Manipulationen bei Herztrans­plantationen am Uniklinikum Heidelberg

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Option ohne Pflicht © Liz Collet

Das Universitätsklinikum Heidelberg hat vor dem Wochenende den Bericht der Prüfungskommission der Bundesärztekammer bestätigt, wonach Meldungen aus den Jahren 2010 und 2011 von Patienten zur Herztransplantation „nicht in vollem Umfang den Richtlinien der Bundesärztekammer entsprochen hatten“.

Die Formulierung allein banalisiert in frappanter Weise die tatsächlichen Manipulationen und zeigt erneut, dass diese erst eingeräumt werden, nachdem diese bereits von den Überwachungsgremien festgestellt und nachgewiesen wurden. Wie bereits in den vorangegangenen Fällen von Manipulationen bei anderen Organen hier im Blog kritisiert, muss zudem erstaunen, dass weder an den Kliniken selbst, noch von anderen Beteiligten der Organspende und Organtransplantation diese Manipulationen auffällig geworden sein sollen, geschweige denn beanstandet oder gemeldet. Auch wurde bereits im Blog mehrfach darauf hingewiesen, dass es äusserst erstaunlich ist, dass und wie wenig wirksam die seit 1997 geltenden Pflichten der Kontrolle und Überwachung durch Prüf- und Überwachungskommissionen gewesen sein sollen, wenn auch im vorliegenden Fall erneut erst die nunmehrigen und allein für die Jahre 2010 und 2011 geprüften Fälle diese und Manipulationen decouvrieren. Sie zeigen auch, mit welcher jahrelangen Zeitverzögerung selbst auf die beiden Jahre begrenzten Prüfungen Fehlverhalten und massive Manipulationen feststellen.

So sollen Ärzte Schwerkranken bewusst wichtige Medikamente nicht wie vorgeschrieben verabreicht haben, die ihren Herzmuskel stärken sollten. Dadurch sollten die Betroffenen schneller an ein Spenderorgan kommen, wird der Leitende Ärztliche Direktor, Guido Adler hier zitiert  und :  „Es ist gegen die Regeln verstoßen worden.”

Gemessen an den Folgen für andere Patienten und die Patienten selbst, die angeblich selbst nichts davon gewusst haben sollen, ist hohnsprechend, wenn das Vorenthalten von verordneten Patienten als „Regelverstoss“ heruntergespielt wird. Man muss die Frage stellen, ob die Patienten darüber in Kenntnis gesetzt wurden oder ob man ihnen ohne ihr Wissen ggf. lebensnotwendige Medikamente nicht verabreichte? Herztransplantationen werden regelmässig im Gegensatz zu den mit einer Dialyse jahrelang überbrückbaren Wartezeiten bis zu einer Nierenvermittlung genannt, um die Organspende als „überlebensnotwendige“ Hilfe zu proklamieren, weil die Überlebenszeit ohne diese gering sei.

Und ungeachtet dessen sind Patienten die zum Überleben wichtigen Medikamente, die bis zur (ungewissen) Vermittlung verfügbaren Organangebotes herzmuskelstärkend wirken sollen, vorenthalten worden?

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der versuchten gefährlichen Körperverletzung. Die Klinik hatte im August selbst Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Die gemeinsam von Bundesärztekammer, Deutscher Krankenhausgesellschaft und GKV-Spitzenverband getragene Prüfungs- und Überwachungskommission hatte zuvor „Unregelmäßigkeiten“ bei der Medikamentengabe und der Dokumentation festgestellt.

Es soll um 33 Fälle in den Jahren 2010 und 2011 gehen, sagte Adler. Und:  „Wir müssen davon ausgehen, dass Ärzte das verordnet haben.” Er gehe nicht davon aus, dass die Patienten davon wussten. Ob andere Schwerkranke deshalb später als berechtigt an ein Spenderherz kamen, sei unklar. „Es ist extrem schwer nachweisbar, dass irgendein anderer Patient dadurch einen Schaden erlitten hat”, sagte Adler.

33 Fälle in zwei Jahren, deren Patientenvorgänge geprüft wurden und als manipuliert bereits festgestellt sind, kann man als relativ viele oder relativ wenige ansehen. Für jeden bevorzugten Patienten bei der Vergabe eines Organs ist ein anderer nicht berücksichtigt worden, der es stattdessen hätte bekommen müssen. Und vielleicht nicht erlebte, in der Folgezeit eines erhalten zu haben, sei es an einem anderen deutschen Transplantationszentrum oder an einem anderen dem Eurotransplant Verbund teilnehmenden TPZ eines anderen Landes. 33 andere Patienten, die es vielleicht nicht erlebt haben, später ein Organ zu erhalten. Oder die infolge der verlängerten Wartezeit inzwischen nicht mehr transplantabel waren, weil sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert hat, während sie warteten und deswegen nicht mehr in der Verteilung der Angebote berücksichtigt wurden. 33 Patienten, die auf regelkonformes Verhalten von Ärzten vertrauten. 33 Patienten und deren Angehörige, die dem System nicht mehr berechtigt vertrauen konnten, man werde sie genauso gerecht an der Vermittlung der Organe teilhaben lassen wie jeden anderen.

33 Patienten, die bevorzugt wurden.

Viel oder wenig? Relativ und allein auf das Uniklinikum Heidelberg bezogen?

Werfen Sie einen Blick auf die Zahl der Herztransplantationen, die im genannten Zeitraum 2010 und 2011 am Uniklinikum Heidelberg durchgeführt wurden.

Demnach befanden sich auf der Warteliste für HERZtransplantationen des TPZ der Uniklinik Heidelberg (laut DSO-Berichten)

  • am 1.1. des Berichtsjahres 2009: 51 Patienten , 25 Transplantationen wurden durchgeführt, 10 Patienten sind verstorben
  • am Ende des Berichtsjahres 2009: 57 Patienten
  • am 1.1. des Berichtsjahres 2010:  57 Patienten , davon wurden 37 transplantiert, 10 Patienten verstarben
  • am Ende des Berichtsjahres 2010: 58 Patienten auf der Warteliste
  • am 1.1. des Berichtsjahres 2011: 58 Patienten, 21 Herztransplantationen wurden durchgeführt, 8 Patienten verstarben
  • am Ende des Berichtsjahres 2011: 80 Patienten auf der Warteliste

Stellt man also die 33 Fälle manipulierter Fälle von Patienten für 2010/2011 den 58 im gleichen Zeitraum durchgeführten Transplantationen gegenüber, stellen 33 Fälle gemessen an der Zahl durchgeführter Transplantationen  56,89 % dar. 

Nun stellt sich die Frage, wer von den Patienten, die transplantatiert wurden, war einer von den 33 Fällen, bei denen Manipulationen erfolgten?

Oder waren unter den 33 Fällen auch solche, bei denen manipuliert wurde, die aber (trotzdem) nicht transplantiert wurden? Oder unter den jeweils 18 verstorbenen Patienten in 2010/2011 einer, der die Medikamente nicht erhielt? Und dennoch kein Organ erhalten hatte?

Allein diese Fragen und Zahlen belegen die Intransparenz und die Manipulierbarkeit der Warteliste. Man kann nicht davon ausgehen, dass bei einem so hohen prozentualen Anteil der Manipulationen bei Patienten von 33 Fällen gemessen an der Zahl der Wartelisten- und transplantierten Patienten von „Einzelfällen“ geredet werden kann oder davon, dass nicht mehrere Augen dies bemerken mussten und konnten. So dass hinterfragt werden kann und muss, wie ein inzwischen gern als Mittel gegen künftigen Missbrauch installiertes 4-Augen-System dies wirklich ausschliessen kann und wird.

Zur Prüfung des Herztransplantationszentrums am Universitätsklinikum Heidelberg durch die Prüfungskommission der Bundesärztekammer nimmt das Klinikum hier Stellung.

Das Universitätsklinikum Heidelberg hat bei der Staatsanwaltschaft Heidelberg mit Datum vom 25.08.2015 Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet.

Dabei scheut man allerdings nicht zurück, „auf die unklare Rechtslage in den verschiedenen Verfahren an anderen Transplantationszentren und den Freispruch im Göttinger Transplantationsverfahren  ausdrücklich“ hinzuweisen.

Hält man am Uniklinikum Heidelberg die Staatsanwaltschaft für eines solchen Hinweises juristisch bedürftig?  Man darf annehmen, dass juristische Fachkompetenz auch seitens eines Uniklinikums einer Staatsanwaltschaft nicht abgesprochen werden dürfte und auch nicht, dass dieser Prozess und Berichterstattung der Göttinger Fälle entgangen sein werden.

Will man nicht unterstellen, dass man am Uniklinikum die StA solcher Hinweise „juristisch nachhilfebedürftig“ ansehe,  muss man den Hinweis dahingehend interpretieren, dass zwar pro forma und um den Schein zu wahren, nach ohnehin aufgedeckten Manipulationen an der Klärung vorgeblich auch stafrechtlich mitwirken zu wollen, aber gleichzeitig eine strafrechtliche Konsequenz als nicht begründbar anzusehen und als erforderlich, dies gleich von vornherein als Verteidigungsschild aufzustellen.

Zu weiteren Ermittlungen, besonders zu personenbezogenen Daten, wird das Universitätsklinikum Heidelberg nach eigenen Angaben hier während des laufenden Untersuchungsverfahrens keine Angaben machen.

Dies und weitere Details lesen Sie hier in der Pressemitteilung des Universitätsklinikums Heidelbeg vom 16.10.2015 und hier.

Über Liz Collet

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