Sie schaffen’s immer wieder {Das Handelsblatt und seine Wortakrobaten……..NICHT Kichern…}

Handelsblatt Online Screenshot 14122015

Handelsblatt Online Screenshot 14122015

Ist das nicht bissi sexistisch?
Diese Fokussierung auf die Haarfarbe bei Damen. Nicht bei allen. Bei der Bundeskanzlerin beschäftigt die Medien zwar die Frisur, die manchen Fahrtwind und Sturm mit Humor nimmt, aber weniger die Farbe der Haare. Bei anderen dann wieder doch.

Wenn man das Handelsblatt heute liest, findet man grad wieder mal ein Beispiel in der Reihe der „Kronprinzessinnen“, wie sie derzeit auch betitelt werden, nicht nur diejenigen, welche mal Weinkönigin waren. Immer wieder (bei mehr oder weniger natur- oder nicht naturblonden gleichermassen mehr als bei anderen) gilt dem Haar und seiner Sturm(helm)erprobung Medieninteresse bei Politikerinnen.

Man guggt sich um unter dem, was unter den Wortakrobaten der Pressezeilen zu sehen ist. Und – sexistisch oder nicht – kann den Kicherreflex nicht so recht gänzlich verscheuchen. Beim Spiel mit dem wehenden Haar und Potential, das blondes Politikerhaupthaar – gleiches Recht für alle, oder nicht, liebes Handelsblatt? – dann anderen gelten müsste. Und so wartet man darauf, dass man beim Handelsblatt und seinen Wortakrobaten für den Botaniker Toni Hofreiter titeln könnte „Vom grünen Pflanzerl zur blonden Hoffnung“.

Auch noch so kümmerliche Pflanzerl (auf Wahlquote bezogen! Was denken SIE denn schon wieder Schäbiges, NICHT Kichern!) wollen schliesslich medial als blonde Hoffnungen nicht übersehen und gehegt werden. Selbst wenn nicht nur, aber auch die Wahl- und Sitzquote derzeit eher als Quötchen in der Opposition rangiert und nicht so sehr regiert…..

Und solange auch Herren und ihre Haarpracht das Bundesverwaltungsgericht beschäftigen, sollte auch in der vierten der Gewalten gleiches Recht und geschlechtergleiche Aufmerksamkeit geschenkt oder (was wünschenswerter wäre) wirklich Wichtigerem als haarigen Adjektiven in der Politik und bei Politikerinnen gewidmet werden. Oder müssten Politikerinnen auch einfach mal lospoltern und gerichtliche Schritte androhen, wenn Medien sich der Frage widmen, ob ihr Friseur gar mit Farbe nachhelfe….?

„Presseagenturen nehmen eine herausragende, in jüngerer Zeit immer wichtiger gewordene Rolle bei der Gestaltung von Nachrichten in der Presse wahr.“ Hiess es seinerzeit vom Verfassungsgericht. Das machte deutlich, daß der Streit um des Kanzlers Haarfarbe zwar nicht von großer politischer Tragweite, aber für die Öffentlichkeit dennoch nicht unbedeutend gewesen sei.

Dennoch: Schön wäre es, gälte Politik mehr Aufmerksamkeit, als dem Aussehen und Ansehen der Person. Auch wenn die Weiblichkeit neuerdings gerade beim Blick auf Sichtbares von Gesicht und was selbiges einrahmt oder verdeckt und verhüllt, zur neuen Argumentationsstrategie von Politikerinnen selbst zelebriert wird. Bei der Verhüllung mal als Exhibitionismus (um)gedeutet, mal Vollverschleierung als Diskreditierung der Weiblichkeit bezeichnet wird. Und was, wenn nicht mindestens auch Haar und nicht nur Gesicht, welches davon eingerahmt, wäre dafür mehr Mittelpunkt der Betrachtung. Ob Verhüllung Schutz oder Recht oder Rechtsgefährdung und Unterdrückung und Diskriminierung und Macht und Machtverteilung und Machtausübung………..?

Wer nun sehr neckisch kontern möchte, sinniert in dieser Linie und Konsequenz dann weiter. Und über den Verlust der Männlichkeit und ihrer Machtinsignien und die Geschichte Samsons im Alten Testament.

Und darüber, welche Konsequenzen es haben könnte und müsste, wollte man nicht nur die Weiblichkeit durch Verhüllung schützen, sondern gleiches Recht….und Schutz…. ? Denken Sie es mal zu Ende……….

Ich hülle mich derweil dann auch mal. In Schweigen. Und werkle ernsthaft andernorts. Sagen Sie Bescheid, wenn man beim CDU-Parteitag und im (selbst mit Verhüllungen erfahrenem) Bundestag mit Ver- und Enthüllungen und ihren Grenzen einen Schritt weiter ist. Ich hätte da dann nämlich auch noch eine Frage. Oder zwei. Oder drei.

Beispielsweise, ob ich – als Anwalt oder Partei – in einem Prozess und einem Gerichtssaal künftig mit dem Zaunpfahl-Argument der Weiblichkeit und dem Exhibitionismus der Verhüllung oder der Diskreditierung der Weiblichkeit auftreten muss, wenn ich Identität und Glaubwürdigkeit von  Zeugen, Sachverständigen oder Prozessbeteiligten beurteilen möchte oder muss? Sie wissen schon: Gerichtssäle, das sind die Räume, in welchen Rechte verteidigt und geltend gemacht und durchgesetzt werden. Also …eigentlich. Verfahrensechte inklusive.

Oder ob Richter doch noch wissen, welche Prozessregeln und Rechts- und Verfassungsgrundsätze in Gerichtssälen im Geltungsbereich des Grundgesetzes gelten.  Und ggf. die dazu erforderlichen klaren Worte auch von Justiziministern erhalten, wenn es Richtern offenbar entfallen ist, wer die Verfahrensleitung in der Hand haben und auch ausüben sollte.

Wenn diese Verfahrensleitung nur halb so vehement auch gegen Verschleierung ausgeübt würde, wie Richter sie gegen vermeintlich nicht nötige Anträge von Parteien und Parteivertreter auf Protokollierung oder andere Verfahrensanträge verteidigen, wäre am Amtsgericht München über die Vollverschleierung einer Zeugin jede  Diskussion über ein scheinbar haariges Problem obsolet gewesen.

 

Über Liz Collet

Photographer, Author, Foodstylist, Jurist
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