Womit man Pfarrer offenkundig erpressen kann

© Liz Collet

© Liz Collet

Es ist beinahe eine Anleitung, wie man einen Pfarrer „erpressen“ kann, die da zu lesen ist in den Informationen des Pfarrverbandes Bad Kohlgrub vom Juli 2015. Denn sie war wirksam, diese „Erpressung“.

Und das wirft in mehrfacher Hinsicht Fragen auf.

Nicht nur Fragen, ob und wer bestimmt in einer Pfarrei, wer Ministrant wird. Und wer bestimmt, ob auch Mädchen Ministrantinnen werden dürfen, generell und in einer bestimmten Pfarrgemeinde.

Und welche Rolle, besser: welche Haltung und in dieser Haltung nicht nur redensartlich auch Rückgrat beweisen sollten ein Pfarrer und die Organe einer Pfarrei, eines Pfarrverbandes, wenn andere Mädchen verweigern wollen, ebenfalls Ministrantin zu werden. Es geht nicht nur um die Frage, ob und welche Funktionen und Ämter Mädchen oder Frauen in der oder einer Kirche haben dürfen. In dem im Folgenden  zur schilderndem Fall.

Der Name Ministrant kommt von dem lateinischen Wort „ministrare“, was übersetzt „dienen“ heißt. Im Gottesdienst übernehmen die Ministranten besondere Aufgaben, indem sie dem Priester bei der der heiligen Messe oder einer anderen liturgischen Feier assistieren. Oft werden Ministranten auch als Minis (Abkürzung), Messdiener oder Altardiener bezeichnet. Beim Gottesdienst tragen sie ein spezielles Gewand (Talar und Rochett). Bevor sie den Altardienst ausüben können, müssen sie häufig erst eine Art Ausbildung durchlaufen. Dabei lernen sie die wichtigsten Zeiten und Feste des Kirchenjahres, den Ablauf des Gottesdienstes die unterschiedlichen Riten, Zeichen und Symbole sowie die einzelnen Dienste kennen.

Man kann den Eindruck nicht verscheuchen, einige Ministranten haben ihre Ausbildung zu ihrem besonderen Amt nicht so richtig verstanden. Wenn sie glauben – und leider zu Recht – mit erpresserischen Forderungen nicht der Pfarrei zu dienen, sondern in ihr zu herrschen und zu entscheiden, wer über weitere Ministranten die Entscheidung treffen kann und sollte. Und wer Ministrant werden dürfe.

Wenn eine Pfarrei, wenn Kirche vor willkürlichen Forderungen der jugendlichen eigenen Ministranten kuscht, gegen welche willkürlichen Ungerechtigkeiten oder Schlimmeres würde sie dann das nötige grössere Quantum Rückgrat und Standfestigkeit aufbringen, um Haltung zu zeigen, Positionen zu beziehen? Wie glaubwürdig ist einen Kirchengemeinde, eine Pfarrei, die – im Gottesdienst oder ausserhalb – christliche und soziale Werte „predigt“ und vermitteln will? 70 Jahre nach Bonhoeffers Ermordung müssen Theologen nicht ihr Leben auf’s Spiel setzen, um in einer Pfarrei für grundlegende Rechte und Freiheiten einzustehen und aufzustehen und Händeln zu widerstehen, welche solche Rechte einschränken.

Wie würden Sie sich beispielsweise als Arbeitgeber verhalten, wenn ein Teil Ihrer Belegschaft mit Streik droht, falls Sie eine Frau für einen bestimmten Job einstellen wollen?
Wir können das Beispiel auch weiter in Varianten spielen: Wenn jemand mit einer körperlichen Beeinträchtigung einen Job bekommen soll? Würden Sie als Arbeitgeber sich dann erpressen lassen? Oder das als unberechtigte Arbeitsverweigerung, als Anlass jedenfalls zur Abmahnung in Betracht ziehen, eine solche auch in den Raum stellen oder erteilen? Beispielsweise dann, wenn der Anteil der Belegschaft gross genug wäre, um den Betrieb aufrechtzuerhalten, Aufträge zu erledigen, die Verträge, die Arbeitsplätze aller und des Betriebes nicht zu gefährden?

Zurück zu den Ministranten, die in einer Pfarrei damit drohen, nicht länger als Ministranten zur Verfügung zu stehen, wenn auch ein Mädchen dort Ministrantin werde. Und die damit Erfolg hatten. Was mit einem Mädchen klappt, kann ebenso gut mit einem Jungen funktionieren, der dieser juvenilen und angeblich christlichen, erpresserischen und offenkundig damit durchsetzungsfähigen Truppe im Ministrantengewand aus welchen Gründen auch immer sonst nicht in den Kram und in die Ministrantengruppe oder auch Pfarrgemeinde passt. Was wäre bei einem Jugendlichen mit Trisomie 21? Was mit einem Jugendlichen „mit Migrationshintergrund“? Was mit einem Jugendlichen, den sie sonst schon in der Schule mobben, ausgrenzen?

Was macht diese Ministrantentruppe mit ihren offenbar recht eigenen und  eigenartigen Vorstellungen von ihrer Verhandlungsposition und deren erlaubtem Inhalt und Umfang und den Grenzen ihrer Verhandlungsbefugnis so unersetzlich, dass ihnen in einer Pfarrei nicht gezeigt wird, wo der Barthel den Most holt. Pardon: Gezeigt wird, dass Pfarrgemeinde und christliche zumal nicht Ausgrenzung bedeutet, sondern Miteinander, Solidarität und Integration. Dass diese nicht beliebig und willkürlich erpressbar ist. Mit der Ankündigung, dann als Ministranten nicht mehr zur Verfügung zu stehen.

Reisende soll man bekanntlich nicht aufhalten. Wer sein „Ehrenamt“, sein eigenes besonderes „Amt“ in der Kirche mit Erpressung und unzulässigen Bedingungen verknüpft, verdient es nicht, es ausüben zu dürfen und sollte ohnehin davon entbunden werden.

DAS wäre die angemessene Antwort für einen solchen Erpressungsversuch gewesen, wenn und nachdem gütliche Versuche und Gespräche bei solchen Ultimaten keine Einsicht bei den Ministranten gebracht hätten. Oder sie schlicht eben ziehen zu lassen. Und mit den verbleibenden Ministranten und dem Mädchen, das Ministrantin werden möchte allein weiter zu machen. Und damit ein Zeichen zu setzen. Nicht weil es um ein Mädchen geht. Sondern um etwas Grundsätzliches.

Denn welches Zeichen ist nun gesetzt? Was mit dieser Forderung geklappt hat, ein Mädchen als Ministrantin zu verhindern, funktioniert ja mit beliebigen weiteren Forderungen der Ministranten dann mutmasslich künftig ebenso. Was immer sie durchsetzen wollen – sie müssten nur mit dem Rücktritt als Ministranten drohen, wenn eine Pfarrei sich so beugsam und willfährig erwies, sich von ihnen Entscheidungen diktieren zu lassen. Es geht nicht allein um feministische Rechte, nicht allein um „Frau“ in der Kirche und dortigen Rollen. Nicht allein um geschlechtsspezifische Ausgrenzung. Sondern um die Erpressbarkeit für jede denkbare andere damit ebenso durchsetzbare Forderung, wie willkürlich sie auch sein könnte. Sie ist mit einem demokratischen Argument (Mehrheit der Ministranten) nicht zu legitimieren. Demokratie ist wie soziale und christliche Werte auch und zuvörderst Schutz von Minderheiten und Einzelner gegen willkürliche Ausgrenzung und Benachteiligungen.

Das hat man in der Pfarrei und im Pfarrverband offenbar den Forderungen der Ministranten untergeordnet, die dort „das Sagen“ übernommen haben, wer über weitere Ministranten die Entscheidung haben soll. Und demnächst vielleicht auch für weitere pfarrgemeindliche Entscheidungen?

Sie können die „Anleitung“ dafür regelrecht nachlesen:

„Am 12.06.2015, fand ein Treffen von den Seelsorgern, Pfr. Rudolf Scherer, Pastoralreferent Andreas Häring, den Ministranten und dem PGR-Vorsitzenden Christian Staltmeir statt, um das Thema Aufnahme von Ministrantinnen in Altenau zu diskutieren, nachdem im Oktober letzten Jahres bereits ein vorbereitendes Treffen zum gleichen Thema stattgefunden hatte. Aktuell gab es den Wunsch eines Altenauer Mädchens, Ministrantin zu werden. Entgegen ihrer eigenen Überzeugung, gaben schließlich sowohl die Seelsorger als auch der PGR-Vorsitzende dem Willen der überwiegenden Mehrheit der Ministranten nach, keine Ministrantinnen in Altenau zuzulassen, da andernfalls über die Hälfte der jetzigen Ministranten ihren Dienst eingestellt hätten. Bis auf weiteres können daher Mädchen im Pfarrverband nur in Bad Kohlgrub, Bad Bayersoien und Saulgrub den Altardienst verrichten.“

Zu lesen in den „Informationen“ aus dem Pfarrverband Bad Kohlgrub für Juli zum  Download als PDF, dort Seite 2  die Pfarrei Altenau – St. Antonius.

Im Merkur hat man das Thema aufgegriffen. Aber weder im Beitrag, noch in den Kommentaren ist man sich offenbar klar, dass es von der Ablehnung diesmal eines Mädchens oder von Mädchen als Ministranten durch solche erfolgreichen Erpressungen bis zum nächsten „Ultimatum“ für welche Ziele auch immer und gegen wen auch immer kein grosser Schritt ist. Wenn man solchen Anfängen nicht wehrt. Und nicht einmal solchen von Jugendlichen eine Schranke setzt.

Advertisements

Über Liz Collet

Photographer, Author, Foodstylist, Jurist
Dieser Beitrag wurde unter Kirchenrecht, Kommentar, Münchner Spitzerln, Murnauer Spitzerl, News & Medien, Ni X für U ngut, Personen und Ämter, Rechts und Links reingeblinzelt, Verfassungsrecht abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Womit man Pfarrer offenkundig erpressen kann

  1. Pingback: Neues Arbeitsrecht der katholischen Kirche {mit Ausnahmen} | Jus@Publicum

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s