Bayerisches Gesundheitsministerium ab Herbst 2017 in Franken (also ausserhalb Bayerns…??)

Bayern © Liz Collet

Bayern © Liz Collet

Über das Verhältnis Frankens zu Bayern und das Selbstverständnis der Franken als Bayern oder Doch-Nicht-Bayern spotten nicht nur manche Redensarten („Man muss Gott für alles danken, auch für Ober-, Unter- und auch Mittelfranken“).

Selbst im Kontext des (wie man hört meistverkauften) Bayerischen Kochbuches, von dem im Laufe seiner rund 80-jährigen Geschichte und auch leichten Anpassungen 1,6 Millionen verkauft worden sein sollen. 

Volksmund, der den eigenen Mund füllt, füttert mehr als Klischees und Scherze, tut da viel von Wahrheit des eigenen und bis heute ungebrochenen fränkischen Selbstverständnisses und Selbstbewusstseins kund, wenn eine der Passantinnen exemplarisch frisch von der Leber über die Lippen hinweg bekennt, das Bayerische Kochbuch nicht zu verwenden, weil sie schliesslich Fränkin und keine Bayerin sei ( HIER ab Min. 16:20, HIER in den ersten 20 Sekunden des zweiminütigen Ausschnittes).

Wenn man so will, hat die Frotzelliebe der Franken und sonstigen Bayern, die en passant durchaus gegenseitig und ebenso beliebt wie das Frotzeln anderer untereinander ist, gewissermassen historische Wurzeln. Mit heiteren und ernsteren Elementen der Langzeitfolgen einer Beamtenmigration von Franken in die Residenz- und Landeshauptstadt. Wenn man so will.

Die Region Franken bildete im Hochmittelalter im Wesentlichen den Ostteil des fränkischen Stammesherzogtums und seit 1500 den Fränkischen Reichskreis. Napoleon war es wieder einmal, der nicht nur sprachlich im Alltag und sprachlich auch nicht nur in der Bayerischen Küche für Spuren sorgte.

Wie übrigens auch der vemeintlich Bayerische Leberkäse ein Immigrant aus der Pfalz ist. Oder ein „Mitbringsel“. Des  Kurfürsten Karl Theodors. Durch dessen am 22. September 1766 mit Kurfürst Max III. Joseph von Bayern unterzeichneter Vereinbarung wurde erstmals Bayern und Pfalz als unteilbarer Gesamtbesitz behandelt. Nach dem Tod des bayerischen Kurfürsten 1777, trat Karl Theodor seine Nachfolge an und wurde  „Herr der sieben Länder“. Er verlegte – wie in der Vereinbarung vorgesehen – 1778 seine Residenz von Mannheim nach München und brachte seine landfremden pfälzischen Räte in den nun Pfalz-Baiern genannten neuen Doppelstaat. Nicht nur, dass er Bayern in der Folgezeit gegen Österreichische Niederlande zu tauschen versuchte, machte ihn in Bayern lange Zeit unbeliebt, auch wenn diese Tauschpläne scheiterten. Dass München und Bayern ihm neben dem Englischem Garten und u.a. mit Rumford auch diverse Reformen verdankt, ist eine andere Geschichte. In der als kulinarisch-charmante Fussnote auftaucht, dass es jener Metzger war, den Kurfürst Karl Theodor aus Mannheim mit in meine Isarmetropole brachte und der vor rund 200 Jahren eine Komposition aus fein gehacktem Schweine- und Rindfleisch schuf, welche seinerzeit nicht in den heute üblichen Aluformen, sondern in Brotformen gebacken wurde. Letzteres wäre vielleicht auch heute wieder ganz gut.

Nun, Franken erlebte  später eine eher unfreiwillige Verbindung, als im Zuge der Neugliederung der süddeutschen Staaten und nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches der größte Teil Frankens Bayern zugesprochen wurde.

Nun gab es seinerzeit keine „Volksbegehren“ und „Volksentscheide“, aber rebellisches Wesen ist dem Menschen bekanntlich nicht erst durch und in Demokratien eigen, sondern gelegentlich Voraussetzung für deren Entstehen. Wer, wenn nicht Napoleon hätte das mit Blick auf die stürmische Begeisterung um die Bastille wissen können und müssen….

1803 erhielt das spätere Königreich Bayern mit dem Reichsdeputationshauptschluss unter dem Druck Napoleon Bonapartes über Säkularisation und Mediatisierung große Teile Frankens. Über die Rheinbundakte begann eine stärkere Anbindung Bayerns, Württembergs, Badens und anderer Gebiete an Frankreich. Damit zerfiel in der Folgezeit das Heilige Römische Reich wie auch der Fränkische Reichskreis im Jahr 1806. Bayern wurden weitere Gebiete zugesprochen einschliesslich der Reichsstadt Nürnberg. Im sogenannten Rittersturm bekamen Bayern, Württemberg und Baden ab 1803 auch die oftmals nur wenige Dörfer umfassenden Kleinstterritorien der Reichsritter und der fränkischen Ritterschaft, die im Reichsdeputationshauptschluss gar nicht genannt worden waren. 1806 und 1810 musste Preußen seine 1792 erworbenen Besitztümer Ansbach und Bayreuth an Bayern abgeben.

Mit dem Wiener Kongress fielen 1814 áuch die Territorien des Fürstentums Aschaffenburg und des Großherzogtums Würzburg an das Königreich Bayern.

Da dies zu einer Kleinstaaterei vor allem in Franken und Schwaben führte, reformierte Maximilan Joseph von Montgelas die Verwaltung zu einem bayerischen Gesamtstaat und schuf 1838 die fränkischen Regierungsbezirke mit den heutigen Namen Mittel-, Ober- und Unterfranken, die natürlich die in den fränkischen Gebieten herrschenden Ressentiments gegen die neue Zugehörigkeit zu Bayern nicht beseitigten. Forderungen nach republikanischen Strukturen folgten, Revolten 1848 und 1849 oder auf dem Gaibacher Fest 1832 spiegeln deren Vehemenz.

Versöhnungspolitik der Wittelsbacher, Einheitspolitik von Montgelas, die Eingliederung Bayerns in das Deutsche Reich 1871 mit der Folge der leichten Schwächung der Position Bayerns, milderten die Widerstände zwischen Franken und Bayern. König Max I. Joseph und sein Erster Minister Montgelas indessen sind als Schöpfer des modernen bayerischen Staates zu sehen. Sie schufen eine effiziente Staatsverwaltung für das vergrößerte Bayern und teilten das Land in acht Verwaltungskreise ein.

Die Zahl der damals 8, später 7 Bezirke führt – en passant bemerkt – dazu, dass manche bis heute streiten, wieviele Teigböden-Schichten eine „Original“-Prinzregententorte haben musste oder heute haben müsse. Aber darüber, wieviele Schichten das Originalrezept gehabt habe, werden bestenfalls noch Konditorenkriege gefochten, in denen es mehr oder weniger wohl eher darum geht, wessen Vorfahren die Erfindung des Rezepts für sich reklamieren dürften; man wuchert hier und da gern mit den Meriten der Ahnen, wenn’s für’s Geschäft kommod und fürstlich auch heute noch gewinn- und prestigebringend ist.

Die acht Verwaltungskreise wurden durch ein neu geschaffenes Beamtenwesen verwaltet. Man führte die allgemeine Schulpflicht ein und schuf durch Vereinheitlichung von Maßen, Gewichten und Währung sowie durch die Abschaffung der Binnenzölle und des Zunftzwangs einen einheitlichen Wirtschaftsraum. 1808 gewährte Maximilian I. Joseph Bayern zudem eine erste Verfassung.

Hinzu kamen infrastrukturelle Veränderungen: Von 1836 bis 1846 baute das Königreich Bayern zwischen Bamberg und Kelheim den Ludwig-Donau-Main-Kanal, der 1950 aufgelassen wurde. Seine Bedeutung wurde nach der Einweihung durch die Eisenbahn überholt. Zwischen 1843 und 1854 entstand die Ludwig-Süd-Nord-Bahn und verband innerhalb Frankens Lindau über Nürnberg, Bamberg und Kulmbach mit Hof. Die erste Lokomotive mit einer Fahrt auf deutschem Boden fuhr bekanntlich am 7. Dezember 1835 von Nürnberg nach Fürth. Frankens Erschliessung mit Infrastruktur zu Land und zu Wasser, könnte man sagen.

Mit der Abschaffung der Monarchie in Bayern nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu keinem Kompromiss zwischen einem Rätesystem und dem Parlamentarismus, stattdessen zu Tumulten zwischen den gegnerischen Lagern und zur Erschiessung des damaligen Ministerpräsidenten Kurt Eisner. Die Regierung floh aus München 1919 nach Bamberg. Dort wurde die Bamberger Verfassung verabschiedet, während in München die Bayerische Räterepublik bestand. 1919 entschied sich der Freistaat Coburg in einem Referendum gegen einen Beitritt zu Thüringen und für Bayern.

Die 1971 bis 1980 in Bayern durchgeführte Gebietsreform sollte leistungsfähigere Gemeinden und Landkreise zu schaffen. Unter teilweise großem Protest der Bevölkerung wurde die Anzahl der Gemeinden um zwei Drittel, die Zahl der Landkreise um etwa die Hälfte vermindert. Unter anderem kam der bis dahin mittelfränkische Landkreis Eichstätt zu Oberbayern. Die zunehmende Bedeutung Frankens spiegelt sich nicht nur in dem „Tag der Franken“, den der Bayerische Landtag am 18. Mai 2006 in den fränkischen Gebieten des Freistaates beschloss oder der Gründung des Heimatmuseums in Nürnberg. Seit 1989 sind für die fränkischen Regionen Bayerns in den neuen Bundesländern und Tschechien neue Absatzgebiete entstanden und damit einhergehend eine Stärkung der Wirtschaft erholte, die Franken im Zentrum der EU liegend erscheinen lassen kann.

Nun geht der Zug und Umzug von Verwaltung, Exekutive ein Stückerl in die umgekehrte Richtung mit der Aus- und Verlagerung von Ministerien wie dem dort gleich angesiedeltem Heimat- und dem nun umzusiedelndem Gesundheitsministerium und will auch ein starkes Signal aktiver Strukturpolitik setzen und eine Chance für Gesundheitsregion Franken bieten.

Das Kabinett stimmte daher gestern einem Konzept von Gesundheitsministerin Melanie Huml zu, das zahlreiche wichtige Eckpunkte enthält. Demzufolge werden im Herbst 2017 die ersten Beschäftigten des Ministeriums ihre Arbeit in Nürnberg aufnehmen und auch die Ministerin wird ihr dortiges Büro beziehen. Als Dienstgebäude in Nürnberg ist das frühere Gewerbemuseum vorgesehen. Ab dem Jahr 2018 wird Schritt für Schritt der weitere Aufbau des Dienstsitzes in der Frankenmetropole erfolgen.

Der Umzug soll auch die Interessen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berücksichtigen. Um möglichst viele der Mitarbeiter zu einem Verbleib im Ministerium zu motivieren, würden attraktive Arbeitsbedingungen geboten, ungeachtet der Prinzipien der Freiwilligkeit und der Sozialverträglichkeit bei der Verlagerung. Versetzungen nach Nürnberg seien nur im Einvernehmen mit den Beschäftigten möglich. Auch würden die Personalvertretungen in die Planung eingebunden. Zu den Maßnahmen für ein modernes und attraktives Arbeitsumfeld würden auch die Telearbeitsmöglichkeiten ausgedehnt. Bereits ab Anfang 2017 soll eine entsprechende Neuregelung gelten. Ferner werde die Flexibilisierung der Arbeitszeitmodelle vorangetrieben und auch hierzu eine neue Dienstvereinbarung zum Jahreswechsel in Kraft gesetzt.

Btw…. nicht nur das Bayerische Kochbuch selbst hat keineswegs nur vermeintlich pur bayerische Rezepte und auch keineswegs nur solche, die mit den politischen Spuren Napoleons auch kulinarischen und sprachlichen Eingang in die Küche Münchens und Bayerns fanden. Welche weiteren im Laufe der Auflagen früh aus England, Italien und anderen Ländern darin Eingang fanden, ist HIER in einem 13-minütigem Videobeitrag zu sehen und zu hören.

Folgen politischer Veränderungen wie auch von Trends finden in den Auflagen ihren Spiegel. Wie das Bayerische Kochbuch entstand, durch wen – dazu gibt es inzwischen sogar eine Biographie über das Bayerische Kochbuch. Eine durchaus interessante Biographie, da sie mehr als nur das Kochbuch selbst und seine Autorin Maria Hofmann beleuchtet, sondern auch die Miesbacher Frauenschule. 1903 gehört diese zu den ersten, an denen Frauen eine Berufsausbildung machen können. 

Ob die Stärkung Frankens durch den Umzug des Gesundheitsministeriums à la longue auch irgendeinen Niederschlag in einer der künftigen Auflagen des Bayerischen Kochbuchs finden wird…. on va voir. Schau‘ ma‘ mal.  

Eines aber war und ist schon lange gewiss – gutes Essen ist (neben einer tüchtigen Prise Humor) keine der schlechtesten, sondern einer der besten Grundlagen für Völkerfreundschaften, um das und um die es sich innerhalb der, wie auch über Bezirks-, wie alle Landesgrenzen hinaus stets mit Dipomatie wie mit Freude am Genuss zu verhandeln und zu verbandeln lohnt. Und eine der besten Zutaten für die Gesundheit ohnehin.

PS: Da ich nun eh schon dabei bin, Ihnen einige Illusionen über angeblich und vermeintlich Urbayerisches zu zerpflücken und zu nehmen, über den Bayerischen Löwen in Wappen und Wahrnehmung als DEM Viecherl für die Macht und Metpaher für selbige schlechthin, parlieren wir auch noch. Dazu aber NEBENAN mehr, nachher.

Über Liz Collet

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