Ein totgeglaubtes Verbrechensopfer – Person öffentlichen Interesses?

Über die Freiheiten © Liz Collet

Über die Freiheiten © Liz Collet

Es ist ein Fall, der zweifellos in die Rechtsgeschichte und die Geschichte der Polizei eingehen wird.

Er geht aktuell durch alle Medien und wirft für Juristen wie für Laien, vielleicht auch für die Angehörigen der zwischenzeitlich für tot erklärten und nun wieder lebend zu erklärenden Frau, viele Fragen auf.

Für Juristen sicher nicht überraschend und dennoch im vorliegenden Fall des seinerzeit wegen des anderen, tatsächlich toten Mädchens Verurteilten, interessant, wie dessen Geständnis zustandekam. Das für welches er an dem anderen Mädchen verurteilt wurde. Das zweite, später widerrufene an der „nur“ Totgeglaubten, für das er nie verurteilt wurde. Über diesen Mann weiss man nichts, auch über ihn gibt es keine öffentliches Interesse rechtfertigenden Ansatzpunkte, die erlauben würden, ihn zu nennen oder über ihn namentlich zu berichten. Offenbar hat er die Strafe verbüsst und damit wie jeder andere ehemalige Straftäter Anspruch auf Schutz vor erneuter namentlicher Berichterstattung.

Und wie sieht es bei der vermeintlichen Toten, der für tot erklärten Frau aus, deren Verbleib in Jahrzehnten und deren Gründe Fragen aufkommen lassen? Nun – Fragen, von denen indessen einige derzeit den Berichten zufolge offen bleiben und vielleicht auch für die Zukunft offen bleiben müssen. Denn wie man liest, wünscht die Frau weder Kontakt mit Angehörigen, noch Öffentlichkeit.

Und nach den bisherigen Informationen der Polizei gibt es – abgesehen vom rein melderechtlichen Verstoss – keinen strafrechtlich relevanten Punkt, der Anlass gäbe, gegen sie zu ermitteln oder ihren Wunsch nach Privatsphäre nicht zu respektieren.

Man wird abwarten müssen, ob die Medien diesen Wunsch ebenso respektieren, ebenso die Angehörigen. Denn die Geschichte und die Fähigkeit, so lange unentdeckt zu leben trotz Suche nach ihr, befeuert Fantasie, Neugier und Sensationslust vieler.

Es kostet nur wenige Klicks in Zeiten des Internets, um den vollständigen Namen der damaligen Studentin zu recherchieren und mindestens den Namen ihres Vaters und dessen Beruf. Mich hat das kaum 5 Minuten Zeit gekostet. Sie werden diese hier nicht von mir genannt lesen, auch keine der Ansatzpunkte, mit denen es mir leicht war, sie zu recherchieren.

Denn konsequent zu Ende gedacht muss man – jedenfalls meiner Meinung nach – spätestens nach den Informationen der Polizei die Frage stellen, ob diese Daten nicht nun umgehend zu löschen und zu tilgen sind, gleichgültig wo sie seit der Vermisstensuche in Medien verschiedenster Art genannt worden waren. Name, weitere persönliche Daten, die diese Frau identifizierbar machen, Fotos, mit welchen nach ihr gesucht worden war.

Denn welche Motive und Gründe, subjektive oder objektive, berechtigte, rationale oder irrationale auch immer sie gehabt haben könnte, seinerzeit von einem Augenblick zum anderen aus dem bis dahin geführtem Leben zu verschwinden – sie sind vorbehaltlich etwaiger und offenbar nicht vorhandener straf- oder anderer rechtlicher Gründe – ihre persönliche und Privatangelegenheit.

Dass es jemandem gelingt, so konsequent und innerhalb Deutschlands, zu verschwinden und weiter zu leben, ohne je einem Menschen zu begegnen, der ihn wiedererkennt, Geld zu benötigen für Miete, Wohnungen, Unterkunft, Krankenbehandlung, Bankkonto, Geschäfte des alltäglichen Lebens, mit oder ohne Steuernummer und -erklärungen trotz Einkünften zum Lebensunterhalt, die ihn auch nicht von Sozialleistungen abhängig gemacht haben, das ist so erstaunlich, dass es die Neugier weckt. Von den persönlichen Motiven, Angehörige in der Ungewisstheit über den eigenen Verbleib zu lassen, abgesehen. Und unabhängig davon, ob die vermeintlich einem Verbrechen zum Opfer gefallene Frau wusste, dass sie nicht nur vermisst und gesucht wird, sondern auch für tot gehalten und erklärt wurde.

Das Bundeskriminalamt (BKA) erfasst Berichten zufolge jährlich rund 100.000 Vermisstenanzeigen. Personen, die ganz unvermittelt aus ihrer Familie oder ihrem sozialen Umfeld verschwinden. Von denen etwa die Hälfte innerhalb einer Woche wieder nach Hause zurückkehrt. Rund 80 Prozent der Fälle sind durchschnittlich nach einem Monat aufgeklärt. Doch etwa drei Prozent der Vermissten bleiben auch nach einem Jahr verschwunden. Die Ungewissheit, was mit einer geliebten oder mindestens vermissten Person geschehen ist, wie eine Wunde, die niemals heilt. Es mag aus guten Gründen geschehen – wer kennt schon die eigentliche Geschichte, die in einer Familie liegt oder liegen kann oder Gründen, warum jemand sie endgültig und spurlos verlässt? Wer kennt – umgekehrt ebenso möglich – den Menschen, der diese Familie verlassen hat, ohne dass diese dazu Grund gegeben hat, erst recht ohne Nachricht zu bleiben über den Verbleib.
Niemand kann in diese und Situation und Empfinden der Angehörigen und Nächsten und Betroffenen selbst Einblick genug haben, um spekulieren, bewerten oder gar urteilen zu können. Oder um Anspruch zu haben, Rechtfertigungen und Erklärung zu erlangen und zu erhalten. Nicht rechtlich, nicht presserechtlich, nicht öffentlich, nicht die Öffentlichkeit. Ja nicht einmal Angehörige selbst. Jedenfalls im Grundsatz. Grundrechte gewähren weitgehend Freiheitsrechte auch dazu.

3.000 Fälle jedes Jahr, die auch auf die eine oder andere Weise mutmasslich leben, ihr Leben andernorts weiterführen, sofern sich nicht ein anderer Verbleib irgendwann klärt. Die auch – eigentlich – Spuren hinterlassen müssten, wenn sie nicht mit gefälschten Papieren oder aus anderen Gründen unter neu ausgestellten Papieren und Namen irgendwo arbeiten, leben und dennoch nicht gefunden werden. Für Menschen, die heute ohne Bankkonto keinen Job, ohne Gesundheitskarte keine Krankenbehandlung, ohne Bankkonto, Schufaauskünfte, Arbeitgeberbescheinigungen keine Wohnung oder ohne Personalausweis nicht mal ein Hotel- oder anderes Zimmer bekommen, ohne Einzugsermächtigung keinen Handy- oder andere Verträge wie Strom etc. muss es erstaunlich erscheinen, wie jemand ohne Vorbereitung seines Verschwindens, ohne wenigstens genug Bargeld, persönliche Kleidung und das Nötigste mindestens über eine gewisse erste Zeit oder ohne Hilfe Dritter, bei denen er Unterkunft oder andere Hilfe erhält, ein neues Leben beginnen könnte.

Die wieder lebend zu erklärende Vermisste könnte sich mindestens den Fragen ihrer Angehörigen in naher oder weiterer Zukunft ausgesetzt finden, je nachdem wie diese ihr Verhalten bis und seit ihrem Verschwinden empfinden und verstehen oder nicht verstehen mögen. Eine Auskunft über Wohnort und Adresse werden auch diese ohne ihre Zustimmung wohl auch nicht von der Polizei erlangen und beanspruchen können, wenn Datenschutz hier Geltung hat. Es könnten sich – theoretisch – Konstellationen denken lassen, in denen sie zumindest familiär und amtlich zu Auskünften verpflichtet wäre. Wenn sie beispielsweise unterhaltspflichtig gegenüber Dritten würde oder wäre oder zu Auskünften verpflichtet, wo Angehörige Sozialleistungen oder Pflegeleistungen beanspruchen und Einkommen naher Angehöriger von Relevanz würde. Theoretisch.

Könnte man ihr – selbst wenn sie gewusst haben sollte, dass unter Personal- und Kostenaufwand nach ihr seit Jahrzehnten gesucht wird, dass jemand ein falsches Geständnis abgelegt hat, sie getötet zu haben – rechtlich etwas vorwerfen? Der seinerzeit verdächtigte Mann widerrief das Geständnis, Geständnis wie Widerruf waren seine eigene persönliche Entscheidung, sie kannte ihn nicht, hat dazu nicht veranlasst, er wurde nie deswegen verurteilt. Rechtlich insoweit kein Vorwurf berechtigt oder erkennbar. Moralisch? Selbst wenn sie es gewusst hätte – welche Obliegenheit sollte ein Mensch haben, sich zu melden, der dies weder veranlasst, noch vielleicht weiss? Und damit seine eigene Privatsphäre, die er aus welchen Gründen auch immer so schützte, wie es ihm möglich und wichtig war, aufgeben?

Man muss es nicht verstehen, es ist eine Privatangelegenheit. Keine, die ein Öffentlichkeitsinteresse begründen kann.

Dies sollte auch eine konsequente Löschung ihrer persönlichen Daten in jenen sämtlichen Medien zur Folge haben, die sie noch identifizierbar machen mit dem Namen, unter dem sie in Kürze wieder für lebendig erklärt werden und leben wird. Nicht einmal wirkliche Verbrechen zum Opfer gefallene Menschen, ob sie Verbrechen überlebten oder nicht, verlieren diesen Schutz auf Privatsphäre. Nicht einmal Täter mit Ablauf der verbüssten Strafen. Noch weniger sollten ihn Menschen  vermissen und darauf verzichten müssen, die weder das eine noch das andere je waren oder wurden. Mit Ausnahme eines Einbruches in ihre Wohnung und ihre dortige Privatsphäre und – wie jeder andere Bürger berechtigtermaßen – diesen meldeten. Ein Mensch, der sich einfach zu einem eigenen, anderem Leben entschied. Ob und wer es verstehen mag oder nicht. Aber das geht uns nichts an.

Über Liz Collet

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