Wie gut ist IHR Verhältnis so mit Ihrer Ex-Frau und Ihrem Nachbarn? {Im Fall der Fälle…..?}

Verteidigungsstratege © Liz Collet

Verteidigungsstratege © Liz Collet

Die Sache mit Zeugenbeweisen war und ist immer schon eine derjenigen, in denen der Laie ein so gänzlich anderes Bild von dem hat, was der Zeugenbeweis wert ist als der Jurist.

Kommt er mit dem Schlachtruf  „Und dafür habe ich zig Zeugen, Herr Anwalt!!!“ zu eben jenem, wird mancher innerlich gramgebeugt zu jenem Satz für die Antwort aus- und Luft holen, der manches Mandatsverhältnis auf eine der ersten Prüfungen stellt, die manche Mandate begleiten können. Die Frage des Vertrauens in Kompetenz und Erfahrung des Anwalts, den der aufsucht, der sich im Recht und mit einem oder mehreren Zeugen seht stark glaubt, das auch vor Gericht zweifelsfrei durchsetzen zu können. Wenn….ja, wenn es eben nicht manchmal bei Zeugen auf das sehr genau ankäme, was sie wirklich aus eigener Wahrnehmung bezeugen können. Und das auch 1:1 dem entsprechen würde, was der Mandant beweisen muss. Weil es seiner Beweislast obliegt. Und entscheidungsrelevant und -erheblich ist.

So mancher gut meinende Zeuge meint es dann nicht selten zu gut. Nicht aus böser Absicht. (Nicht im Normalfall, jedenfalls). Sondern weil er eben auch nur ein Mensch ist. Und Menschen sind nicht nur mit dem, was sie für wen wie gut meinen und gut machen wollen, sondern vor allem in ihrer Wahrnehmung fehlbar. Das vermittelt eindrucksvoll – wenn auch in anderem Kontext – dieses Video. Eigentlich dazu gedacht, zu demonstrieren, wie sehr das neue Design des kleinen blauen Fahrzeuges die Aufmerksamkeit fesselt, ist es zugleich ein gutes Beispiel dafür, wie aufmerksam und verlässlich die eigenen Beobachtungen sind oder eben nicht uneingeschränkt sind.

Lehrreich. Für die selbstkritische Beurteilung der momentanen eigenen Wahrnehmung und erst recht zurückliegender Wahrnehmungen. Und die kritischere Beurteilung vermeintlich eindeutiger und sicherer Zeugenaussagen. Könnte man beinahe Anwälten empfehlen, es ihren Mandanten vorzuspielen. Und es sie selbst mal wahrnehmen zu lassen, wie unbesiegbar und untrügbar eigene und Wahrnehmungen von Zeugen so sein können.

Dies vorausgeschickt, kehren wir zur Frage im Titel des Posts zurück. Denn Zeugenaussagen haben hie und da noch einen andere risikoreiche Hürde. Zeugen haben im Laufe des Lebens und des Wandels mancher Beziehungen auch wandelbare Motive, die mal bewusst, mal unbewusst, manchmal für die verschiedenen Beteiligten solcher Beziehungsgeflechte und -verwirrungen und -verwandlungen überraschende Änderungen im Erinnerungsvermögen bewirken können. Man steckt nie drin. Und sieht selten sicher vorher, was sie gesehen und gehört und erinnert haben könnten und wollen. Wenn es auf sie ankommen könnte.

In Krimis werden klassischerweise Ehefrauen und -männer als nicht neutrale Zeugen nach dem Zewawischundweg-Prinzip von Ermittlerseite ad hoc für Entlastungsbeweise disqualifiziert. Bei Ex-Frauen und -Männer wird dann gern je nach günstiger oder ungünstiger Aussage für den Verdächtigen differenziert . Ist sie ungünstig, wird sie gern genommen, wenn auch mit „könnte natürlich aus Rache belasten, aber …muss ja nicht“. Ist sie günstig, wird sie natürlich angezweifelt, weil sich dafür auch immer ein Grund finden lässt: „Kriegt sonst ja keinen Unterhalt, könnte sich davon was von ihm versprechen, wenn sie ihn deckt“… usw. Mörderisch schwer, wenn Sie im Mordfall einen Zeugen zur Entlastung brauchen sollten. Wenn Sie Single sind und allein schlummern, ganz schlecht, weil kein Alibi. Schlafen Sie nicht allein, ist wer immer neben ihnen schlief im Schlaf zur Wahrnehmung nur begrenzt als Zeuge tauglich („Hätten Sie das denn gemerkt, wenn der noch mal aufsteht und wegging, Sie haben doch geschlafen“) oder eh wieder nicht neutral und objektiv. Und womöglich gleich noch mitwisser- oder mittäterverdächtig. Und wenn Sie glauben, nachts wäre das einzige Problem, mitnichten. Sie wollen daheim gewesen sein zur Tatzeit? Ha – Ihr Chef hat Sie angerufen zu der Zeit und Sie waren nicht am Telefon erreichbar! Sie wollen im Haus gewesen sein und nur nicht (schnell) genug den Hörer abgenommen haben? Undenkbar – heute hat man doch selbst auf dem Örtchen das Handy griffbereit. Sie wollem daheim gewesen sein und doch nicht ans Telefon gegangen sein  – können Sie das beweisen, gibt es dafür Zeugen? [sehr hübsch die Szene dazu HIER ab Min. 33:39] Nein…? Pech. Ja – wen? Ach so, wieder so ein …neutraler Zeuge…..

Sie sehen schon……….. Sie können mit Zeugen nur verlieren. Falls Sie nun glauben, mit einer permanent-video-live-Aufzeichnung Ihres Lebens für den Fall der Fälle wären Sie aus dem Schneider………vergessen Sie’s! Die Schneidetechnik und Fälschungsmöglichkeiten, die dann im Wege des Sachverständigenbeweises auf den Tisch kommen, werden Sie kaum retten. Warum? Weil man Sie dann fragen wird, was Sie wohl von Anfang an vorhatten, wenn Sie – natürlich nur um sich vermeintlich ein Alibi durch lückenloses Videomaterial verschaffen zu können – sich einer solchen irrwitzigen Live-Dokumentation Ihres gesamten Lebens unterzögen. Sowas wäre doch entweder Teil Ihres Plans oder ……….völlig verrückt. Wo Sie dann landen….. na, raten Sie mal.

Zeugen können ein Glücksfall sein. Oder …..auch nicht. Es ist ein bisschen wie Lottospielen. Von der Qualität der Wahrnehmung über Motive bis zur  Erinnerungsfähigkeit. Und Zufälligkeiten, die sie beeinflussen. Und wenn Sie hoffen, ein Nachbar oder jemand sonst wäre ein „neutralerer“ Zeuge, kann selbst das ins Auge gehen, anstatt ins Schwarze zu treffen. Da könnte mancher schon schwarz sehen für sein Recht. Und den Ausgang von Verfahren.

Wie in jenem Fall, als ein Mitarbeiter mörderische Drohungen gegen seinen Chef ausgesprochen haben soll. Das Arbeitsgericht beschäftigt sich schon eine Weile mit dem Geschehen und einer wegen der Drohungen ausgesprochenen Kündigung. Gegen welche der gekündigte Mitarbeiter vorgeht. Güteversuche und -termine scheiterten bislang. Nun wurde vor dem Arbeitsgericht Düsseldorf am 9.7.2015 erneut über die fristlose Kündigung eines Mitarbeiters verhandelt, dem der Arbeitgeber vorwirft, es bestehe der dringende Verdacht, dieser habe seinen Vorgesetzten in einem Telefonat massiv mit den Worten „Ich stech` dich ab“ bedroht. Hintergrund sollen frühere Konflikte zwischen beiden anlässlich einer Personalratswahl gewesen sein. Personalratswahlen und -tätigkeiten bergen emotional viel Zündstoff. Der Kläger bestreitet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Er sei nicht der (angebliche) Anrufer gewesen.

Nach dem Ergebnis der strafrechtlichen Ermittlungen wurde der Vorgesetzte des Klägers am 19.12.2014 gegen 20:50 Uhr von einer Telefonzelle in Höhe der Grafenberger Allee 77 in Düsseldorf, die sich etwa 3,5 km von der Wohnung des Klägers entfernt befindet, auf seinem dienstlichen Mobiltelefon angerufen. In der Telefonzelle befindet sich ein Münzfernsprecher, der keine Meldung über den jeweiligen Anrufer weitergibt. Das Gericht hatte bereits in der mündlichen Verhandlung vom 26.03.2015 den Vorgesetzten des Klägers als Zeugen vernommen. Nachdem der Kläger in dieser mündlichen Verhandlung erstmals detailliert und mit genauen Zeitangaben geschildert hat, dass er sich zum Zeitpunkt des ihm zur Last gelegten Anrufs vor seinem Wohnhaus mit einem Nachbarn und kurze Zeit später mit seiner geschiedenen Ehefrau unterhalten habe, hat das Gericht in der heutigen mündlichen Verhandlung den Nachbarn des Klägers und seine geschiedene Ehefrau ebenfalls als Zeugen vernommen.

Um den Parteien wunschgemäß zu ermöglichen, nochmals außergerichtlich über eine gütliche Einigung zu verhandeln, hat das Gericht Termin zur Verkündung einer Entscheidung auf Donnerstag, den 30.07.2015 um 10:30, Saal 007 anberaumt.

Wir sind gespannt. Mörderisch gespannt, wie das Arbeitsgericht Düsseldorf [ 7 Ca 415/15] den Fall unter Berücksichtigung von Beweislast und Beweisergebnissen den Fall entscheiden würde. Wenn sich keine Einigung vorher erzielen lässt. Leider ist der Presseinformation des Arbeitsgerichts mehr als die Information, DASS Ex-Frau und Nachbar vernommen wurden, WAS diese zu den Beweisfragen sagten, nicht zu entnehmen. Dass eine Einigung angeregt wurde, lässt nur mutmaßen. In viele Richtungen. Auch in die, in einem Vergleich anders als bei einem Urteil, die Mühe der Bewertung von Aussagen und Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen nicht vornehmen zu müssen, die ein Alibi darstellen. Oder darstellen könnten. Oder warum diese keines darstellen. Oder warum und wie man je nach Zeugenaussagen allein die bei 3,5 km relative Nähe einer Telefonzelle zur Wohnung des Mitarbeiters bereits als hinreichenden Verdachtsgrund ansehen und bewerten will oder darf, um eine – ja, was genau? – Verdachts(?)Kündigung fristlos aussprechen zu dürfen?

Ein Schelm, wer Übles dabei denkt, wie nah auch zum Nachbarn selbige Telefonzelle…Neiiiiin, welches Motiv sollte der wohl haben, sich so fies als Mitarbeiter auszugeben, dem Arbeitgeber zu drohen, um dem nachbarschaftlichem Mitarbeiter Ärger zu bereiten…… neiiiiin…. Nur Drehbuchautoren würden hier weiter Spuren legen. Und Verdachtsschlängeleien zum Nachbarn. Zur Ex-Frau, die den Nachbarn doch mal gern hatte….sehr gern hatte…. und zu beiden, die von dem Zoff des Mitarbeiters und seines Chefs wussten….. und zu Wünschen und Dingen, die man mit dem Nachbargrundstück machen könnte, wenn denn nur der Ex-Mann nicht wäre…. oder man ihn irgendwie loswerden….  Oder vielleicht ein ganz anderer Mitarbeiter….? Oder was für einen Grund sollte ein Chef haben, einen Mitarbeiter durch Behauptungen loswerden zu wollen… Chefs sagen in Prozessen schliesslich immer die Wahrheit. Und wer sollte ihn sonst angerufen haben…. oder wie sollte der sich selbst von einer Telefonzelle aus angerufen haben…. ? Ach…..Rufumleitung…? Oder……..wissen wir wo das dienstliche Mobiltelefon zum fraglichen Zeitpunkt war…? In einer *hüstel* Telefonzelle vielleicht…? 3,5 km von….? Hm. Sie aber nun wieder….. Sie sind aber wirklich ein misstrauisches Volk…. pffft.

Fast schade, dass nicht jede Telefonzelle videoüberwacht wird und alles aufzeichnet, was in ihr geschieht.

Fast.

Sonst könnte man ja fast keine so fabel.haften Krimiplots mehr kritzeln und Handlungsfäden weiterspinnen….bei so fantasieanregenden Fällen aus dem Alltag der Justiz.

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Über Liz Collet

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2 Antworten zu Wie gut ist IHR Verhältnis so mit Ihrer Ex-Frau und Ihrem Nachbarn? {Im Fall der Fälle…..?}

  1. Liz Collet schreibt:

    Der Termin vor dem Arbeitsgericht Düsseldorf zur Verkündung einer Entscheidung am 30.07.2015, 10.30 Uhr, Saal 007, ist laut heutiger Mitteilung des Gerichts aufgehoben worden. Über den neuen Termin wird das Gericht gesondert informieren.

  2. Pingback: Mörderisch komplizierte Arbeitsgerichtsfragen | Jus@Publicum

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