz Collet

Justiz © Liz Collet

………weil er die Tat allein aus dem Tunnelblick der Folge der Tathandlung, einer Ohrfeige, bewertet und beurteilt

………weil er ausschliesslich auf den Verlust des Menschenlebens fokussiert und diesen Tod allein als Ergebnis einer Tathandlung bewertet und verurteilt

………weil 3 Jahre Haft nie genug für den Tod eines Menschen seien (was wahr ist und dennoch nicht Maßstab für das Recht ist)

………weil nur lebenslänglich oder gar Todesstrafe angemessene Strafen für den Tod eines Menschen sein könnten

……….wird sich besser niemals wieder hinter das Lenkrad eines Pkws setzen.

Denn……..

Die kleinste Fahrlässigkeit, jede bewusste Fahrlässigkeit („könnte schief gehen, jetzt noch bei dunkelgelb über die Kreuzung zu rauschen, wird aber wohl nicht“…“solange noch nicht auf rot….was soll da schon passieren“), jede erst recht mit dem Eventualvorsatz („könnte schief gehen, aber nehme ich in Kauf, hab’s schliesslich eilig“) verbundene Handlung hinter dem Steuer des Pkws kann bei einem Unfall dazu führen, dass im eigenen Fahrzeug, in einem anderen Pkw, auf der Strasse oder auf einem Gehweg Menschen zu Tode kommen. Nicht weniger alltäglich durch die kleinste Unaufmerksamkeit, weil auf das Handy bei Eingang einer sms geschaut, ein Anruf entgegengenommen wird, eine Mutter oder ein Vater kurz den Kopf zum Kind auf dem Rücksitz drehen oder in den Rückspiegel zu diesem blicken, sonst vom eigenen Kind oder anderem Fahrgast neben oder hinter sich abgelenkt werden und sich davon ablenken lassen, ohne das Tempo zu drosseln oder gar anzuhalten, bevor man die Aufmerksamkeit anderem als dem Autofahren widmet.

Das dritte Bier oder das 2. Glas Wein vor der Fahrt mit dem Auto, die („wird schon nichts ausmachen“, „wird schon keiner kontrollieren“, „wird meine Fahrtüchtigkeit schon nicht beeinträchtigen“ oder „selbst wenn, lasse ich doch deswegen nicht mein Auto stehen“) dazu beitragen, die Reaktionsfähigkeit, das Sichtfeld und die Fähigkeiten beim Autofahren zu reduzieren, können ein oder mehrere Leben kosten.

Wer allein den Tod eines Menschen, so schrecklich, so tragisch, so unwiderbringlich ein Leben eines Opfers vernichtend und das der Angehörigen, zum alleinigen Maßstab für das Maß der Strafe macht, muss nicht nur lebenslang dann den Führerschein abgeben, sondern lebenslang in Haft.

Das Strafrecht und die Gerichte urteilen differenzierter.

Nicht immer dem Gefühl oder Rechtsgefühl von Angehörigen entsprechend. Die Trostes bedürfen. Und Mitgefühl. Und solches verdienen. Aber denen nicht gedient sein kann mit Aufrufen zu strafbaren Rachehandlungen oder eskalierender und skandalisierender Pöbelei.

Richter urteilen und bewerten differenzierter. Nicht immer im Ergebnis richtig, nicht immer ohne Anlass zu sachlicher Kritik zu geben. Aber nicht dem Mob und Pöbel entsprechend, der verurteilten Tätern, die vermeintlich zu glimpflich selbst mit Haftstrafen davon kommend in sozialen Medien und Kommentaren schlimmste Straftaten durch Mithäftlinge während der bevorstehenden Haftdauer wünschen und ankündigen, die wahre Bestrafung warte nach Verbüßung der anstehenden Haft noch auf den Verurteilten.

In einem Rechtsstaat zum Glück nicht dem Mob entsprechend und nicht dem „Rechtsgefühl“ des Pöbels, den differenzierte Tatklärung, -bewertung und -beurteilung weniger interessieren als schwarz-weiss-Bilder, einseitig skandalisierende und einseitig heroisierende Be- und Verurteilungen.

Bis er selbst, vielleicht nach einem Unfall nach einer Partynacht mit einem oder zwei Bier zuviel, begreift, dass es einen Wert hat, wenn nicht Volkes Zorn sein Urteil fällt, im Namen des Volkes spricht. Sondern eine Reihe guter Gründe im Recht verankert sind, mehr als die Folge einer Tat, eine Tat nicht ausschliesslich am Ergebnis einer Handbewegung klären, bewerten und beurteilen zu müssen.

An Tagen wie heute wird manchmal in erschreckendem Maße deutlich, wie weit mancher, der sich zur Urteilsschelte und Urteilsbildung befähigt sieht, davon entfernt ist. Und zum Glück weit davon entfernt, Recht im Namen des Volkes sprechen zu dürfen. Und selbiges Recht in die Hand nehmend, erschreckend hohen Schaden anrichten könnte.
Würde man ihm Recht zu sprechen überlassen, der wenig recht zu sprechen versteht, wo es um’s Recht und Rechtsstaatliches geht.

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Über Liz Collet

Photographer, Author, Foodstylist, Jurist
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8 Antworten zu Jeder, der heute 3 Jahre Haft in einem gewissen Urteil skandalisiert….

  1. Ga St schreibt:

    Vorab: ich finde nicht, dass hier viel zu milde geurteilt wurde, bzw. dass es ein Skandal-Urteil gäbe und ich bin kein Jurist. Aber: wenn jemand am Steuer sms liest, sich nach einer Partynacht noch ans Steuer setzt, bei gelbrot über die Ampel fährt – oder überhaupt, wenn jemand nur denkt „“wird meine Fahrtüchtigkeit schon nicht beeinträchtigen” oder “selbst wenn, lasse ich doch deswegen nicht mein Auto stehen” – dann hat er mindestens das gleiche Urteil verdient, wenn jemand zu Schaden kommt. Diese Taten werden mMn im Artikel verharmlost. Es gibt viel zu viele „Handy-Unfälle“ und zu viele „wird-schon-schief-gehen“-Fahrer. Und ja: ich finde, die sollten sich dann auch grundsätzlich nicht ans Steuer setzen.
    Der Artikel liest sich, als gäbe es für o.g. Handlungen eine Rechtfertigung. Die gibt es aber nicht – genauso wenig wie bei einer Schlägerei (die keine Notwehrhandlung ist).
    Gruß,
    Gabriele

  2. Liz Collet schreibt:

    Hallo Gabriele, vielen Dank für Ihren Kommentar. Soweit Sie darin allerdings den Eindruck schildern, meine Beispiele aus dem Strassenverkehr würden von mir verharmlost, ist Ihr Eindruck leider völlig falsch – ganz im Gegenteil sind das (leider!) allzu oft beobachtete Verhaltensweisen, die ich uneingeschränkt ebenso wie deren Verharmlosung missbillige. Für mich gibt es absolut keinen Grund, während einer Autofahrt telefonieren zu müssen, Selfies zu schiessen, sms zu versenden etc. Schon zur eigenen Sicherheit und zu der von Beifahrern ist das für mich Grundsatz. Regelmässige Leser des Blogs kennen auch meine persönliche Haltung zum Thema Alkohol, wenn ich noch Auto fahre – ich trinke dann schlicht keinen, ausnahmslos. Die von Ihnen herausgegriffenen Zitate beziehen sich auf die Kategorien Fahrlässigkeit, bewusste Fahrlässigkeit und bedingter Vorsatz, die den Wortzitaten der juristischen Laien und Autofahrer zugeordnet werden. Damit sollte vermittelt werden, wie alltäglich viele mit solchen Gedanken und entsprechendem Handeln bereits fahrlässig, grpb fahrlässig und bedingt vorsätzlich handeln allein schon im Strassenverkehr. Und die wenigstens werden sich deshalb auch dann als „Mörder“ sehen, wenn sich dabei ein Unfall ereignet, der andere mehr oder weniger schwer verletzt und die dann an den Folgen der Verletzung oder sofort durch den Unfall sterben und gerecht empfinden, wenn er lebenslang dafür Haftstrafe erhielte. Auch nicht diejenigen, die jetzt das Urteil mit 3jähriger Haftstrafe als zu milde ansehen, lebenslange Haft fordern oder dem Veurteilten nun gar mehr als das wünschen und androhen, während der Haft und danach. Sehr interessant auch die Einschätzung in DIESEM Beitrag, dass der nun Verurteilte auch nach der Haft seinen Wohnort wechseln werde müssen – weil er anderenfalls dort offenkundig um seine eigene Sicherheit werde fürchten müssen.

  3. Ga St schreibt:

    Hallo,
    ein „Entschuldigung“, dass ich mich teils falsch ausgedrückt habe, teils Sie falsch verstanden hatte: ich wollte Ihnen keinesfalls unterstellen, dass Sie persönlich diese Aktionen gutheißen! Und ein „Danke“ für die Klarstellung! Ich teile Ihre Meinung, vor allem auch zum Urteil. Ich habe in den letzten Tagen auch im Bekanntenkeis gemerkt, dass man sich schnell über etwas aufregt, ohne dass man vorher versucht, weitere Einzelheiten in Erfahrung zu bringen (Typische Antwort: „Ach, das hab ich gar nicht mit gekriegt, ich habe nur XYZ gelesen..)

    Gruß,
    Gabriele

  4. Liz Collet schreibt:

    Hallo Gabriele, kein Grund für Entschuldigungen 🙂 Durch Gespräche wie diese klären sich einfach nur missverständliche Eindrücke. Es wird ohnehin zu wenig geredet. Ebenso wie zu wenig gelesen. Und auch mehr als 140 Zeichen Twitter-Texte überfordern längst die meisten in ihrer Aufmerksamkeit. Das führt dann auch zu der regelmässig zu beobachtenden Erfahrung wie viele Menschen like und share drücken, ohne die Texte der Links wirklich ganz zu lesen. Oft genug sogar ohne diese überhaupt zu lesen. Schlagzeilentexte genügen oft vielen, um ein Like und Share zu drücken. Ich bin nicht katholisch – aber die aktuellen Worte von Papst Franziskus zur Öko-Enzyklika sprechen mir aus der Seele, wie ich seit Jahren den (social) Medienkonsum eines Grossteils der Internetnutzer wahrnehme. Auch an mir selbst merke ich gelegentlich eine leichte Ungeduld, dass einem selbst bei kurzen 1-3 Minuten Videos des BR/NDR/ARD/ZDF diese schon als „lang“ anmuten. Allein das ein Grund, dann erst recht sich selbst zu disziplinieren, sie trotzdem zu Ende anzusehen und eher an der Menge des medialen Konsums insgesamt selbstkritischer zu werden: Lieber bewusster auswählen, was man schaut und liest. Aber vielen ist virtuelles Zappen lieber und leichter. Einen schönen Abend!

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