Mordversuch im Kreißsaal – Auftakt zum Hebammen-Prozess am Landgericht München

Justiz © Liz Collet

Justiz © Liz Collet

In dem vor rund anderthalb Jahren hier im Blog {u.a. in Eine Hebamme, ein paar Mordversuche, frühere Arbeitgeber und ein Arbeitsgerichtsprozess – Lektionen für Patientensicherheit ? | Jus@Publicum} berichteten Fall der Hebamme, die im Kreißsaal des Münchner Klinikums Grosshadern wegen Mordversuchs verhaftet worden war, begann heute der Prozess am Landgericht München.

Berichten zufolge will der Verteidiger  gute Chancen auf Freispruch sehen. Seiner Erklärung zufolge seien die Indizien der Staatsanwaltschaft nicht für eine Verurteilung ausreichen

Das klingt zumindest derzeit erstaunlich, wenn man sich erinnert an die Verhaftung der nun angeklagten Hebamme im Kreißssaal des Münchner Klinikums Grosshaderns wegen Mordversuchs in vier Fällen.

Das Leben der betroffenen Mütter habe laut damaliger Mitteilung von Staatsanwaltschaft und Polizei nur mit “notfallmedizinischen Maßnahmen” gerettet werden können, es habe akute Lebensgefahr bestanden.
Die Hebamme arbeite seit 2012 im Klinikum Großhadern. Das Klinikum hatte den Mitteilungen zufolge am 10.7.2014  Anzeige erstattet, nachdem das blutverdünnende Mittel Heparin nachgewiesen wurde. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das Mittel in hoher Dosis über die Infusion verabreicht wurde. Inzwischen gehe es laut Klinikum allen Müttern und ihren Kindern dennoch gut.

Nach damals mitgteiltem Erkenntnisstand der Staatsanwaltschaft sei das Mittel in hoher Dosis in die Infusionsflaschen der Frauen gefüllt wurde. Die Frauen hatten den Mitteilungen der Klinik zufolge Risikoschwangerschaften und neigten zu verstärkten Blutungen. In die Infusionen wurde Heparin beigemischt, wodurch sich die Blutungsneigung noch erheblich steigerte.
Sollten die Vorwürfe stimmen, habe die Hebamme bewusst die Arg- und Wehrlosigkeit der Opfer ausgenutzt. Nach damaligen Polizeiangaben war die 33-Jährige die einzige, die bei allen vier kritischen Geburten im Kreißsaal war. Bereits am 18. Juli wurde sie in der Klinik verhaftet.

Die Staatsanwaltschaft hat 94 Zeugen für den Prozess vorgesehen. Die Angeklagte hat die Vorwürfe bislang zurückgewiesen. Nach Absprache mit ihrer Anwältin verweigerte sie im weiteren Verlauf der Ermittlungen die Aussage. Auch das mögliche Motiv ist noch unklar: Die heute 34-jährige Frau aus dem Münchner Umland ist nach Angaben der Ermittler ledig und hat selbst keine Kinder. Geltungsbedürfnis und Machtdemonstration könnten vermutlich eine Rolle gespielt haben, so die Ermittler. Sie sei unzufrieden darüber gewesen, dass die Klinikleitung ihre Arbeitszeit halbiert hatte. Angeblicher Grund: Rücken- und Hüftprobleme mit monatelangen Fehlzeiten seit 2013.

Wie bereits in den ersten Berichten von mir ausführlich berichtet und kommentiert, hatte es bereits beim vorherigen Arbeitgeber Auffälligkeiten gegeben, die zur Beendigung der dortigen Tätigkeit führten und zu denen auch arbeitsgerichtliches Verfahren vorlag. Mehr dazu hier.

Die Angeklagte hat angekündigt, auch vor Gericht zu schweigen. Die Hebamme, die in Untersuchungshaft sitzt, geht Berichten zufolge parallel zum Strafprozess auch gegen ihre Kündigung durch das Klinikum Großhadern arbeitsgerichtlich vor.

Warum auch nicht?!? könnte der Leser hier fragen. Denn das hat doch offenbar bereits am vorherigen Arbeitsplatz recht gut geklappt und sogar mit einer Abfindung geendet. Zugegeben – damals gab es parallel keinen Strafprozess, aber Frechheit siegt, pardon: Der Mensch wächst halt an seinen Herausforderungen. Oder?

Was potentielle Patientinnen  von einer Weiterbeschäftigung in einer Klinik halten würden, die sich ohnehin bereits Gedanken manchen könnten und vielleicht auch sollten über die Strategie einer Klinik wie Grosshadern als Arbeitgeber, die auch nach Hinweisen des vorherigen Arbeitgebers die Angeklagte weiter beschäftigte, bis man sie schliesslich im Kreißsaal verhaftete, weil dann doch a bisserl was aufgefallen und der Staatsanwaltschaft mitgeteilt worden war? Überlassen wir es werdenden Müttern und den Vätern und anderen potentiellen Patienten, das zu beurteilen, wie behaglich sie sich in einer Klinik fühlen würden?

Ihr Verteidiger hat einen Befangenheitsantrag gegen einen als Sachverständigen bestellten Rechtsmediziner gestellt, weil er bei der Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität arbeitet, zu der auch das Klinikum Großhadern gehört. Über den Antrag soll bis zum nächsten Prozesstermin am 5. Februar entschieden werden.

Das Prinzip der Ortsferne von Sachverständigen wäre in der Tat bei solchen Taten nicht von ungefähr nicht ganz unbedeutend. Vor allem, wenn eine Klinik selbst trotz eingegangener Hinweise auf frühere Vorfälle beim vorangegangenen Arbeitgeber Erklärungsbedürfnis zur eigenen Rechtfertigung nicht nur bei der bereits berichteten Pressekonferenz sah, sondern sich eigentlich auch heute noch Fragen dazu gefallen lassen müsste. Und muss. Bei Zeugeneinvernahmen etwa. On va voir – und weiter berichten.

Zum Fall:

Über Liz Collet

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