Lehrbücherwahl in der Schule ist nicht Entscheidungshoheit der Eltern

 Blues © Liz Collet

Hick Hack © Liz Collet

Das Leben der Eltern
ist das Buch,
in dem die Kinder lesen.

Augustinus Aurelius

Es wird gelegentlich beklagt, dass Eltern nicht genug für Lesefutter ihres Nachwuchses sorgen verglichen mit anderen Spielsachen oder Technikspielereien oder nicht genug auf den Lesestoff ihrer Sprösslinge ein Auge haben.

Ob das zu recht beklagt wird, sei dahin gestellt.

Über die Klage eines Vaters, der ein Auge auf die Schulbücher seines 17-jährigen Sohnes hatte und mit einem bestimmten Schulbuch nicht einverstanden war, hat nun das Verwaltungsgericht Berlin entschieden.

Im Geschichtsunterricht des Sohnes, der eine Oberschule in Berlin-Kreuzberg besucht, wurde ein Schulbuch verwendet, in welchem die Landung der alliierten Truppen in Frankreich am 6. Juni 1944 als „Invasion“ bezeichnet wird.

Diese Darstellung hält der Kläger für unzutreffend, da die Alliierten nicht als „Invasoren“ angesehen werden könnten. Die Darstellung verunglimpfe die gefallenen Soldaten. Zudem werde der Überfall der Wehrmacht auf seine westlichen Nachbarn im Jahr 1940 in dem Buch verharmlosend als „Offensive im Westen“ bezeichnet.

Im Unterricht wurden die kritisierten Formulierungen daraufhin mit den Schülern diskutiert.

Als Leser des vom Gericht mitgeteilten Sachverhaltes stellt man sich die Frage, warum das einem Elternteil nicht genüge, dem es zudem jederzeit frei stünde, im Elternhaus Meinungsfreiheit und -vielfalt und Diskussionskultur zu pflegen, dort Eltern- und Erziehungsrechte gegenüber eigenen Kindern Leben zu verleihen und auch andere (eigene) Meinungen, als in Schulbüchern formuliert und vertreten, zu thematisieren. Man kann nicht recht umhin, sich zu fragen, warum sich Eltern oder ein Elternteil des Rechtsweges bedienen müssen, um ihren Kindern gegenüber die eigene (andere) Meinung zu vermitteln, die sie abweichend von Schul- oder anderen Büchern und darin enthaltenen Darstellungen aller denkbaren Themen letztlich auch, denen ihre Sprösslinge nicht nur in der Schule begegnen werden, haben und für richtiger halten. Weil die eigenen Kinder sich bei der Wahl zwischen der Schulbuchmeinung und der ihrer Eltern dann womöglich nicht der Meinung des Vaters oder der Eltern anschliessen? Es sei denn, das kritisierte Buch wird wenigstens aus der Schule und dem Unterricht herauszensiert? Bei einem 17-jährigem Sohn?

Wird ein solcher Kläger diesem dann auch den Kauf oder die Leihe von Büchern aus Buchhandlungen und Bibliotheken verwehren wollen – und wenn: mit welchen Mitteln? Sperre des Bibliotheksausweises, wie man Spielsüchtigen das Casino sperren lassen kann? Weil es Dritter und dritter, „höherer“ Instanzen als die eigene elterliche Erziehung und argumentative Überzeugungskraft für die eigene andere Meinung als Eltern braucht, um den eigenen Willen und die eigene Meinung durchzusetzen, anstatt die Freiheit und Vielfalt möglicher Meinungen, herrschender und abweichender Meinungen, von Minderheiten- und Mehrheitsmeinungen zu tolerieren und zu kultivieren, die grundlegender Teil der Erziehung sein müsste? 

Man möchte gar nicht zu Ende denken, wenn mehr als nur ein Vater oder Eltern eines Schülers, sondern mehrere Eltern der Schüler einer Klasse bei unterschiedlichen Meinungen über zu verwendende Bücher sich in einer Konkurrentenklage sui generis gerichtlich durchzusetzen versuchen wollten, welches der vielen oder verschiedenen Schulbücher dann zum Einsatz kommen müsse……..

Dem Kläger genügte offenbar weder die Diskussion in der Schule, noch solche innerhalb der Familie – er forderte er von der Schulverwaltung die Verwendung eines anderen Geschichtswerks; das Berliner Schulgesetz verpflichte die Schule zu Stellungnahmen gegen die Gewaltherrschaft des NS-Regimes.

Beim Verwaltungsgericht Berlin scheiterte er mit seiner Klage

  1. bereits an der Hürde der Zulässigkeit, weil er  durch die Verwendung des Schulbuches nicht in eigenen Rechten verletzt werde und daher nicht klagebefugt sei.  Das Berliner Schulgesetz verleihe weder Eltern noch Schülern einen Anspruch auf Verwendung bestimmter Lehr- und Lernmittel.
  2. Auch sei der Kläger durch die Wahl des Schulbuchs nicht in seinem aus Art. 6 Abs. 2 des Grundgesetzes folgenden Recht auf Erziehung beeinträchtigt.
  3. Insbesondere verletzten die konkreten Formulierungen nicht das staatliche Neutralitätsgebot. Sie seien in dem Buch Teil einer Schilderung militärischer Vorgehensweisen. Im Sinne einer kriegerischen Operation der Einnahme oder Rückeroberung eines vom Gegner besetzten Gebietes werde gerade auch in den Ländern der beteiligten Alliierten der Begriff „Invasion“ für die Landung in der Normandie verwendet. Auf eine Verunglimpfung der alliierten Soldaten oder eine Verharmlosung der Angriffe der Wehrmacht deute in dem Schulbuch nichts hin.

Gegen das Urteil kann ein Antrag auf Zulassung der Berufung an das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg gestellt werden.

VG Berlin –  7. Januar 2016  – VG 3 K 84.15
Quelle: Pressemitteilung vom 03.02.2016

Hick Hack © Liz Collet

Über Liz Collet

Photographer, Author, Foodstylist, Jurist
Dieser Beitrag wurde unter Kommentar, Rechtsprechung, Verfahrensrecht, Verfassungsrecht, Verwaltungsrecht abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s